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Recycling statt Birne und Bagger

Von Wolfgang Siefert

 

Elbrinxen. Wenn alte Gebäude erzählen könnten, so manche Geschichte und Anekdote würden sie zum Besten geben und berichten aus einer längst abgeschlossenen Epoche, als die Landwirtschaft dieser Region seinen Stempel aufdrückte und die Menschen kennzeichnete.

veröffentlicht am 27.12.2009 um 16:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 03:21 Uhr

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Von Wolfgang Siefert

 

Elbrinxen. Wenn alte Gebäude erzählen könnten, so manche Geschichte und Anekdote würden sie zum Besten geben und berichten aus einer längst abgeschlossenen Epoche, als die Landwirtschaft dieser Region seinen Stempel aufdrückte und die Menschen kennzeichnete.
 Das ehemalige landwirtschaftliche Anwesen Nolte am Schäferberg war eines dieser typischen Vierständehäuser. Ende des 17. Jahrhunderts wurde es laut alten vorliegenden Unterlagen gebaut und ist damit eines der ältesten Gebäude Elbrinxens. Mit der Nummer 28 wurde es in den alten Katasterunterlagen des Dorfes geführt.
 Das gesamte Baugerüst besteht aus Eichenholz aus der heimischen Region. Die Außenwände waren mit einem Flechtwerk aus wärmendem und isolierendem Lehm versehen. Das Innere dieser Häuser war nach praktischen Gesichtspunkten gestaltet. Die Tiere kamen damals noch vor den Menschen, das war auch in Elbrinxen ein ungeschriebenes Gesetz und hat das sehr einfache Leben der Menschen in dieser Zeit skizziert. Mittelpunkt war eine große Deele, auf der sich das tägliche Leben abspielte.
 Anne Rissiek, geboren 1922, kann sich noch genau an das Leben in ihrem Geburtshaus erinnern. Mit ihrem Bruder und ihrer Schwester wuchs sie auf dem Hof Nolte auf. „Es war immer viel zu tun in der Landwirtschaft, an eine geordnete Freizeitbeschäftigung wie heute war natürlich überhaupt nicht zu denken“, erinnert sich die rüstige Rentnerin, die Zeit ihres langen Lebens der Landwirtschaft treu geblieben ist. Und in den Kriegsjahren war so manches Mal die Verwandtschaft aus der Stadt zu Ernteeinsätzen in Elbrinxen.
 Das väterliche Anwesen wurde so manches Mal baulich verändert, ist so mit der Zeit gegangen und deren Anforderungen. Und dennoch haben soziale und wirtschaftliche Veränderungen in der Landwirtschaft letztlich für den Niedergang gesorgt, so wie auch andere zahlreiche landwirtschaftliche Anwesen.
 Seit dem Tod der Halbschwester Else Meier im Jahr 1996 – viele nannten sie liebevoll Tante Else – ist die Anlage verwaist. Anne Rissiek, geborene Nolte, hat das Anwesen von ihren Eltern Anna und August Nolte geerbt, nachdem ihr älterer Bruder Heinrich im Krieg gestorben war. Heute erfüllt das Anwesen schon lange nicht mehr die Anforderungen an den modernen Standard. Doch bevor der Zahn der Zeit weiter an dem einst stattlichen Anwesen nagt und möglicherweise zu einer Gefahr für Passanten wird, wurde im „Familienrat Rissiek“ beschlossen, das Gebäude nun in seine Einzelteile zu zerlegen. Kein Abriss mit Birne und Bagger, sondern ein gezielter Rückbau durch das Recycling-Fachunternehmen Martin Blöcher aus Lemgo-Entrup sollte es sein.
 Schritt für Schritt machten sich die Mitarbeiter ans Werk. Zuerst wurden die Dachpfannen vorsichtig abgetragen, es folgte der gewaltig große und noch gut erhaltene Dachstuhl aus Eichenholz.
 Sandtröge und zahlreiche noch gut erhaltene Eichenbalken waren als nächste an der reihe. Fein säuberlich nummeriert wurden sie per Kran von den Mitarbeitern auf Lastwagen verladen. Auch die Backsteine wurden vom Mörtel befreit, um dann später als wertvolles Baumaterial verwendet werden zu können. Die historisch wertvollen Balken werden mit erheblichen Anstrengungen im Rückbau geborgen und so einzeln für Restaurationen, Um- oder Ausbauten verwandt.
 Das Unternehmen Blöcher kann so schon einige „Rettungsaktionen“ vorweisen. So baute sie ein Vierständer-Fachwerkhaus aus dem Jahr 1818 fachmännisch ab und restaurierte es. Inzwischen wurde es mit einer Grundfläche von 30 mal 14 Metern wieder aufgebaut.
 Auch der Nolte-Hof soll – zumindest zum Teil – interessierten Besuchern zeigen, das auch alte Hofanlagen wieder zum Leben erweckt werden können. Auf der Freizeit- und Einkaufsmesse „Antikes & Historisches“ in Hannover soll der Dachstuhl wieder aufgebaut werden.
 „Es ist zunächst ein beklemmendes Gefühl, wenn das Geburtshaus innerhalb von nur wenigen Tagen abgerissen wird und unwiderruflich verschwindet. Doch es ist sicher besser so, als ein Gebäude nach und nach verfallen zu sehen“, hat Änne Rissiek auf ihre Weise Abschied genommen von einem lieb gewordenen Gebäude.



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