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Rita Wilke und Ingrid Schiffmann erinnern sich an den Tag des Mauerfalls vor 20 Jahren

Plastejacken- und Trabbigeruch lag in der Luft

Bad Pyrmont. Wendepunkt in der deutschen Geschichte, einschneidendes individuelles Erlebnis oder gar ein mit Missfallen betrachtetes Ereignis – die Bandbreite in der nachträglichen Beurteilung des 9. November 1989 ist vielfältig.

veröffentlicht am 04.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 10:21 Uhr

Rita Wilke schaut sich Fotos vom 9. November 1989 an. „Wir

Autor:

Rudi Rudolph
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Noch heute existiert bei vielen Deutschen die Mauer im Kopf, gerade bei jüngeren Menschen ist die Kenntnis über die Verhältnisse in der ehemaligen DDR gering und nur noch durch Hörensagen oder den Schulunterricht präsent – durch eigenes Erleben aber bestimmt nicht. Ingrid Schiffmann lebt nun seit 1995 in Bad Pyrmont. Die 67-Jährige hatte in Westberlin, wo sie wohnte und arbeitete, die damaligen Umwälzungen aus erster Hand miterlebt. Dabei hatte sie die spätabendliche Öffnung der Mauer eigentlich gar nicht direkt mitbekommen, denn sie renovierte ihre Küche und ging früh zu Bett.

Am frühen Morgen des 10. November weckte sie ihr Mann ganz entgeistert: „Du wirst es nicht glauben, die Mauer ist offen!“ Um 6.30 Uhr war sie unterwegs zu ihrer Arbeitsstelle, die in unmittelbarer Nähe des Checkpoints Charlie lag „und die Straßen und Übergänge waren voller Leute“. Überall, wo sich sonst freies Schussfeld befand, drängten sich Menschen. Schon am U-Bahnhof Mehringdamm, eigentlich nur ein Umsteigebahnhof, waren Massen unterwegs, und, so sagt sie, „es lag ein eigenartiger Geruch in der Luft. Wie von Plastejacken und Trabbis. Alle waren übernächtigt, mit Blumen und Bier in der Hand fiel man sich um den Hals, es wurde geweint und gelacht, es war eine bizarre Stimmung.“

Von ihrer Arbeitsstelle an der Mauer, von wo aus sie einen direkten Blick nach Osten hatte und früher aus dem Fenster gelegentlich die Vopos mit einem „Prost“ und einem Glas Sekt provoziert hatte, konnte sie das ganze Terrain überblicken. Überall waren Menschen unterwegs. Was lag näher, als den Kühlschrank zu plündern und ebenfalls mit Getränken auf die Straße zu gehen, um auch den vielen Trabbis die nach Berlin einfuhren, aufs Dach zu klopfen?

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Am Kurfürstendamm war kein Verkehr mehr möglich, Mengen von Plastikbechern waren zertreten worden und verursachten ein ganz charakteristisches knackendes Geräusch beim Gehen. Spontane Kontakte kamen mit jenen zustande, die sich die Nasen an den Schaufenstern der Geschäfte platt drückten, Kontakte, die auch bis in die Gegenwart Bestand haben. Für Ingrid Schiffmann sind allerdings die Ewiggestrigen ein Problem, die nachträglich die Verhältnisse in der DDR immer noch schönreden wollen und ein unfreies Regime sowie eine marode Wirtschaft als geringfügiges Übel ansehen.

„Wir wussten, dass der Staat zu Ende ist“, sagt Rita Wilke. Die agile Unruheständlerin hatte mit ihren 71 Jahren Deutschland vor, die DDR nach dem Mauerbau und nun das vereinte Deutschland erlebt. Mit ihrem Ehemann Günter hatte sie in Strausberg, nicht weit von Angermünde und Bad Freienwalde entfernt, einen Friseursalon betrieben. Als Selbstständige hatten es die Wilkes bei der knappen Versorgungslage nicht leicht, zudem waren sie dem Regime ein Dorn im Auge, was bis hin zu abgehörten Telefonaten führte. Auch in Strausberg hatte es im Vorfeld des 9. November Demonstrationen gegeben.

Rita Wilke zeigt Fotos, auf denen die Mutigen auf die Straße gehen, Fotos, die heimlich gemacht werden mussten, standen doch überall Mitarbeiter der Staatssicherheit. Im Fernsehen sahen die Wilkes die berühmte Pressekonferenz, auf der Günter Schabowski bekanntgab, „dass ab sofort Reisen ins Ausland beantragt werden könnten.“ „Wir konnten gar nicht Gefühle und Gedanken ordnen“, sagte Rita Wilke heute. Als sie am nächsten Tag nach Berlin hineinfuhren, war es „der glatte Horror“. „Menschen über Menschen, die Bahnsteige überfüllt“, erzählt sie. Bei der großen Städtepartnerschaftsveranstaltung am Sonntag, 8. November, in Bad Pyrmont, wo sie nun seit 1995 wohnt, wird Rita Wilke ausführlich über ihre Sicht der Wende vor 20 Jahren berichten.

Ingrid Schiffmann lebt seit 1995 in Bad Pyrmont. An den Tag, als die Mauer fällt, kann sie sich noch heute lebhaft erinnern: „Es wurde geweint und gelacht, es war eine bizarre Stimmung.“

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