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Von später Verlobung, unerfüllten Wünschen und ungestörtem Sex im Pflegeheim

Sehnsucht kennt kein Alter – oder doch?

Bad Pyrmont / Lügde. Nicht nur verknallte Teenies sehnen sich nach Zärtlichkeit und Berührung. „Man hat das Recht, sich zu jeder Zeit und in jedem Alter zu verlieben“, sagt Rainer Schmeinck. „Es ist ein wichti-

veröffentlicht am 14.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

Claudia Guenther
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Bestandteil des Lebens, dass man Liebe und Sehnsucht auch ausleben kann.“ Damit meint der leitende Sozialarbeiter des Pyrmonter Altenheims „Haus am Moorteich“ auch die körperliche Liebe und Leidenschaft. Wichtig sei es, Menschen, die aufgrund von Beeinträchtigungen oder ihres Alters nicht mehr autark leben und ihre Wünsche einfach umsetzen können, dabei zu unterstützen.

Mit viel Sympathie erzählt Schmeinck die Geschichte eines Liebespaares: Die 75 Jahre alte Witwe und der gleichaltrige Witwer verliebten sich im Heim ineinander. Und zwar jeden Tag aufs Neue. Denn beide waren dement. Nach ihrer morgendlichen Runde im Gemeinschaftsraum saß Lene Geibel (Name geändert) stets auf einem Sessel im Flur. Und stets kam Heinrich Krauss den Korridor entlanggeschlendert und erblickte seine Angebetete. „Du hier?!“, rief er dann freudig überrascht, erinnert sich Schmeinck. Heinrich setzte sich zu seiner Lene, und „dann gab es das erste Küsschen“. Die Küsse wurden schnell sehr leidenschaftlich. Weil ein öffentlicher Raum wie der Flur dafür nicht der geeignete Ort gewesen sei, habe man den Frischverliebten eine Rückzugsmöglichkeit geschaffen: In einem kleinen Zimmer ganz in der Nähe des täglichen Treffpunktes hätten sie sich ungestört ihrer Liebe hingeben können, erzählt der Sozialarbeiter über den Umgang mit dem Paar, das inzwischen verstorben ist. „Ich habe es bei älteren Pärchen erlebt, dass sie sehr, sehr glücklich waren“, erinnert er sich. Die Kinder solcher Paare seien meist froh und erleichtert darüber, wenn ihre Eltern im Alter nicht alleine bleiben, sondern noch einen Partner finden. „Das hat mir die Augen geöffnet, dass man sensibel damit umgehen muss.“

Allerdings seien längst nicht alle Mitarbeiter in jedem Heim dem menschlichen Bedürfnis gegenüber aufgeschlossen, bedauert Schmeinck. Die Ursache sieht er in überholten „Werteeinstellungen“. Wer die habe, spreche alten und beeinträchtigten Menschen solche grundlegenden Entfaltungsmöglichkeiten einfach ab.

Heimleiter Nils Ackermann erinnert sich indes an eine Fortbildung zum Thema Liebe und Sexualität im Alter im Landkreis Lippe. „Das Haus war voll und es war ein anregender Abend“, beschreibt er das Interesse der Pflegekräfte am Austausch über das Bedürfnis hilfsbedürftiger Menschen nach Zuneigung und auch nach sexueller Betätigung.

Der allein lebenden Gisela Schott geht es da ganz anders: Sie erfreut sich bester Gesundheit, und ihre 70 Jahre sind der lebensfrohen Frau nicht anzusehen. Seit einem halben Jahr hat sie nun einen gleichaltrigen Freund. „Gedacht hab‘ ich mir das ganz anders“, räumt sie ein. Damit spielt sie auf eine Hoffnung an, die aktuell unerfüllt bleibt. Ihre jetzige Beziehung sei platonisch, bedauert sie. Ihre vorherigen Freunde seien oft jünger gewesen als sie selbst, und sie habe den Sex mit ihnen stets sehr genossen. „Die haben zu mir gesagt, Du genießt es bestimmt noch mit 80“, erzählt sie lächelnd. „Ich weiß, dass bei vielen Frauen meines Alters die Bedürfnisse da sind. Das ist aber schwierig, weil die Männer oft sehr rückständig sind.“ Ebenso kennt sie aber auch andere Frauen, die froh sind, nach dem Tod des Ehemannes oder der Trennung vom Partner mit dem Thema Sex abschließen zu können und ihre Ruhe zu haben. Doch ganz zufrieden ist die Pyrmonterin mit ihrer momentanen Situation nicht. „Ich bin nicht total glücklich, jemanden gefunden zu haben. Er ist nicht empathisch“, bedauert sie. Somit geht es der Rentnerin keinen Deut anders als so mancher jüngeren Frau in ähnlicher Lage. Denn auch die mag sich bisweilen fragen: „Tut dieser Mann mir gut?“

Margot Fritsch und Heinz Kunert haben mit solchen Kümmernissen nicht zu kämpfen. Die 73-Jährige und ihr 89 Jahre alter Partner kennen sich bereits seit 15 Jahren. Inzwischen sind die beiden Verwitweten miteinander verlobt.

Sie habe lange Zeit viel Freiheit gehabt, da ihr Heinz in Hannover lebte und Besuche immer gut geplant werden mussten, erinnert sich Margot Fritsch. Sie seien viel gemeinsam gereist und auch gepilgert.

Vor vier Jahren hatte Heinz Kunert dann genug vom Pendeln zwischen zwei Wohnsitzen. „Kann ich bei Dir einziehen? Du hast doch Platz“, fragte er damals.

„Es ist alles sehr harmonisch“, freut sich Fritsch heute über dieses Wagnis. „Er macht Musik, spielt Klavier und ich Flöte. Die Kinder sehen, dass hier alles klappt, es mir gut geht und ich Zeit für die Enkel habe.“

Auch Heinz Kunert ist zufrieden mit dem gemeinsamen Leben. „Das war gut so“, sagt er über die Entscheidung für die tägliche vertraute Zweisamkeit und gegenseitige Hilfe im Alltag. Keine Frage also: Liebe kennt kein Alter. Doch die Vorstellungen, wie Menschen im vorgerückten Lebensalter ihre Sehnsucht nach Zweisamkeit leben wollen und können, sind so unterschiedlich wie in jedem anderen Lebensalter.



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