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So geht es Jürgen Haut an der Baustelle des „Hotel Bergkurpark“

Pyrmonter Ex-Hotelier sieht Lebenswerk demontiert

veröffentlicht am 01.09.2016 um 22:09 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:12 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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BAD PYRMONT. „Ich habe damit abgeschlossen“, sagt Jürgen Haut. „Das gehört mir nicht.“ Mit „das“ meint er das einstige Vier-Sterne-Hotel „Bergkurpark“ an der Pyrmonter Ockelstraße. Seit 1961 haben er und seine Frau Gisela es betrieben. Bis zum Verkauf Ende 2009 gehörte es ihnen. Wie der über Jahrzehnte und gleich ein paar Baustile hinweg gewachsene Gebäudekomplex peu à peu zerlegt wird, können die Hauts seit Anfang August täglich live verfolgen. Sie wohnen in der Nachbarschaft.

Immerhin: Auf dem Balkon schirmt ein Windschutz auch den Anblick des Hotels ab. Und das Plätschern der Gartenbrunnen übertönt die Abbruchgeräusche. Und doch ist das mit dem Schlussstrich unter das längste Kapitel seines Berufslebens für Jürgen Haut so eine Sache. „Ich musste da schon ab und zu rüber, weil nur ich weiß, wo welche Leitungen liegen“, sagt der Ex-Hotelier, der seit dem Hotel-Verkauf ein paar Apartments vermietet. Denn der gelernte Hotelfachmann betrieb das Hotel nicht nur. Als Diplomingenieur hat er die Expansion seines Hauses von der 12-Zimmer-Pension zum 57-Zimmer-Betrieb sowohl maßgeblich geplant als auch selbst Hand angelegt, wie er erzählt.

Zum Beispiel die asbesthaltigen Eternit-Platten, die einen Teil des Gebäudekomplexes verkleiden. Sie werden derzeit mit einigem Aufwand unter den heute üblichen Schutzvorkehrungen von „Gästehaus 3“ abgebaut, dem 1971 hochgezogenen letzten Anbau.

„Die Platten habe ich damals mit dem Trennschleifer geschnitten – und ich lebe heute noch“, sagt Haut und zeigt auf die gräuliche Fassade mit den messingfarbenen Fenstern. „Die kriegen die Verkleidung jetzt schwer ab. Alles ordentlich angebracht. Mit sehr langen Nägeln.“ Seine Bauzeichnungen habe das Abbruchunternehmen bekommen. Ab und zu mache er Fotos vom Rückbau.

Das klingt weniger wehmütig als andere Erinnerungen an „vieles Schöne“. Dazu zählt Haut etwa das 1972 für 22 000 Mark gekaufte wandgroße Schnitzrelief des Schlosses Sanssouci für das gleichnamige Café im Haus. Oder die lebensgroße Statue des Alten Fritz, mit der der gebürtige Berliner ein Stück Heimat ins Weserbergland importierte.

„Wäre ich zehn Jahre jünger, hätte ich noch weitergemacht“, sagt Haut heute. Dabei denkt er an die bis zu 25 Schwarzwälderkirschtorten, die sein Konditormeister Hermann Ax an guten Sonntagen zu backen hatte. Oder an die vielen Silvesterbälle mit üppigem Büfett, Tanzmusik, Feuerwerk und Gästen, die für die gediegenen Events eigens aus Hannover anreisten. Und er zeigt ein paar goldfarbene Medaillen, mit denen früher die Büfetts aus seinem Haus prämiert wurden. Das „gesetzte ältere Publikum“ wachse ja nach. Da ist er sicher.

Die Zeit der hochkarätigen Giveaways zur Kundenbindung ist indes passé: Mit goldenen Ansteck- und Krawattennadeln wurden früher Stammgäste bei der 30. Anreise beschenkt. Von den seinerzeit eingekauften 1500 Streifen-Bindern mit dem grünen Nadelbaum-Logo hat Haut jetzt noch zwei. Als Apartment-Vermieter muss er sich zwar nicht mehr täglich in Schale werfen. Aber gelegentlich trägt er die Krawatte zum Goldknopf-Sakko noch.

Und auch die Daten und Fakten seiner Hotel-Ära schüttelt Haut aus dem Ärmel: „Wir hatten 65 Stammmitarbeiter, davon pro Lehrjahr etwa 15 Auszubildende. „Insgesamt wurden 358 Lehrlinge ausgebildet“, resümiert er.

An die drei letzten Jahre des Hotels und auch die Zeit seither hat er indes keine guten Erinnerungen. Das am 14. Mai 2013 eröffnete Insolvenzverfahren der letzten Betreiber läuft noch. Ob seine ausstehende Geldforderung gegen die „Hotel Bergkurpark Kretschmer / Thierbach Hotelmanagement GbR“, die er auf rund 200 000 Euro beziffert, jemals beglichen wird? Er weiß es nicht. Nach der Pleite sei das Betreiberpaar verschwunden. Den Vorwurf der beiden, die sich von ihm über den damaligen Zustand der Hotelanlage getäuscht sahen, lässt er nicht gelten. Die späteren Käufer hätten das Haus vor Vertragsschluss von den zuständigen Behörden mehrfach prüfen lassen, erinnert er sich.

Dass sein Lebenswerk nun für eine Wohnanlage eingestampft wird, begeistert ihn zwar nicht grundsätzlich – zumindest, wenn sich die Zeit ein paar Jahre zurückdrehen ließe. Etwa bis zur letzten großen Zimmerrenovierung 2008. „Aber Wohnhäuser sind besser, als wenn es weiter leer-stünde“, sagt Jürgen Haut.



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