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Neersen: Gas-Gefahr gebannt

Polizei rekonstruiert unglückliche Kettenreaktion

NEERSEN. Diese Kettenreaktion war der absolute Hammer: Ein Neersener füllt vor dem Haus an seinem VW Golf Frostschutzmittel nach, als sich der Wagen auf dem abschüssigen Hof plötzlich selbstständig macht. Was dann geschieht, klingt so unwahrscheinlich, dass man es sich kaum hätte ausdenken können.

veröffentlicht am 23.01.2019 um 19:16 Uhr
aktualisiert am 23.01.2019 um 20:45 Uhr

Zur Rekonstruktion des folgenreichen Unfalls fotografiert Christian Jäckel auch die Stelle, an der der Gastank stand, bevor der Golf ihn nach 45 Metern führerloser Fahrt in die Tiefe riss. Foto: jl

Autor:

Juliane Lehmann Frank Neitz
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Beim vergeblichen Versuch, das Auto aufzuhalten, stürzt der 74-Jährige und bricht sich den Arm. Dann geht alles ganz schnell. Der silberfarbene Golf rollt über eine zufällig geöffnete Pferdeweide, durchbricht einen dünnen Zaun und fährt direkt auf einen Gastank zu.

Der Aufprall reißt den vier Tage vorher mit frischem Flüssiggas befüllten 2700-Liter-Behälter aus seiner Verankerung. Die zum Haus führende Gasleitung reißt ab, während der Tank von seinem Platz hinter der Hofeinfassung einen guten Meter tief fällt und unten gegen die Hausecke kracht. Das Auto dreht sich nach der Kollision um 180 Grad. Sein Heck rammt auf der Terrasse eines Einfamilienhauses mehrere Gartenmöbel und eine Sichtschutzwand. Wenige Zentimeter vor dem Wohnzimmerfenster kommt es zum Stehen.

Drinnen sitzt zu dieser Zeit die 16 Jahre alte Tochter der Familie Oberender. Die Eltern sind nicht zu Hause. Sie arbeiten um diese Zeit. Die Jugendliche alarmiert sofort die Polizei, ruft schnell ihre Mutter an. Dann verlässt sie mit ihrer jüngeren Schwester und den Hunden der Familie das Haus. Kurz darauf startet wegen der akuten Explosionsgefahr – im Erdgeschoss läuft ein Holzofen – eine beispiellose Evakuierungsaktion (wir berichteten).

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Durchs offene Weidetor, geradeaus über die Wiese und direkt auf den frisch befüllten Gastank zu rollte der Golf des Nachbarn. Foto: jl

Am Tag darauf ist es im Dorf wieder so ruhig und friedlich wie sonst. Am Vormittag sehen sich Polizeibeamte aus Bad Pyrmont vor Ort um. Für die Ermittlungen machten sie Fotos. Zudem befragen sie Vermieter Mike Oliver Riedel und die Mieter nach dem Hergang. Später gibt der Gasversorger nach einer Messung im Haus Entwarnung. Die Oberenders dürfen endlich wieder rein. Bis ein neuer Tank installiert ist, läuft ihre Heizung erst einmal mit kleinen Gasflaschen auf Sparflamme.

Die Nacht hatten die Eheleute mit ihren drei Hunden bei Bekannten in der Nachbarschaft verbracht, die Töchter schliefen bei Freunden der Eltern. Zwei Graupapageien, zwei Kaninchen und vier Hühner, die am Dienstag im und am Haus blieben, sind wohlauf. Was für sie zählt, fasst die fröstelnde Melanie Oberender am Vormittag in wenigen Worten zusammen: „Den Kindern ist nichts passiert. Es geht ihnen gut.“ Und Vermieter Seidel sagt: „Wir wollen uns nicht beschweren.“ Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht gelte es, jetzt erst einmal, ‘runterzukommen. Der verletzte Nachbar, dessen Auto die unwahrscheinliche Kettenreaktion auslöste, wird zu dieser Zeit gerade operiert.

Erleichtert ist am Tag nach dem Großeinsatz Bad Pyrmonts Stadtbrandmeister Maik Gödeke: „Wir sind froh, dass es so glimpflich abgegangen ist“, sagt er. „Anfangs ging der Puls richtig hoch. Ich hätte nicht gedacht, dass sich daraus so eine Lage entwickelt.“

Als die Einsatzkräfte hörten, dass im Haus ein Ofen lief, „haben wir die Kräfte gleich zurückgezogen, damit sie in Deckung gehen konnten“, so Gödeke. Der Einsatzleiter hofft auf das Verständnis der Neersener für die erforderliche Evakuierung. „Sie diente letztlich nur ihrer Sicherheit.“

Insgesamt waren es 275 – meist ehrenamtliche – Einsatzkräfte, die stundenlang bei eisiger Kälte in Neersen ausharrten. Vielen dürfte es so ergangen sein wie Gödeke, der „bestimmt drei Stunden lang die Zehen nicht mehr in den Stiefeln“ gespürt habe. Auch der Regierungsbrandmeister Wolfgang Brandt aus Stadtoldendorf stand den Pyrmontern beratend zur Seite.

Am Abend versorgte ein Bereitschaftszug des DRK die frierenden Helfer. Die Feuerwehr Lippe bot Rettungsbusse an, um die evakuierten Neersener an einem trockenen und warmen Platz vorübergehend unterzubringen. „Wir hatten ja das Feuerwehrhaus, den Kindergarten und den Gemeinderaum, das reichte aus“, meint Gödeke. Die letzten Kräfte rückten gegen 23.30 Uhr ab – neun Stunden nach der ersten Alarmierung.



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