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In Kleinenberg lernen Kinder, wie schwierig es ist, sich blind zurechtzufinden

Neugier siegt gegen Hemmschwellen

Kleinenberg. „Die Kinder sind ganz wissbegierig“, sagt Erzieherin Andrea Grote über ihr Projekt „Blindheit“ im Kleinenberger Kindergarten „Zauberberg“. Den Anspruch formuliert sie so: „Mein Ziel ist es, die Kinder für Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen zu sensibilisieren.“ Und es scheint ganz, als gehe das Konzept auf.

veröffentlicht am 20.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

Claudia Guenther
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Aufgeregt stehen die Vorschulkinder am Fenster, als Bernd Plöger mit seinem Hund „Norris“ das Kindergartengelände betritt. Ganz unvorbereitet empfangen sie ihren Blinden Besucher aber nicht. Anhand eines von der Christoffel-Blindenmission ausgeliehenen „Blindenkoffers“ hat Andrea Grote bereits viel mit den Mädchen und Jungen ausprobiert. Der Koffer enthält diverse Dinge, die stark sehbeeinträchtigten oder blinden Menschen den Alltag erleichtern: Neben Blindenstock und Armbinde sind das unter anderem ein Wecker, spezielle Tafeln zum Schreiben von Braille-Schrift, ein Mensch-ärgere-Dich-nicht- Spiel, ein Klingelball sowie Hefte mit Informationen für die Kinder und Dunkelbrillen. Über ihre Erfahrungen damit berichten Nikolas, Joah-Levin, Linus, Paul und Marius ihrem Besucher, auch über ihr „blindes Essen“. „Lakritz schmeckt ekelig“, meint ein Junge und verzieht den Mund beim Gedanken an die Verkostung.

Die Vorschüler wollen viel wissen von Bernd Plöger. Einige Fragen haben sie ihm sogar schriftlich in Braille-Schrift gestellt, der nach Luis Braille benannten Blindenschrift. Der Namensgeber verletzte sich 1812 als Dreijähriger in der Werkstatt seines Vaters mit einem Messer und erblindete. Mit 16 Jahren entwickelte er dann die Punktschrift, die Blinde tastend lesen können. Das erfahren die Kinder anhand eines Kinderbuches. An die Pinnwand haben die Kinder das Alphabet in Punktschrift aufgehängt. Für die Vorstellungsrunde haben sie mithilfe spezieller Schreibtafeln und Sattelstifte ihre Namen und sogar ganze Sätze in Pappe geprägt, die sie ihrem Gast in die Hand geben.

„Da kann beim Schreiben auch schon mal ein Dreher passieren“, stellt der Fachmann fest, als er den staunenden Kindern die Kärtchen vorliest. Was seine jungen Gastgeber vor allem wissen wollen: „Warum bist Du blind?“ Plöger antwortet kindgerecht: „Meine Augen sind krank durch eine Krankheit, die man vom Vater oder Großvater vererbt bekommt. Aber ich habe sie erst in den mittleren Lebensjahren bekommen. Früher bin ich sogar Auto gefahren“, sagt Plöger, der an diesem Vormittag von Steffi Maltzahn nach Kleinenberg gefahren wurde. Beide sind im Pyrmonter Behindertenbeirat aktiv.

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Interessiert hören die Kinder ihm auch zu, als er berichtet, wie er als erwachsener Mann in einer Schule lernte, sich auf seine Erblindung vorzubereiten und einen neuen Beruf erlernte. Gemein finden die Kinder, dass er trotzdem keine Arbeitsstelle erhalten hat.

„Kannst Du Dir was zu trinken einschenken?“, wollen sie wissen. Zur Antwort zeigt Plöger den um einen Tisch herum sitzenden Kindern, wie er das macht, ohne überschwappen. Dann setzen Kinder und Erzieherin die Dunkelbrillen auf und versuchen es ihm gleichzutun – mit dem Finger im Glas, um den Stand der Flüssigkeit darin zu prüfen, geht das gar nicht schlecht. „Nur wenn die Getränke heiß sind, muss man aufpassen“, erklärt Plöger.

„Der Hund ist süß, so einen hätte ich auch gerne“, bekundet ein Junge. Denn „Norris“ zeigt seinem Herrchen nicht nur durch das Kratzen seiner Pfote auf Stuhl einen freien Sitzplatz oder apportiert den zusammengelegten Blindenstock. Er lässt sich auch genüsslich kraulen, wenn er zu Füßen der Kinder liegt und gerade keine Aufgabe zu erledigen hat.

Das Gehen mit dem Blindenstock birgt allerdings Tücken, stellen die lernbegierigen Vorschüler fest. „Das ist aber nicht nett, dass Ihr lacht“, findet Paul, als er mit Dunkelbrille und Blindenstock auf Abwege gerät. Plöger rät den Kindern so zu gehen, „als würdest Du den Stock wegkicken“.

Ausgesprochen schön hat Andrea Grote die Kinderbücher „Sieben Mäuse“ und „Du hast angefangen“ in Schreibschrift und Braille-Schrift sowie mit fühlbaren Bildern gestaltet. „Das ist vorbildlich“, lobt Steffi Maltzahn Grotes Engagement. Die Erzieherin beendet im Mai eine 18-monatige heilpädagogische Zusatzqualifikation als Fachkraft für Inklusion in Kindergärten bei der Lebenshilfe in Hannover. So will sie Hemmschwellen abbauen – „damit keinem Kind die Tür verschlossen bleibt, das unseren Kindergarten besuchen möchte“.

Wie schenkt sich ein blinder Mensch ein Getränk ein? Andrea Grote probiert den von Bernd Plöger gezeigten Trick.cg

Wie geht man mit dem Blindenstock? Auch auf diese Frage können die jungen Teilnehmer des Projekts „Blindheit“ im Kleinenberger Kindergarten „Zauberberg“ die Antwort selbst herausfinden. cg

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