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Eigentümerin entdeckt Dokumente

Nachlass interessiert die Uni Marburg

BAD PYRMONT. Wer ein Haus kauft, legt selten Wert auf die Hinterlassenschaften der Vorbesitzer. „Besenrein“ klingt für die meisten Neu-Eigentümer am attraktivsten. Sie wollen in der Immobilie endlich ihr Revier markieren. Anders ging es Martina Schmitz. Ein Nachlass aus ihrem neuen Haus interessiert sogar eine Uni.

veröffentlicht am 19.04.2017 um 21:17 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 13:00 Uhr

Den schriftlichen Nachlass einer ganzen Familie hat Martina Schmitz beim Ausräumen des „Haus Martin“ entdeckt. Die Uni Marburg hat Interesse an den Feldpostbriefen, aber auch an Notizen aus dem Ersten Weltkrieg sowie vielen weiteren Dokumenten und Ur
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Nachdem sie das „Haus Martin“ in unmittelbarer Nähe ihrer eigenen Kurpension „Haus Ritter“ erworben hatte, stieß sie in dem Gebäude auf die umfangreichen Archivalien der früheren Bewohner. Über Jahrzehnte hinweg hatte jemand die unterschiedlichsten Dokumente aufgehoben. „Normalerweise hinterlässt man so persönliche Sachen keinem Fremden“, sagt Schmitz. Die Erben, von denen sie das Haus kaufte, hatten jedoch offenbar keinen Bezug zu den vielen Schriftstücken und Fotos der längst verstorbenen früheren Bewohner. „Das Haus stand vor dem Verkauf zehn Jahre leer“, sagt die Neueigentümerin. „Da hätten die Erben lange Zeit gehabt, die Sachen zu holen.“

Nicht zuletzt, weil Schmitz über die Vorgeschichte ihres „Haus Ritter“ wenig weiß („Da kennen wir nicht einmal das Erstellungsdatum“), war ihr Interesse an den Menschen aus dem über 200 Jahre alten „Haus Martin“ bald geweckt – zumal der Bruder des letzten Bewohners, des Arztes Dr. Reinhold Martin, zu Lebzeiten als renommierter Wissenschaftler galt. Der Volkskundler Dr. Bernhard Martin (1889 bis 1983) lehrte an der Universität Marburg. Er betreute den „Deutschen Sprachatlas“. Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte Martin, seit 1937 NSDAP-Mitglied, die Forschungsstelle Deutsche Volkssprache geleitet. 1936/37 war er maßgeblich an Schallplattenaufnahmen zur Erstellung des „Lautdenkmals reichsdeutscher Mundarten zur Zeit Adolf Hitlers“ beteiligt. Das dem „Führer“ Nazideutschlands gewidmete Lautdenkmal künde „von deutschem Wesen, deutschem Leben und Brauchtum, deutscher Geschichte, Arbeit und Sitte“, vermerkte Martin in der Widmung. Und weiter geht aus Dr. Wolfgang Näsers im digitalen Archiv der Uni Marburg abgelegten Abschrift hervor: „Das Lautdenkmal wird in die kommenden Jahrhunderte hinein (…) ein hörbares Bekenntnis aller Schichten des deutschen Volkes zu der Gefühls- und Gedankenwelt des Nationalsozialismus als der Kraft sein, die die deutsche Seele erweckt hat und stets verjüngt. Die späteren Generationen werden es als ein Glück empfinden, Menschen unserer großen Zeit, die den Namen Adolf Hitlers trägt, in lebendigen Worten reden zu hören.“

Wer heute lebt und nicht gerade mit alten oder neuen Nazis sympathisiert, den kann es beim Lesen solcher Zeilen nur grausen. Eine ähnliche Wirkung hat auch ein Blick in die zahlreichen Schachteln in dem Pyrmonter Haus, das nach dem Tod der Eltern von Dr. Reinhold Martin und dessen zweiter Frau bewohnt wurde. Das allerdings in einem Arrangement, das allemal den Rohstoff zu einem Familiendrama hätten liefern können. Denn in dem Gebäude lebten nicht nur die Eheleute, sondern zeitgleich auch Martins erste Frau. „Von der hatte er sich getrennt, weil sie keine Kinder bekam“, hat Martina Schmitz recherchiert. „Aber auch die zweite Ehe bleib kinderlos.“

Martina Schmitz entdeckt die früheren Bewohner des „Haus Martin“ in einer Art Stammbaum aus alten Fotos.
  • Martina Schmitz entdeckt die früheren Bewohner des „Haus Martin“ in einer Art Stammbaum aus alten Fotos.
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Doch kurz zurück zum Bruder des Badearztes: Der verschwand nach 1945 keineswegs in der Versenkung. Für seine Verdienste um die volkskundliche Kulturforschung erhielt er 1975 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

So spannend Martina Schmitz den Blick auf die Notizen der Brüder Martin aus dem Ersten Weltkrieg, die Hakenkreuz-geschmückten Gratulationsurkunden zur Goldenen Hochzeit von deren Eltern oder auch die alten Fotos längst verstorbener Angehöriger der Familie fand – ihre persönliche Neugierde habe sich dabei in Grenzen gehalten, sagt sie.

Was die geschichtsinteressierte Pyrmonterin an dem Material dennoch reizte: „Man erfährt, wie das Leben der Menschen damals war, welche Nöte sie hatten. Aber auch, was sie aufgeben mussten, um ein Haus finanzieren zu können.“ Schmitz ist sicher: Die meisten derartigen Nachlässe seien längst auf dem Müll gelandet. Was sie bedauert, denn: „Die Geschichte der Häuser ist auch ein Stück Pyrmonter Geschichte.“ Deshalb war sie zunächst davon ausgegangen, mit den Archivalien im Pyrmonter Museum landen zu können. Doch dort sei die Sammlung nicht auf das erhoffte Interesse gestoßen, berichtet sie. Deshalb wandte sie sich schließlich an die Phillips-Universität Marburg. Mit Erfolg: Dr. Katharina Schaal und Dr. Carsten Lind vom Uni-Archiv reisten gleich mit einigen Umzugskartons aus Marburg an. Sie können das Wissen um den „nicht unumstrittenen“ Dialektforscher nun um einen Nachlass erweitern, der weit über das übliche Maß hinausgeht. „So etwas wie das Abiturzeugnis oder den Wehrpass findet man sonst überhaupt nicht im Archivgut“, sagt Dr. Schaal.

Besonders interessiert sind die Archiv-Fachleute an den Feldpostbriefen der Martin-Brüder aus dem Ersten Weltkrieg. „Die Erforschung solcher Dokumente ist seit ein paar Jahren schwer im Gange“, sagt Schaal. „Sie zeigen, wie die Soldaten den Krieg erlebt und gesehen haben.“

Nach mehreren Stunden im Haus Martin haben die Archivarin und ihr Kollege alles für sie Wichtige in zwei Kartons verstaut und treten den Heimweg an. Und Martina Schmitz freut sich, dass die Wissenschaftler nun ihr Wissen um die Familie Martin um einige Facetten bereichern können.

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