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Ärzte und Zuhörer diskutieren mit dem Projektleiter der Testregion Wolfsburg / Bald nur noch elektronische Rezepte

Pyrmonter sträuben sich gegen die Gesundheitskarte

Bad Pyrmont (jhe). „Elektronische Gesundheitskarte – nein danke!“ Der Tenor im Publikum in der Wandelhalle war eindeutig. Die Kritik an der neuen Karte, die in den nächsten Jahren die jetzige Krankenversichertenkarte ablösen soll, konnten und wollten die Zuhörer der Podiumsdiskussion nicht verbergen. So standen Kai Burmeister, dem Projektleiter der Gesundheitskarten-Testregion Wolfsburg, wohl nicht allein wegen des grellen Scheinwerferlichts die Schweißperlen auf der Stirn.

veröffentlicht am 02.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 17:21 Uhr

Kai Burmeister betont positive Aspekte der Gesundheitskarte.
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Wie sicher sind die Daten, die auf der Karte gespeichert werden? Mit welchem Mehraufwand müssen Ärzte und Apotheker rechnen? Wie teuer wird die Einführung? Diesen und weiteren Fragen musste Burmeister sich stellen. In seinen Antworten versuchte er die positiven Eigenschaften der Gesundheitskarte hervorzuheben: „Sie bietet die Möglichkeit, die Qualität der Behandlung zu verbessern.“ Schließlich könne jeder Patient frei entscheiden, welche medizinischen Informationen auf der Karte gespeichert würden.

So könnten Ärzte einsehen, welche Behandlungen bei anderen Medizinern bereits erfolgt seien und welche chronischen Erkrankungen ein Patient habe. Die Sicherheit der Daten sei dabei in jedem Fall gewährleistet, sagte Burmeister und verwies auf „umfangreiche Verschlüsselungen“. Ein Argument, das die Zuhörer keineswegs beruhigte. „Selbst die tollste Datensicherung kann unterwandert werden, und gerade Versicherer haben ein großes Interesse an Patientendaten“, sagte Zuhörer Udo Joel.

Aber auch Burmeister betrachtete das neue System nicht nur von der positiven Seite. Ein größeres Problem als der Datenschutz sei die dazugehörige Technik, meinte der Projektleiter. Arztpraxen und Apotheken werden mit Karten-Lese-Terminals, Software und weiteren Geräten ausgestattet. „Der klassische Landarzt ist heillos überfordert, wenn man ihm plötzlich ein solches Netzwerk hinstellt“, meinte Burmeister. Zudem habe er in der Testregion Wolfsburg beobachtet, dass viele Systeme nicht funktioniert hätten.

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So graust es den niedergelassenen Neurologen und Psychiater Dr. Reinhard Jursch schon jetzt vor dem Zeitpunkt, an dem die neue Karte eingeführt wird. „Wenn es in der Praxis hakt, dann merken es die Patienten als erste.“ Denn für sie bliebe im Praxisalltag immer weniger Zeit. Unvorstellbar sei für ihn auch, wie Alten- oder Behindertenheime zukünftig mit Rezepten versorgt werden können.

Denn das herkömmliche Rezept auf Papier soll mit der neuen Gesundheitskarte verschwinden. Stattdessen wird ein elektronisches auf der Karte gespeichert. Jursch, in dessen Praxis an einem Vormittag oftmals 50 Rezepte ausgefüllt werden, fragt sich: „Wie soll das funktionieren? Sollen wir dann alle Chipkarten der Heimbewohner einsammeln? Und was ist, wenn die gerade beim Hausarzt liegen?“ Dazu Christian Müller, Geschäftsstellenleiter der Barmer Ersatzkasse: „Es werden nicht alle Fähigkeiten der Gesundheitskarte gleich am Anfang genutzt.“

Auch wenn noch viele Fragen nach der Diskussion offen bleiben, wird die Gesundheitskarte früher oder später eingeführt. Manch einer fragt sich da, wem sie überhaupt nutzen soll. Denn zumindest die anwesenden Ärzte zeigten sich wenig erfreut über die anstehende Neuerung. Der Allgemeinmediziner Dr. Werner Preston ist sich sicher: „Das wird eine immense Verschlechterung geben, für die unglaublich viel Geld ausgegeben wird.“

Dr. Reinhard Jursch (re.) ist von der elektronischen Gesundheitskarte nicht überzeugt.

Fotos (jhe)



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