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Jo van Nelsen hangelt sich durch deutsche Weihnachtsbräuche

Schwarz und skurril

Bad Pyrmont. Es hat gefühlt fünf Minuten gedauert, bis der erste zaghaft geklatscht hatte. Bis dahin betretenes Schweigen. Die Gäste im Bad Pyrmonter Kurtheater waren vermutlich so traumatisiert, dass sie nicht einmal überlegen konnten, ob Telefonseelsorge oder ein psychologischer Dienst hilfreich wäre.

veröffentlicht am 18.12.2015 um 13:20 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 00:21 Uhr

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Autor:

Carlhermann Schmitt
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Dabei hatte alles so nett begonnen. Jo van Nelsen hangelte sich durch die skurrile Geschichte des Weihnachtsfests in Deutschland, rezitierte erbauliche Gedichte aus dem 19. und 20. Jahrhundert, spielte weihnachtliche Schellackplatten auf seinem Grammofon, das er unentwegt aufziehen musste und dessen Tonabnehmernadel nach jeder Platte ausgewechselt werden musste.

Er begann bei der Hausmusik und erzählte dann aus den Anfängen der Unterhaltungsindustrie. „Die erste öffentliche Radiosendung war 1920 ein Weihnachtskonzert der Reichspost, das Königs Wusterhausen gesendet hatte.“ Immer untermalt durch zeitgenössische Bilder, die er auf einer großen Leinwand präsentierte.

Für viel Erheiterung sorgten auch Werbeanzeigen, die mit Hosenstreckern oder Korsetten als Weihnachtsgeschenk eine baldige Vermählung in Aussicht stellten oder ein Stück von Ludwig Thoma, in dem Oberstaatsanwalt Saltenberger seine Töchter Emerentia, Rosalie und Marie mit Bräutigammen zu bescheren gedachte.

Dann kippte der Abend, allmählich zwar, als die Weihnachtsbilder auf der Leinwand zwar niedliche Jungs und Mädchen zeigten, der Kontext sich aber verschob: Knirpse mit Pickelhaube und Gewehr oder Fahnen und Kanonen. Mädchen, die im Weihnachtsabendgebet ihre Engel an die Front und Kaiser Wilhelm schicken. Kriegsbilderbücher und das Kinderbuch „Wir spielen Weltkrieg“ wurden als Weihnachtsgeschenke für Nachwuchssoldaten empfohlen.

Danach behandelte Jo van Nelsen kurz die 20er Jahre. „Ich möchte sie weniger als golden bezeichnen, sondern eher als Tanz auf dem Vulkan.“ Und schon begannen die Nationalsozialisten, sich des Weihnachtsfestes zu bemächtigen. Van Nelsen berichtete von deren Dilemma, die Geburt eines Juden zu feiern, das dahingehend gelöst wurde, Jesus durch Hitler zu ersetzen: „Unser Führer, der Retter ist da“ hieß es auf einem Stempel.

Van Nelsen zitierte aus dem Leitfaden „Deutsche Kriegsweihnacht“, der vom Hauptkulturamt der NSDAP herausgegeben wurde, um den Deutschen zu vermitteln, wie das Weihnachtsfest staatsraisonkonform zu begehen ist.

Die Texte, die aufzeigen, mit welchen Bitten für Mutter, Vaterland und Führer die Kerzen am Weihnachtsbaum von den Kindern anzuzünden sind, sind so schwarz und skurril, dass sie für deutliche Beklemmung sorgen.

Dann folgten einige Überlegungen Christine Bruckners, die sich in ihrer 1945 gehegten Hoffnung nach endlich endgültigem Frieden so enttäuscht sah. Jo van Nelsen verließ die Bühne, der Beamer spuckte die Daten von rund 30 Kriegen, in denen mehr als 25 Millionen Menschen ihr Leben verloren hatten, an die Leinwand.

Während der Vorstellung zeigte Jo van Nelsen zwar das Kriegsbilderbuch „Hurra“ mit dem Untertitel: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein/ Wir lassen keinen zu uns rein!“, doch ein Verweis auf die menschenverachtenden Umtriebe von Pegida fehlte.



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