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Lore Bullmann erzählt aus ihrem Job

Mitschreiben bei Kripo-Vernehmungen: Die Protokollantin

BAD PYRMONT. Tippen und töten – ungefähr das tat neulich die Schauspielerin Iris Berben in der ZDF-Miniserie „Die Protokollantin“. Sie nutzte ihr Insiderwissen zur Selbstjustiz. Dass solche Krimis nah dran wären an der Realität, kann ihnen niemand vorwerfen. Eine der Letzten, die das täte, ist Lore Bullmann.

veröffentlicht am 13.12.2018 um 19:05 Uhr

1991 wechselte Lore Bullmann aus dem Schwarzwald zur Polizei nach Bad Pyrmont. „Wir waren ein eingeschworenes Team“, sagt Kriminalhauptkommissar Detlev Briese über die Zusammenarbeit mit ihr. Am Freitag hat die 63-Jährige ihren letzten Arbeitstag. Fo
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Die auch nach mehr als einem Vierteljahrhundert im Norden noch leicht schwäbelnde Wahl-Pyrmonterin tut im wirklichen Leben das, was ihre TV-Kollegin zum Anlass nahm, um Selbstjustiz zu üben: Sie protokolliert Polizei-Vernehmungen. Manchmal auch mit richtig schweren Jungs. „Am spannendsten sind Kapitaldelikte“, sagt sie. Betrugssachen haben sie dagegen schon früher nicht sehr interessiert. Und die Beschäftigung mit der steigenden Zahl von Internetbetrügereien ist schon gar nicht ihre Sache.

„Ich bin jetzt seit 48 Jahren im Beruf“, überschlägt die deutlich jünger wirkende 63-Jährige. „Ich glaube, ich habe mein Soll erfüllt.“ Am Freitag ist ihr letzter Arbeitstag.

Ganz leicht wird ihr der Abschied sicher nicht fallen. „Die Arbeit war mein Leben“, stellt sie nach kurzem Überlegen fest. „Ich bin vollständig darin aufgegangen.“

Lore Bullmann hatte zwar durchaus auch bisher schon ein Privatleben. Und ihre Arbeit war ein Halbtagsjob. Das aber manchmal auch nur theoretisch. Die Frage „Kannst Du, willst Du?“ der Pyrmonter Kripo-Beamten am Telefon hat sie weder abends noch samstags oder sonntags allzu oft mit einem Nein beantwortet. Denn die Arbeit machte ihr einfach „sehr viel Spaß“, sagt sie. „Vor allem, wenn jemand festgenommen wird und später im Verhör gesteht, befriedigt einen das auch als Schreibkraft. Dann geht man zufrieden nach Hause.“

Vorher hat sie allerdings Wort für Wort simultan alles mitgetippt, was in der Anhörung gesagt wurde. „Das ist nicht nur nett. Da braucht man ein dickes Fell“, sagt Kriminalhauptkommissar Detlev Briese, dessen Vernehmungen Lore Bullmann viele Jahre lang protokolliert hat. „Wir waren ein eingeschworenes Team.“

Dass sie in einer Verhörpause schon die nächsten anstehenden Fragen vorformulierte, kam regelmäßig vor. „Sie ist nicht nur mit Disziplin dabei, sondern auch mit ganz viel Herzblut“, sagt der Ermittler. „Die Zusammenarbeit hätte nicht vertrauensvoller sein können.“

Wenn ein Beschuldigter die Kripo-Leute anging mit Sätzen wie „Du Arschloch! Mit Dir rede ich nicht mehr!“, dann musste Lore Bullmann auch das mitschreiben.

Manchmal, so gesteht sie, habe sie aber nicht an sich halten können – und sich eingemischt. Bei einem Verdächtigen, der seine offensichtlichen Lügen ein ums andere Mal wiederholte, rutschte ihr irgendwann ein „Das glaube ich Ihnen nicht“, heraus. Oder: „Diesen ganzen Mist schreibe ich jetzt nicht mehr mit.“ Wenn man genau wisse, dass man nur verklappst werde, „platzt einem irgendwann mal der Kragen“, räumt Lore Bullmann ein. Aber das passierte selten. Um die üblichen Schutzbehauptungen als Provokation zu deuten, war sie viel zu lange im Beruf.

Manche Fälle wird sie indes nie vergessen. Vor allem jene aus Freudenstadt im Schwarzwald, wo ihre Polizei-Laufbahn einst begann. „Damals gab es ja noch keine Diktiergeräte. Da war ich mit der Reiseschreibmaschine ganz oft mit den Ermittlern zu Leichensachen unterwegs.“ Den blondgelockten kleinen Sohn ihrer Nachbarin, von der Mutter erdrosselt, in seinem Bettchen liegen zu sehen – das ist eins der Bilder, die sich ihr eingebrannt haben.

Ein andermal ging es mit einem Mann, der eine Spaziergängerin erwürgt hatte, zwecks Tatrekonstruktion quer durch den Wald. „Da habe ich alles mitstenografiert.“

Ebenso brachte der Beruf zig Vernehmungen in Haftanstalten mit sich. „Ob Bruchsal, Karlsruhe oder Stammheim – ich kenne jedes große Gefängnis in Baden-Württemberg.“

Und wie haben die unzähligen Begegnungen mit Verdächtigen, die oft genug als Täter überführt wurden, abgefärbt auf sie? „Ich beobachte die Menschen anders“, glaubt sie. „Ich gebe viel mehr Obacht und bin misstrauischer.“

Abgeklärt haben mag der Beruf sie zwar auch. Nicht aber ihre Nase: „Wenn jemand vernommen wird, der ungewaschen oder nach Alkohol stinkt, dann fällt es schwere, sich zu konzentrieren“, gibt sie zu. „Aber mit einem bissele Luftanhalten geht‘s.“

Die Kollegen wird sie indes sehr vermissen. Das weiß sie jetzt schon. Gut möglich, dass sie demnächst mit einem Kuchen vorbeischaut im Büro.

Was sie auf keinen Fall tun wird: Krimis gucken. „Das hat mit der Realität doch gar nichts zu tun.“ Fernsehen sei – außer Nachrichten und Sport – sowieso nicht ihre Sache. Iris Berben als mordende „Protokollantin“ war ihr deshalb völlig entgangen.

Andere Dinge sind ohnehin wichtiger: mehr Zeit zu haben für ihren Lebensgefährten, für Spontaneität, Haus und Garten. „Das Weckerklingeln werde ich dagegen nicht vermissen.“



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