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Die kostbaren alten Eichen in Bad Pyrmonts Fußgängerzone haben selten so viele Früchte getragen

Mitten in der Stadt: Kleine Geschosse von oben

BAD PYRMONT. Klick-klack. Kling-klong. So hoch wie in diesem Herbst war die Schlagzahl der herabfallenden Baumfrüchte aus den alten Säuleneichen in Bad Pyrmonts Brunnenstraße lange nicht. Das „Mastjahr“ 2018 wird somit auch mitten in der Stadt durch Abertausende von abstürzenden Baumfrüchten spürbar.

veröffentlicht am 11.10.2018 um 22:39 Uhr

Wer ein paar Minuten unter einer der großen Eichen auf der Südseite der Pyrmonter Brunnenstraße stehenbleibt, kriegt garantiert eine Baumfrucht ab. So viele Eicheln wie in diesem Herbst haben die Bäume hier selten gebildet. Foto: jl
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Immerhin stellen die Minigeschosse auf dem Weg nach unten kein echtes Risiko dar. Selbst ein Aufprall der wenige Gramm schweren Eicheln auf den Kopf ist zu verschmerzen. Der Schrecksekunde folgt meist ein erleichterter Lacher. Wen eine Kastanie trifft, der findet das nicht ganz so lustig. Doch wer bedenkt, dass dem kanadischen Unfallforscher Peter Barssan zufolge an den Palmenstränden dieser Welt pro Jahr mindestens 150 Menschen von Kokosnüssen erschlagen werden, dessen Sicherheitsgefühl sollte unter dem aktuellen Früchtesegen in der Kurstadt nicht leiden.

„Aber ausrutschen kann man auf den Eicheln schon“, deutet ein Geschäftsmann seine leise Furcht mit Blick auf ältere Passanten an. Vor seinem Laden steht eine der 42 kostbaren alten Säuleneichen, die 2018 besonders stark auf Vermehrung gepolt sind.

Nebenan reichen die Schaufenster eines Geschäfts bis zum Boden. Dessen Inhaber erscheint der Weg der Eicheln ein bisschen wie Pool Billard: „Sie knallen aufs Pflaster, dann wieder hoch und gegen meine Scheiben“, stellt er amüsiert fest – und erwartet gelassen den nächsten Treffer.

Die Kehrmaschine ist noch nicht lange weg, da liegen schon neue Früchte auf dem Pflaster – und in der Beton-Abflussrinne. Foto: jl
  • Die Kehrmaschine ist noch nicht lange weg, da liegen schon neue Früchte auf dem Pflaster – und in der Beton-Abflussrinne. Foto: jl

Lange bleiben die Eichen auf dem Pflaster der Brunnenstraße allerdings nicht liegen. Denn das Herz der Stadt ist in „Reinigungsklasse III“ eingestuft. Fünfmal die Woche räumt der Kehrwagen morgens so ziemlich alles ab, was in den 24 Stunden davor auf dem Boden der Fußgängerzone gelandet ist. Derzeit sind das eben nicht nur Staub, Kippen und andere Abfälle, sondern auch massig Eicheln. Nur aus den neuen Beton-Abflussrinnen müssen die Früchte extra herausgepult werden.

„Das nasse Jahr 2017, der milde Frühling 2018 und dann der warme Sommer haben optimale Bedingungen für den Fruchtansatz geboten“, sagt Gärtnermeister Rolf Müller vom städtischen Bauhof. „Vor allem die alten Bäume mit tieferen Wurzeln konnten noch von der Feuchtigkeit des letzten Jahres zehren.“

Seine Gärtner-Kollegen aus dem Bauhof haben derzeit vor allem dort deutlich mehr Arbeit als sonst, wo Kastanien stehen. „Deren Früchte lässt der Laubpuster liegen“, sagt Müller „Da müssen wir dann zusammenharken, damit niemand ausrutscht.“ Letztlich lande die Ernte auf dem Kompostplatz. „Den Wildtieren braucht man für den Winter nichts in den Wald zu schütten“, ist der Gärtnermeister sicher. „Der Haufen bliebe liegen.“ Die Tiere fänden im Wald genug Nahrung.

Davon ist auch Philipp Klapper von der Pyrmonter Stadtforst überzeugt. „Aber gerade erst hat uns eine Anruferin vorgeschlagen, die Eicheln aus der Brunnenstraße doch für die Tiere in den Wald zu bringen.“ Gut gemeint, aber unnötig.

Dass die alten Stadtbäume der Sorte „Quercus robur Fastigiata“ aus der Not der Trockenheit heraus stressbedingt so viele Früchte tragen, um kurz vor dem eigenen drohenden Ableben wenigstens noch ihre Vermehrung voranzutreiben, glaubt der Revierförster übrigens nicht. „Die Knospen mit den Fruchtanlagen sind schon im Winter fertig gebildet worden“, erklärt er.

Auf die Brunnenstraße übertragen könnte das bedeuten: Den Uralt-Eichen hier geht es vielleicht doch besser als 2015 von einer Gutachterin festgestellt. Der renommierte Baumsachverständige Prof. Ulrich Weihs (Göttingen) sieht eine starke Fruchtbildung jedenfalls grundsätzlich als klaren Hinweis auf Vitalität. Einem stark geschwächten alten Baum würde die Kraft dazu fehlen.

Übrigens: Wer glaubt, Eicheln könne man nicht essen, der wird mit diversen Rezepten zur Zubereitung von Eichelkaffee und -mehl im Internet eines Besseren belehrt. Älteren, die solche Spezialitäten im und nach dem Zweiten Weltkrieg konsumierten, geht die Lust auf solche Experimente aber wohl ab. Sie haben den Geschmack bestimmt noch auf der Zunge…



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