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Anwohner beklagt Lärmbelästigungen / Polizei schickt Streifen

Nachts auf dem Pyrmonter Marktplatz

BAD PYRMONT. Ein später Samstagabend im August: Auf dem ansonsten menschenleeren Marktplatz nimmt eine Handvoll junger Fahrer in ihren tiefergelegten Kleinwagen an einer imaginären Startlinie Aufstellung. Die Scheinwerfer erhellen das Dunkel, das Aufheulen der Motoren zerreißt die Stille.

veröffentlicht am 04.09.2018 um 22:14 Uhr

Tagsüber sind die Stellflächen des Pyrmonter Marktplatzes gut belegt. In manchen Wochenendnächten, wenn er leer ist und auch kein Imbisswagen dasteht, nutzen junge Fahrer Anwohnern zufolge den Platz als Teststrecke für ihre Autos. Foto: jl
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Dass die Männer zusammen Spaß haben, ist an ein paar lauten Lachern zu hören. Dann geht es los: Die Jungs hinterm Steuern geben Gas. Einer brettert geradeaus, andere drehen, ebenfalls gut hörbar, eine Runde, bevor alle das Gelände verlassen. Vielleicht kommen sie nach einer Tour durchs Viertel noch einmal wieder und testen erneut die Beschleunigungswerte und die Bremsen ihrer Fahrzeuge. Oder sie verlassen den Ort, und der Spuk findet sein vorläufiges Ende.

Die Bilder entstammen einem Handy-Video, das eine Anwohnerin des Marktplatzes aufgenommen hat. Der kurze Film legt den Schluss nahe: Den jungen Leuten, die sich auf dem Marktplatz treffen, ist nicht klar, dass andere Leute ihretwegen keinen Schlaf finden. Schlimmstenfalls ist deren Befindlichkeit dem einen oder anderen unter ihnen sogar herzlich egal.

André Röder will das nicht hinnehmen. Der 58-Jährige wohnt seit einem halben Jahr in Marktplatznähe. Zum Ordnungsamt, vor allem aber zur Polizei hatte er bereits mehrfach Kontakt. Die Reaktionen seiner Gesprächspartner im Rathaus und im Kommissariat haben ihn jedoch nicht zufriedengestellt. Vielleicht, weil Röder aufgrund seines eigenen Berufs eine eigene Sicht auf das Thema hat: Er ist Chef der Landespolizeiinspektion Gera in Thüringen. Er hat sehr konkrete Erwartungen an das Agieren der Ordnungsbehörden. „Ich bin jetzt Pyrmonter Einwohner“, sagt er. „Wenn manche Personen nicht wissen, wie man sich nachts verhält, habe ich das Recht zu sagen: ,Liebe Leute, wir haben hier ein Problem’.“

„Ich habe Verständnis für die Bevölkerung. Und wir gehen jedem Hinweis nach. Manfred Hellmich Kommissariatsleiter
  • „Ich habe Verständnis für die Bevölkerung. Und wir gehen jedem Hinweis nach. Manfred Hellmich Kommissariatsleiter

Röders Problem ist nicht nur der nächtliche Lärm, sondern auch sein Empfinden, nicht so ernstgenommen zu worden zu sein, wie er es für angemessen hielte. „Die Polizei kann die Welt zwar nicht retten, aber sie kann die Probleme ernstnehmen“, sagt er. Er selbst habe sich hilflos gefühlt.

Röder vermutet, dass sich Nicht-Betroffene den Grad der Belästigung nur schwer vorstellen könnten. Und er fragt: „Wie lange würde man zuschauen, wenn so eine Raserei vor dem Steigenberger stattfände?“ Er meine zwar nicht, dass sofort jemand springen müsse, wenn er etwas sage. „Aber ich habe eine bestimmte Schmerzgrenze.“ Die sei nachts auf dem Marktplatz immer wieder überschritten worden. „Da ist dann Radau ohne Ende. Es werden Flaschen kaputtgeworfen. Und am nächsten Morgen macht die Kehrmaschine vom Bauhof alles wieder sauber, als wäre nichts gewesen.“ Immerhin: Zuletzt sei es nachts auf dem Platz etwas ruhiger geworden.

Das könnte damit zu tun habe, dass die Polizei nun öfter durch die Luisenstraße fährt und am Markt nach dem Rechten sieht. Am 10. August gingen Polizei und Ordnungsamt gemeinsam auf Streife. Das war allerdings ein Freitag. Richtig laut wird es laut André Röder aber vor allem samstags und sonntags.

„Wir führen verstärkte Streifen durch, protokollieren die Uhrzeiten und wir sprechen die Personen an“, sagt Bad Pyrmonts Polizeichef Manfred Hellmich. „Im nächsten Schritt stellen wir Personalien fest, und wir erteilen auch Platzverweise.“

In ihrem nach dem Gefahrenabwehrrecht zu treffenden Entscheidungen seien seine Kollegen jedoch an das Ermessen gebunden – inklusive situationsabhängigem Ermessensspielraum. „Da muss man verhältnismäßig vorgehen“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar. „Wir können keinen lebenslangen Platzverweis erteilen.“

Seine Sicht erklärte er am Dienstagabend auch den Politikern im Ausschuss für Feuerschutz, Sicherheit und Verkehr. Dort wurde das Thema behandelt, nachdem André Röder es unlängst bei einem CDU-Bürgergespräch in der Mensa publik gemacht hatte (wir berichteten).

Im Ausschuss stellte Manfred Hellmich gestern aber auch klar: „Ich habe Verständnis für die Bevölkerung. Und wir gehen jedem Hinweis nach. Aber der Marktplatz ist ein öffentlicher Platz. Ich kann Menschen nicht verbieten, sich dort aufzuhalten. Wir führen Schwerpunktstreifen durch. Aber eine Dauerpräsenz können wir dort nicht gewährleisten.“

Und dennoch: An kaum einem Ort in der Kurstadt sei die Polizei derzeit so präsent wie am Marktplatz. Seine Kollegen seien für das Problem des ruhestörenden Lärms hinreichend sensibilisiert. Hellmich: „Weitere Maßnahmen sind in Planung.“

Eine Marktplatz-Anrainerin Anwohnerin erklärte am Rande der Sitzung: „In manchen Nächten bin ich von dem Lärm auch schon aufgewacht.“ Aber das seien eher Ausnahmen. „Ich empfinde das Problem als nicht ganz so tragisch.“



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