weather-image
13°

Warum Lehrer, Eltern und Schüler sich über die Abkehr vom Turbo-Abitur freuen

Mehr Frust als Lust

Bad Pyrmont. G8 zu G9 – das ist bekanntlich keine naturwissenschaftliche oder mathematische Formel, sondern keimt: acht oder eben neun Jahre Gymnasium. Jetzt streben Niedersachsens Landespolitiker an, das vor Jahren eingeführte vorgezogene Abitur an Gymnasien wieder um ein Jahr hinauszuzögern, also erst nach neun Oberschul-Jahren vorzuschreiben. Was denken die Betroffenen über den erneuten Umbruch?

veröffentlicht am 21.02.2014 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 16:41 Uhr

270_008_6958694_pn102_2202.jpg

Autor:

Klaus Titze
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Prinzipiell begrüßen wir als Lehrkräfte den Wechsel zurück auf das vorherige Abschlussformat“, sagt Sven Heineken, stellvertretender Schulleiter am Humboldt-Gymnasium. „Eine strukturelle Förderung unserer Schüler durch ein verzahntes Vor- und Nachmittagsangebot ist durch den Belastungsdruck des G8 konterkariert worden. Denn auch nachmittags mussten Unterrichtsstunden angesetzt werden, um den geforderten Stoff vermitteln zu können. Dabei blieben die individuellen Interessen der jungen Menschen auf der Strecke“, so seine Erfahrung. Zudem berücksichtigten der geforderte frühere Abschluss und die Vorbereitung darauf nicht angemessen den Entwicklungsstand der Schüler. Häufig passten Anforderungen nicht mit der persönlichen Reife überein und führten zu Überforderungen oder nicht zu den gewünschten Ergebnissen, zu denen ältere Schüler durchaus in der Lage gewesen wären.

Ebenso habe sich die Hoffnung als illusorisch erwiesen, junge Menschen früher ans Studium oder in den Beruf heranführen zu können. Denn die Schulentlassenen hätten anschließend eine Auszeit über ein soziales Jahr oder einen Auslandsaufenthalt vorgezogen. Auch Universitäten beklagten, dass ihr Nachwuchs durch die gedrängte Stofffülle an den Gymnasien unzureichend auf eigenständiges, wissenschaftlich fundiertes Arbeiten vorbereitet worden sei und somit eine gewisse Studierfähigkeit vermissen lasse.

Vera Wiedel, Schulelternratsvorsitzende am Humboldt-Gymnasium, beschreibt die Belastung für die Schüler im G8 an einem Beispiel. „Am Gymnasium wird eine dritte Fremdsprache erwartet. Damit müssten die Schüler in der 10. Jahrgangsstufe anfangen. Dies bedeute eine Erhöhung der Unterrichtseinheiten auf 38 Stunden. Hinzu komme für die jungen Menschen noch der Zeitaufwand für Arbeitsgruppen. Und für Freunde oder besondere Interessen soll dann auch noch Zeit sein“, sagt sie. Daraus wird klar: Sie würde eine Rückführung auf G9 begrüßen.

2 Bilder
Vera Wiedel

Allerdings sei sie skeptisch, wie beide Formen nebeneinander in den Schulalltag integriert werden könnten. Ihrer Einschätzung nach müssten dann – neben einem erhöhten Verwaltungsaufwand – zusätzlich Lehrer für zusätzliche Kurse zur Verfügung stehen, wenn G8 für „Elite-Klassen besonders leistungsstarker Schüler“ neben dem G9-Durchlauf existieren soll. Insgesamt sei sie jedoch sicher, dass viele Eltern erleichtert zustimmen würden – auch unter dem Gesichtspunkt, dass viele heranwachsende im aktuellen Entlassungsalter noch nicht die nötige Entscheidungsreife und das erforderliche Selbstbewusstsein hätten, um sich auf einen Berufs- oder Studienweg festlegen zu müssen. Daher wählten viele nach dem Abi auch ein Pausenjahr.

So ähnlich formuliert auch Hannah Grondmann, Sprecherin der Schülervertretung am Gymnasium, ihre Einschätzung. „Ich habe es bei meinen älteren Geschwistern verfolgen können und nun erlebe ich selbst die mit dem verkürzten Abschluss verbundenen Belastungen“, schildert Hannah. Sie spürt: „Es fehlt ein Jahr an der persönlichen Entwicklung. Und meine älteren Geschwister haben beide ein Jahr dran gehängt, bevor sie den nächsten Schritt machten.“ Sie bedauert, nicht mehr Nutznießerin der Veränderung werden zu können. „Der Nachmittagsunterricht und die erforderlichen Lernphasen zu Hause nehmen viel Zeit Anspruch. Für mich selbst, um mich auf mich selbst besinnen zu können, bleibt einfach zu wenig“, resümiert sie. Zudem komme ihr Engagement in der Schülervertretung deutlich zu kurz. „Früher konnten sich Schülervertretungen wesentlich intensiver mit ihren gesellschaftlichen und sozialen Aufgaben beschäftigen, sich in den Schulablauf einbringen und sich für die Belange der Schüler einsetzen. Dafür bleibt ihnen jetzt einfach keine Reserve.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt