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Historiker Bernhard Gelderblom schildert Humboldt-Schülern das Nazi-Unrecht

„Opa, wie war das damals eigentlich?“

Bad Pyrmont. Möglicherweise ist es eine nachhaltige Erkenntnis bei den Schülern des gesamten 10. Jahrgangs am Humboldt-Gymnasium, in der eigenen Familie nachzufragen und sich die NS-Zeit aus deren Sicht beschreiben zu lassen. So wie es die Enkeltochter von Pit Mathijssen, einem Niederländer, unternahm und ihn sogar auf seiner Erinnerungstour begleitete. Diese Familiengeschichte ist in einem Film dokumentiert worden, den der Historiker Bernhard Gelderblom am Dienstag fünf Klassen der Pyrmonter Schule zeigte.

veröffentlicht am 26.02.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 16:21 Uhr

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Autor:

von Klaus Titze
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Pit Mathijssen schloss sich als 21-Jähriger einer unbewaffneten Widerstandsgruppe in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Niederlanden an. Zusammen mit seinem Freund wurde er im Oktober 1943 von Feldgendarmen verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt. Seine Familie wusste nicht, was aus ihm geworden war. „Das ist der Zweck der Aktion und deren Anordnung geht direkt auf Hitler zurück. Das Verschwindenlassen von Menschen löst regelrecht lähmende Angst aus“, brachte Gelderblom seinem jungen Publikum nahe. „Diese Null-Kontakt-Form ist ein Herrschaftsinstrument und soll Angst machen.“ So erläuterte er die von dem Oberkommando der Wehrmacht gebilligten Verhaftungsaktionen, die unter dem Decknamen „Nacht- und Nebelgefangene“ liefen. Selbst die Zellentüren dieser Gefangenen seien mit „NN“ gekennzeichnet worden.

Pit Mathijssen wurde mit 45 weiteren Angeklagten zum Tode verurteilt. Im Gefängnis schrieb er einen Abschiedsbrief an seine Eltern, den er in dem Film mit beklemmender Stimme vorliest. Diese Szene zieht die jungen Menschen in ihren Bann. „Es ist das Nahebringen eines einzelnen persönlichen Schicksals, das auch mich so sehr berührte, als ich von Pits Überleben seiner Haft erfuhr und ihn dann selbst kennenlernen durfte“, bekannte Gelderblom, der sich mit seinen Forschungen über die NS-Vergangenheit im Weserbergland einen Namen gemacht hat. Und so zeigt der Film den Transport der zum Tode Verurteilten in das Deutsche Reich bis in das Zuchthaus von Hameln im November 1944.

Anfang April 1945 stehen amerikanische Truppen vor Hameln. Am 3. April sollen die Insassen des dortigen Zuchthauses per Reichsbahn nach Wolfenbüttel transportiert werden. Dort befindet sich eine Guillotine und erwartet die Vollstreckung des Todesurteils. Doch der Bahnhof wird bei einem Bombenangriff zerstört. „Im Zuchthaus erschießen hätte Konsequenzen der nahe Hameln befindlichen Amerikaner bedeutet, also entschloss sich die Leitung zum Marsch Richtung Eschershausen“, beantwortet Gelderblom eine Frage aus dem Publikum. Dorthin fahren im Film auch Pit und seine Enkeltochter zusammen mit Gelderblom. Er findet die Stelle wieder, wo ein Freund völlig entkräftet zusammen brach und im Graben liegend von der Begleitmannschaft erschossen worden ist, geht wieder den Weg in das Lager und beschreibt den Moment der Befreiung.

„In den Niederlanden zum Beispiel wurden diese Verurteilten von der Bevölkerung verehrt“, kann Gelderblom den Beitrag einer Schülerin ergänzen. In Deutschland würden Zuchthäusler auch der NS-Vergangenheit noch mit Makel behaftet als Kriminelle betrachtet. „Das hatte System“, weiß der Historiker. „Wer ins Zuchthaus kam, war bürgerlich erledigt. Der Grund interessierte dabei nicht.“ Dabei waren es vor allem Menschen, die aus politischen Gründen von den Nazis kriminalisiert und mit Zuchthaus bestraft wurden. Das Hören eines ausländischen Senders reichte völlig. Selbst Nachkommen solcher Verurteilten schämten sich im Nachkriegsdeutschland dafür, dass einer aus ihrer Familie im Zuchthaus gesessen hatte. „Von Anerkennung als Opfer der Nazi-Herrschaft ganz zu schweigen“, ergänzte Gelderblom.

Die Schüler unter Leitung ihrer Lehrerin Anke Wachtel-Wittrock und der Koordinatorin Janine Niemöller bedankten sich bei Bernhard Gelderblom für seinen Vortrag, indem sie sich mit einer Spende an der Stolpersteinaktion in Hameln beteiligen.



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