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15-jähriger Pyrmonter Schüler fühlt sich ausgesondert – und der „Kundendialog“ stockt

Lokführer lässt Rolli-Fahrer stehen

Bad Pyrmont. In Sachen Barriereifreiheit hält die Wirklichkeit den Werbeversprechen der Bahn an ihre Kunden nicht immer Stand. Das musste ein 15 Jahre alter Schüler auf dem Pyrmonter Bahnhof erleben. „Sonst sind alle sehr zuvorkommend“, sagt seine Mutter. Dass sich ein Lokführer jetzt weigerte, ihren Sohn mitzunehmen, empört sie.

veröffentlicht am 16.12.2015 um 20:09 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:49 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Ein schöner Dezembermorgen – und dann auch noch Abwechslung im Unterricht: Die Klasse 9 a der Max-Born-Realschule sammelt sich am Pyrmonter Bahnhof zur Abfahrt nach Hameln. Wie seine zwei Dutzend Klassenkameradinnen und -kameraden, so freut sich auch Marcel Hamann auf den Termin, den die Schule für die Jugendlichen im Berufsinformationszentrum (BIZ) organisiert hat – und auch auf die gemeinsame Fahrt dorthin in der S-Bahn.

Doch dann muss der 15-Jährige erleben, wie es sich anfühlt, auf der Strecke zu bleiben: Die Anderen aus seiner Klasse drängen ins Abteil. Nur Marcel bleibt auf dem Bahnsteig zurück. „Der Lokführer hat sich geweigert, ihn in der S-Bahn mitzunehmen“, sagt seine Mutter Anja Hamann. Denn Marcel sitzt im Rollstuhl. Und für den muss eine Rampe ausgefahren werden. „Aber dazu hatte der Mann wohl keinen Bock.“

Marcels Mutter wartet

noch immer auf eine Entschuldigung der Bahn

An dem körperbehinderten Jugendlichen lag es jedenfalls nicht: Anja Hamann fuhr ihren Sohn rechtzeitig zum Bahnhof, und Marcel war pünktlich am Gleis. Wie auf den ausgehängten Hinweisen angegeben rollte er an die Spitze des Zuges. Dorthin, wo sich in der Regel die Rampe findet. Dass dieses Hilfmittel an jenem Morgen jedoch im hinteren Zugteil installiert war, erfuhr er erst vor Ort.

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Nicht immer hält die Wirklichkeit, was die Werbung der Bahn zum Thema Barrierefreiheit verspricht. Das erlebte der 15 Jahre alte Marcel Hamann auf dem Pyrmonter Bahnhof. ,,Sonst sind alle sehr zuvorkommend'', sagt seine Mutter. Dass ein Lokführer sich jetzt weigerte, ihren Sohn mitzunehmen, empört Anja Hamann.

Dem 15-Jährigen dort den Einstieg zu ermöglichen, sah der Lokführer aber offenbar nicht als Option. Stattdessen schlug er vor, Marcel solle einfach rückwärts in den Zug rollen oder den Rollstuhl hineintragen lassen. Beides keine gute Idee. Denn Marcels E-Rolli hat hinten ein kleines Stützrad, dass sich zwischen Bahnsteigkante und Zug verkannten kann. Hinzu kommt: Sein Gefährt wiegt etwa 200 Kilo. „Um den Rolli nur kurz anzuheben, braucht man ein halbes Dutzend Leute“, sagt seine Mutter.

Das Verhalten des Lokführers ist in ihren Augen „ein Hammer“. Niemandem sei es an diesem Morgen gelungen, den Bahn-Mitarbeiter umzustimmen. Weder Marcels Bufdi noch der Lehrer. Rührend findet die Mutter die Idee eines Mitschülers: „Der meinte, wenn Marcel nicht mitfahren könne, solle die ganze Klasse wieder aussteigen.“ Aber auch dieser solidarische Akt hätte das Problem letztlich nicht gelöst.

Um kurz nach 9 Uhr rief Marcel dann ziemlich aufgelöst zu Hause an. Die Mutter fuhr erneut zum Pyrmonter Bahnhof und brachte ihren Sohn schließlich mit dem Auto hinterher nach Hameln.

Nach vier vergeblichen Anrufen bei einer kostenpflichtigen „Kundendialog“-Service-nummer landete Anja Hamann am Folgetag schließlich bei einer Mitarbeiterin, die versprach, ihrem zuständigen Kollegen die Beschwerde weiterzuleiten. „Und sie wollte sich auf jeden Fall zurückmelden.“ Darauf hat Anja Hamann jetzt eine Woche lang gewartet. „Vergeblich“, sagt sie. „Kein Anruf, keine Entschuldigung.“

Und Marcel ist die Lust aufs Bahnfahren vorerst vergangen. Das Risiko, sich dabei erneut „total ausgesondert“ zu fühlen, ist dem 15-Jährigen zu groß.



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