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Vor 75 Jahren: Am 1. April 1938 endete die Eigenständigkeit des Pyrmonter Stadtteils

Noltes zäher Kampf um Holzhausen

Es war wahrlich kein Aprilscherz – im Gegenteil, am 1. April 1938 brach für die Einwohner der 2600-Seelengemeinde Holzhausen eher die Welt zusammen. Fast auf den Tag genau vor 75 Jahren endete die Eigenständigkeit des Pyrmonter Vorortes. Holzhausen wurde nach einem langjährigen politischen Gezerre in die Stadt Bad Pyrmont eingegliedert.

veröffentlicht am 30.03.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 10:21 Uhr

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Autor:

von klaus frye
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Durchgedrungen bei den Holzhäusern war die politische Entscheidung aus Hannover schon Anfang Januar 1938. Ähnlich wie das eiskalte Wetter war zu der Zeit auch die Stimmung im Dorf. Viele Einwohner waren verbittert, und der eine oder andere hat bestimmt auch die Faust in der Tasche geballt. Wie sagte damals Karl Großmann, als er von der Entscheidung erfuhr: „Die Gedanken sind frei.“ Die bereits für den 2. April groß geplante Eingemeindungsfeier wurde erst einmal auf den 23. April verschoben. Trotz Freibier und belegten Broten blieben viele Holzhäuser lieber zu Hause.

Mehr als vier Jahre dauerte im Vorfeld der Kampf zwischen Pyrmonts Bürgermeister Hans Zuchold und dem Holzhäuser Ludwig Nolte. Zuchold, seit September 1933 von der NSDAP „gewählter“ Bürgermeister Bad Pyrmonts, hatte sich schon vier Wochen nach seinem offiziellen Amtsantritt im Pyrmonter Rathaus wegen einer Eingemeindung an Nolte gewandt. Damit stieß er im Holzhäuser Rathaus aber auf taube Ohren. Nolte antwortete hinhaltend und ablehnend, damit fand er auch beim damaligen Landrat Dr. Lambert große Unterstützung. Der schon 1929 im „tiefroten“ Holzhausen – selbst bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 erzielten hier die Sozialdemokraten (45,1 %) und die Kommunisten (8,9 %) deutlich höhere Stimmenanteile als in anderen Städten und Gemeinden – gewählte Nolte war zwar kurz nach der Machtübernahme der NSDAP beigetreten, blieb aber durch und durch Holzhäuser.

Zu unterschiedlich lief das Leben damals zwischen beiden Orten ab. Blühendes Badeleben auf der einen, Landwirtschaft und Zigarrenmachen auf der anderen Seite des Pyrmonter Tals. Der oft gehörte Satz „In Bad Pyrmont werden die Zigarren geraucht, in Holzhausen werden sie bei schmalem Lohn gewickelt“ brachte die Unterschiede zwischen beiden Orten auf den Punkt.

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  • Bürgermeister Hans Zuchold Archiv

Bürgermeister Zuchold erkannte schnell, dass sein Versuch bei den Holzhäusern auf wenig Gegenliebe stieß. Doch er wusste auch, dass er am längeren Hebel saß. So wandte er härtere Mittel an, um Holzhausen unter Druck zu setzen. Die städtische Sparkasse vergab keine Kredite mehr an Holzhäuser Bürger, Arbeiter und Handwerker aus dem „widerspenstigen Dorf“ wurden kaum noch in der Stadt beschäftigt. Trotz aller Sanktionen blieb Bürgermeister Nolte seiner Linie treu. Doch spätestens 1937 fuhr Zuchold größere Geschütze auf. Sein Antrag auf die Eingemeindung des Ortes Holzhausen landete auf dem Schreibtisch von Viktor Lutze, dem damaligen Oberpräsidenten der Provinz Hannover und Stabschef der SA. Der hatte 1936 nicht nur das Ehrenmal vor dem Pyrmonter Schloss mit großem Pomp eingeweiht, ihm zu Ehren wurde sogar die Bahnhofstraße in Viktor-Lutze-Straße umbenannt. So war Holzhausens Eingemeindung nur noch eine Frage der Zeit. Drei Tage vor Weihnachten 1937 traf Lutze die Entscheidung: „Mit Wirkung vom 1. April 1938 wird die Gemeinde Holzhausen in die Stadtgemeinde Bad Pyrmont eingegliedert.“ Damit war der zähe Kampf um die Eigenständigkeit beendet und die Zeit von Bürgermeister Ludwig Nolte abgelaufen.

75 Jahre nach der Eingemeindung, die für viele Holzhäuser gegen ihren Willen durchgedrückt wurde, sind die Wunden vernarbt. Die heimliche Hymne „Holzhausen, du Schöne“ wird, wenn man tief in Pyrmonts Westen mal wieder in Erinnerungen schwelgt, aber immer noch gesungen.

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