weather-image
14°
Verwaltung sieht noch keine akute Gefahr

Sauer auf die Stadt: Frau Mazet und der Schandfleck

BAD PYRMONT. Es muss ein repräsentables Gebäude gewesen sein, das Haus an der Bahnhofstraße 46. Aber das ist lange her. Seit Jahren rottet die Gründerzeit-Villa vor sich hin. Waltraud Mazet wohnt schräg gegenüber. Ihr und anderen Anwohnern ist der Anblick ein Dorn im Auge. Sie findet, die Stadt müsse einschreiten.

veröffentlicht am 27.08.2018 um 21:53 Uhr
aktualisiert am 27.08.2018 um 23:00 Uhr

Waltraud Mazet auf ihrem Balkon. Von hier auf hat sie die verfallende Villa an der Bahnhofstraße 46 direkt im Blick. Sie findet, das Ordnungsamt müsste einschreiten. Foto: yt
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Im verwilderten Vorgarten stehen zwei Container, einer mittlerweile randvoll. „Da halten immer wieder Autos an, deren Fahrer dann ihren Müll dort reinwerfen“, sagt Waltraud Mazet. Vom Balkon aus guckt die 65-Jährige direkt auf die verfallende Villa.

„Tagsüber haben drinnen schon Kinder gespielt“, hat sie beobachtet – und ist in Sorge, dass sie sich verletzen könnten auf dem inoffiziellen Abenteuerspielplatz, der abends dann von anderen Leuten genutzt wird. „Ich habe drinnen schon mehrfach flackerndes Licht gesehen“, sagt Mazet. „Wahrscheinlich hat da jemand eine Kerze an.“

All das hat die pensionierte Röntgenassistentin der Stadtverwaltung mehrfach mitgeteilt, wie sie sagt. Erstmals vor zwei Jahren. Damals habe man ihr im Ordnungsamt gesagt, das Thema sei Sache der Politik. Im Bürgermeister-Vorzimmer habe ihr eine Mitarbeiterin im Juni zugesagt, man werde sich melden. Als sie dann immer noch nichts hörte, sammelte sie Unterschriften in der Nachbarschaft. „Die belegen ein öffentliches Interesse“, glaubt Waltraud Mazet. „Aber es geschieht nichts. Und es kommt noch mehr Müll dazu.“

Sie fordert die Entfernung des Abfalls und das Aufstellen eines Bauzauns samt „Betreten verboten“-Schild. Kümmere sich der Eigentümer nicht, müsse das eben die Stadt tun, findet Mazet. „Das Ordnungsamt hat dafür zu sorgen, dass Sicherheit gewährleistet ist.“

Ihren an den Bürgermeister und alle Ratsmitglieder adressierten Brief mit einem knappen Dutzend Unterschriften gab sie Ende Juni im Rathaus ab. Eine Woche später erhielt sie eine Antwort aus der Bauverwaltung. In dem Brief wurde ihr versichert, auch die Stadt sei nicht zufrieden mit dem Zustand des Hauses. Es liefen mehrere bauordnungsrechtliche Verfahren, um den Erhalt des Gebäudes zu sichern und einen rechtmäßigen Zustand herzustellen. Die Stadt werde, soweit möglich, eine Verbesserung der Situation herstellen. Falls Waltraud Mazet wieder einmal Leute im Haus sehe, möge sie bitte gleich im Polizeikommissariat Bescheid geben. Das steht, nur getrennt durch den Penny-Parkplatz, quasi nebenan.

Doch wem gehört die alte Villa überhaupt? Einfach in Erfahrung zu bringen ist das nicht. Offizielle Auskünfte verhindert der Datenschutz. Umfangreiche Telefonrecherchen führen schließlich zu einem Mann, den die Inhaberin einer Gaststätte in einem Nachbarlandkreis „Chef“ nennt. Er bezeichnet den mutmaßlichen Hauseigentümer erst als Kollegen, dann als Schwager, dem das Geld ausgegangen sei.

Klar ist nur soviel: Früher gehörte die Villa dem als Miteigentümer des Teufelsbergs im Berliner Grunewald zu bundesweiter Bekanntheit gelangten Bad Pyrmonter Architekt Dr. Hanfried Schütte. Der übergab es seinem Sohn Marvin Schütte. „Und ich hatte dann wegen des Teufelsbergs keine Zeit, mich darum zu kümmern“, sagt Schütte junior, der das Berliner Areal gepachtet hat. Er verkaufte die Pyrmonter Immobilie vor etwa eineinhalb Jahren. „Der Denkmalschutz war da schon gestrichen“, sagt Schütte. Das habe er schriftlich bekommen. Vorher hätten sich der damals im Rathaus für den Denkmalschutz zuständige Mitarbeiter und ein weiterer Denkmalpfleger das Haus von innen angesehen. Man habe sich darauf verständigt, dass die Fassade erhalten werden solle.

Der Käufer fing bald darauf an, die Rückseite des Gebäudes zu entkernen – bis ein Baustopp den Arbeiten ein Ende setzte. „Plötzlich gab es Probleme mit dem Denkmalschutz“, hat Waltraud Mazet gehört. „Dabei sollte es sehr schön werden. Mit einem Café im Erdgeschoss.“

Seit von einem auf den anderen Tag das Gerüst abgebaut wurde, scheint das Baudenkmal, dessen Erhalt das erklärte Ziel der Denkmalpflege ist, dem Verfall preisgegeben. Die Container scheint auch niemand zu vermissen. Mit ihrem Eigentümer kommt kein Telefonat zustande. Nicht auszuschließen, dass er ihn günstiger kommt, seinen Container abzuschreiben, als auf den Entsorgungskosten für dessen Inhalt sitzenzubleiben.

Um in der Politik Gehör zu finden, schilderte Waltraud Mazet das Problem nun auch beim Bürgergespräch der CDU. „Es muss doch möglich sein, den Müll wegzuschaffen und einen Bauzaun aufzustellen“, fand sie. Bürgermeister Klaus Blome (parteilos) räumte zwar ein: „Schrottimmobilien sind ein wichtiges Thema.“ Stadtkämmerer Weber machte indes klar, dass die Stadt wegen der Container nicht einschreiten könne. Und er betonte: „Es kann nicht sein, dass von der Stadt gefordert wird, aus Steuermitteln Ersatzvornahmen zu leisten.“ Einschreiten könne sie im Rahmen der Gefahrenabwehr nur bei Rattenbefall.

Aus der Entfernung hat Waltraud Mazet noch keine Nager gesehen. Nur die spielenden Kinder am Tag und den Kerzenschein bei Nacht.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare