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Ohne das Netzwerk Flüchtlingshilfe wären Asylsuchende in Bad Pyrmont aufgeschmissen

Probleme mit Sprachkursen

BAD PYRMONT. Im Gegensatz zu Hameln werden in Bad Pyrmont weder von der Volkshochschule noch von anderen qualifizierten Trägern Deutschkurse angeboten, obwohl hier ausreichend Bedarf gesehen wird, wie hier aktiv begleitende Integrationslotsen, Helfer im Flüchtlingsnetzwerk oder auch die Migrantenberatung bei der AIBP (Arbeit und Integration Bad Pyrmont) zu berichten wissen.

veröffentlicht am 07.04.2017 um 15:16 Uhr
aktualisiert am 07.04.2017 um 17:00 Uhr

Hamida aus dem Irak ist eine der 15 Teilnehmerinnen. Foto: ti
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Klaus Titze Reporter
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„Wie sollen wir mit unseren kleinen Kindern täglich nach Hameln kommen? Wie konzentriert lernen mit den Kleinen im Klassenraum? Wer kümmert sich um unsere Kinder, während wir lernen? Was ist, wenn sie unsere Nähe brauchen oder gestillt werden müssen? Warum wird nicht hier in unserer Stadt ein offizieller Sprachkurs mit Abschluss angeboten?“ So oder ähnlich lauten die Fragen der Frauen, die sich drei Mal in der Woche nachmittags zum gemeinsamen Lernen in der Max-Born-Realschule treffen.

Und ihre Fragen sind durchaus berechtigt. Ihre Männer beispielsweise oder auch Alleinstehende bekommen durchaus ein Sprachangebot in Hameln, das dort unterschiedliche Träger leisten. Das reicht von Alphabetisierungskursen für diejenigen, die zum Beispiel aus dem arabischen Sprachraum kommen und die lateinische Schrift nicht kennen, bis zu Integrationskursen. Der Vorteil: der Unterricht wird von bezahlten Lehrkräften oder Personal, das zuvor seine Qualifikation nachweisen musste, durchgeführt. Oder, von der Arbeitsagentur zu einzelnen Trägern gesandt, durchlaufen Flüchtlinge eine Art berufliche Qualifizierung und erhalten eher nebenbei deutschsprachige Grundlagen vermittelt.

Doch leider konzentrieren sich diese Maßnahmen eben ausschließlich auf die Kreisstadt. In Bad Pyrmont werden weder von der Volkshochschule noch von anderen qualifizierten Trägern Deutschkurse angeboten, obwohl hier ausreichend Bedarf gesehen wird, wie hier aktiv begleitende Integrationslotsen, Helfer im Flüchtlingsnetzwerk oder auch die Migrantenberatung bei der AIBP (Arbeit und Integration Bad Pyrmont) zu berichten wissen.

Bereits 2015 begann das Netzwerk mit gesammelten Spendengeldern mit einem ersten Sprachunterricht für in Bad Pyrmont angekommene Flüchtlinge. „Wir empfanden das als eine Art Willkommen und als Zeichen, dass man sich hier an ihrem Ankunftsort um sie kümmern wird“, sagt Ralf Gehring, Geschäftsführer der AIBP und Mitglied in der Arbeitsgruppe Finanzen, die hauptsächlich für die sprachliche Ausbildung eingehende Spenden verwaltet. „Bereits diese ersten von uns initiierten Sprachkurse begleiteten Ehrenamtliche, die sich um die Betreuung der Kinder kümmerten“, ergänzt Gehring stolz über den erfolgreichen Start.

Wissbegierig und lernfreudig sind sie allemal.

Elisabeth Theilen, Sozialberatung AIBP

Doch von offizieller Seite setzte keine Fortführung der Sprachausbildung ein. Wenn überhaupt den Flüchtlingen Angebote gemacht wurden, dann bevorzugt Männern und konzentriert in Hameln. „So haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und ein niederschwelliges Sprachangebot in Form einer Dialoggruppe betrieben“, schildert Elisabeth Theilen, bei der AIBP für die Sozialberatung zuständig. Von anfänglich einem Tag weitete die AIBP dieses Angebot auf insgesamt drei Nachmittage aus. Und dieses Angebot hat sich geradezu zu einem Erfolgskonzept entwickelt.

Von Montag bis Mittwoch läuft nachmittags in Klassenräumen der Max-Born-Realschule Deutschunterricht, den Ehrenamtliche vermitteln. Je nach Sprachkenntnissen unterteilt sind es Alphabetisierungskurse oder Kurse für Fortgeschrittene. Verständigungsprobleme lösen Schülerinnen, die so ihre muttersprachlichen Kenntnisse einbringen und selbst dabei ihr Wissen in der deutschen Sprache vertiefen. Zugleich betreuen Schülerinnen der Realschule bei Bedarf die Kinder der Lernenden. „Aktuell haben wir ungefähr 15 Frauen im Alphabetisierungskurs und eine ähnlich große Zahl von Frauen und Männern bei den Fortgeschrittenen“, weiß Theilen. Das Ziel ist es, möglichst vielen Flüchtlingen unabhängig von ihrer Bleibeperspektive die deutsche Sprache zu vermitteln, insbesondere eben auch denen, die keine offizielle Schulung erhalten.

Erforderliches Arbeitsmaterial werde von den Spendengeldern bezahlt. „So haben wir vom Paritätischen Hameln eintausend Euro zweckgebunden für die Dialoggruppe erhalten“, freut sich Theilen und nutzt die Gelegenheit, im Namen des Netzwerks Flüchtlingshilfe allen zu danken, die mit Spenden die sprachliche Förderung überhaupt ermöglichen. Nebenbei erhielten die Flüchtlinge auch die Chance, in zusätzlichen Freizeitangeboten ihre Kontakte zu Deutschsprachigen zu vertiefen, zum Beispiel in Mal-, Koch- oder Nähprojekten.

Seit Juli 2016 gibt es zudem einen Sprachkurs für Frauen, der ebenfalls jeweils montags bis mittwochs in den Vormittagsstunden in der Villa Winkelmann durchgeführt wird. Auch in diesem Fall werden eine Dozentin und das Arbeitsmaterial über die Spenden des Netzwerkes finanziert. Hier nehmen 15 Teilnehmerinnen für jeweils vier Monate das Angebot wahr. Nach den Osterferien werde der dritte Kurs beginnen. Parallel hierzu wird nach Ostern ein zweiter gemischter Kurs mit einem Dozenten starten. Für beide Kurse soll es bei Bedarf ebenfalls eine begleitende Kinderbetreuung geben.

„Wir wollen nicht darauf warten, bis man sich irgendwann auf Kultusebene oder sich sonst irgendein Entscheider entschließt, hier in unserer Stadt den hier lebenden Migranten einen professionellen Deutschunterricht anzubieten. Dass es ohnehin hier nicht möglich sein soll, lässt sich auch anhand der im Schloss zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten der VHS oder dem orstansässigen Träger Berufsförderungswerk kaum nachvollziehen“, reagieren Theilen und Gehring mit Unverständnis. Deshalb sei man auch weiterhin engagiert und wolle zumindest den darauf wartenden Menschen die Chance geben, wenigstens erste Grundkenntnisse der deutschen Sprache zu erlernen. „Wissbegierig und lernfreudig sind sie allemal“, so Theilen.

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