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Claudia Fricke über die Folgen der Brückenbaustelle für ihr „Bahnhof-Stübchen“

Pyrmonter Wirtin sieht Existenz bedroht

BAD PYRMONT. Seit Monaten fühlt sich Claudia Fricke wie die Service-Mitarbeiterin einer gemeinsamen Tourist-Info von Stadt, Taxenzentrale, den Öffis und der Deutschen Bahn. Nur, dass es so eine Stelle nicht gibt.

veröffentlicht am 24.08.2018 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 24.08.2018 um 20:30 Uhr

Gerade hat ein Kunde ihr schriftlich gegeben, dass die von ihr betreute Pyrmonter Bahnhofstoilette „die beste Toilette seit Langem“ sei. Vielleicht lege ich da ein Gästebuch aus“, überlegt Claudia Fricke herzhaft. Dabei ist ihr nach Spaßen eigentlich
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Und dass die Frau hinterm Tresen keinen Cent verdient, wenn sie genervten Neuankömmlingen den (Um)Weg in die Stadt erklärt, Wartenden ein Taxi herantelefoniert und sich Klagen über die Bahn, die Busse oder was auch immer anhört. Allein dafür kommen viele Leute in ihr „Bahnhof-Stübchen“. Nicht aber, um dort auch etwas zu kaufen. „Nähme ich für jede Auskunft 5 Euro, wäre ich schon steinreich“, sagt die 39-Jährige. Mehr als ein schiefes Grinsen entlockt ihr der eigene Galgenhumor aber nicht.

Natürlich tut Fricke, was sie kann, um den Ratsuchenden zu helfen. Denn längst nicht jedes Navi spuckt verirrten Autofahrern auch die richtigen Route aus. „Wer hier ortsfremd ist, ist verloren.“

Dass der Kleinunternehmerin regulär 800 bis 1000 Euro netto im Monat bleiben, wissen seit 26. November 2016 immerhin die Zuschauer der damaligen „Maybrit Illner“-Talkshow. In diese Sendung zum Thema „Altersarmut“ hatte das ZDF die Pyrmonter Kleinunternehmerin nach einem mehr zufälligen Kontakt eingeladen.

Doch die Zahlen von damals sind überholt. Seit 18. Februar ist Claudia Fricke auch noch baustellengeschädigt. „Mir fehlt ein Großteil des Durchgangsverkehrs, vor allem die Pendler am Morgen“, sagt sie. Dennoch steht sie deretwegen in aller Frühe auf, um den Park & Ride-Kunden ab 5 Uhr frisch belegte Brötchen bieten zu können. „Die will ich nicht enttäuschen“, sagt sie. „Das sind Stammkunden. Die verlassen sich auf mich.“

Zwei von vier Buslinien fahren den Bahnhof derweil seit einem halben Jahr nicht mehr an. „Und die beiden verbleibenden Busse kommen wegen der Umleitung über die Bad Freienwalder Brücke oft so spät, dass die Leute rennen müssen, um ihren Zug noch zu kriegen“, erzählt die Wirtin. „Da bleibt keine Zeit für Kaffee und Brötchen.“ Und die in der Innenstadt arbeitenden Fans ihrer Currywurst („mit hausgemachter Sauce!“) blieben nun auch häufiger weg. „Ihre Mittagspause ist zu kurz, wenn sie ewig hinter der Ampel an der Saline stehen.“

Das baustellenbedingte Einnahme-Minus schätzt Claudia Fricke auf 30 bis 40 Prozent. „Hätte ich meine Eltern nicht, wäre ich längst aufgeschmissen.“ Sie sei schuldenfrei in die Selbstständigkeit gestartet und habe sich fest vorgenommen, irgendwann auch schuldenfrei wieder auszusteigen, sagt sie. Aber seit klar ist, dass der Neubau der Heemsteder Brücke sich über 2018 hinaus verzögern wird, bangt sie akut um ihre Existenz. Und sie fragt sich, warum die Planer erst nach dem Abriss der alten Brücke erkannten, dass eine der alten Gründungen nicht trägt (wir berichteten). Und warum die Baustelle seit Wochen völlig ruht. „Als ich das in der Zeitung las, wurde mir fast schlecht“, sagt sie. „Warum werden nicht wenigstens die Arbeiten weitergeführt, die man erledigen könnte?“

Uta Weiner-Kohl von der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Hameln erklärt auf Anfrage: „In die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen der bauausführenden Firmen können wir nicht eingreifen.“ Immerhin zeigt die stellvertretende Behördenleiterin der Wirtin einen Weg auf: „Wenn jemandes Existenz durch eine Baumaßnahme nachweislich gefährdet ist, kann er sich an uns wenden.“ Die Möglichkeit einer Entschädigung werde dann geprüft.

Noch sei nicht klar, welchen Verzug die teils nötigen Umplanungen brächten. Aktuell würden die Ergebnisse einer Bohrung ausgewertet. Aber, so versichert Weiner-Kohl: „Wir werden alles daran setzen, dass alles schnellstmöglich abgearbeitet wird.“

Dabei sind die Mindereinnahmen nicht das einzige Problem von Claudia Fricke, die nebenher auch noch die Toiletten im Bahnhofsgebäude in Schuss hält. Dafür bekommt sie monatlich 306,78 Euro von der Stadt. Weil sie von den Putzmitteln nichts hält, die sie sich im Rathaus auch noch abholen müsste, kauft sie andere, die den feuchten Mauergeruch wirksamer kaschieren – und dreilagiges Toilettenpapier. Ein Mehraufwand, den die Stadt ihr nicht zahlt. „Aber die Gäste danken es mir“, sagt die Wirtin. „Die Toiletten sind doch das Aushängeschild der Stadt.“ Seit die mit Euroschlössern ausgestattet sind, sei ihr Reinigungsaufwand allerdings noch einmal gestiegen. Knapp 500 Euro Aufwandsentschädigung müsste sie mindestens bekommen, findet sie. Davon, dass sie auch noch den Wartepavillon auf dem Bahnsteig öffnet und abschließt, wenn die Service-Mitarbeiter der AIBP nicht da sind, will sie gar nicht reden.

Was Claudia Fricke trotzdem noch motiviert: „Auswärtige freuen sich immer wieder, dass es hier noch eine Gaststätte gibt“, sagt sie. „Eine Seltenheit in Bahnhöfen dieser Größe.“ Und warum hält sie durch? „Weil ich noch immer Spaß an der Arbeit habe und diesen hässlichen kleinen Bahnhof mag.“



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