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Neue gesetzliche Vorgaben erfordern einen Umbau für rund sechs Millionen Euro

Lippisches Blindenwerk hat Existenzsorgen

Detmold-Heidenoldendorf. „Jeder kommt mit dem, was er kann“. Angelika Bicker, Geschäftsführerin des Lippischen Blindenwerks in Detmold ist es wichtig, dass jeder, der derzeit 173 blinden Mitarbeiter in der Werkstatt und im BBB, dem Berufsbildungsbereich des Blindenwerkes einen seinen Bedürfnissen entsprechenden Arbeitsplatz findet. Sigrun Greiner (33) aus Gifhorn, von Geburt an blind, hat im Lippischen Blindenwerk ihr Arbeits- und Lebensumfeld gefunden.

veröffentlicht am 10.04.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 18:41 Uhr

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Selbstbewusst und fachkundig erklärt sie Landrat Friedel Heuwinkel ihre Tätigkeit – Schritt für Schritt, während sie mit den Händen zielsicher in die vor ihr stehenden Teile-Kisten greift, vier Einzelteile zusammensetzt und anschließend vernietet. Am Ende des Prozesses hat sie einen Rollengleiter für Schranktüren hergestellt, der – so Dirk Begemann, Bereichsleiter Produktion – „in hochwertigen Möbeln Einsatz findet. Unser Auftraggeber kommt in diesem Fall aus dem Raum OWL und beliefert exklusive Möbelhersteller“. Von 8 bis 15.30 Uhr arbeitet Sigrun Greiner in den Blindenwerk-Werkstätten und bekommt dafür selbstverständlich Lohn. Sie ist stolz auf ihre Leistung und erledigt die Arbeit gewissenhaft.

Dass weis auch Gruppenleiter Begemann: „Wir punkten bei unseren Auftraggebern durch unsere hohe Qualität“. Bis Mitarbeiter aber in den Produktionsprozess im Blindenwerk einsteigen können, ist es ein langer Weg – wie Geschäftsführerin Angelika Bicker deutlich macht. „Der Arbeitsplatz und der Ablauf müssen auf die Erfordernisse der blinden Menschen abgestimmt werden“, erklärt sie und fügt hinzu: „Das ist eine anspruchsvolle und oftmals auch zeitaufwendige Aufgabe für unsere Arbeitsvorbereitung. Nicht jede Arbeit ist für Blinde geeignet. Aber unser Credo ist, dass jeder Mitarbeiter wirtschaftlich verwertbare Arbeit leistet.“ Das angestrebte Endziel für die Beschäftigten im Lippischen Blindenwerk ist der sogenannte „erste Arbeitsmarkt“, der für viele blinde Menschen jedoch kaum erreichbar ist.

Einer, der es jedoch geschafft hat, ist Michael Gent. Gent war in den Werkstätten des Lippischen Blindenwerkes tätig, bevor er vor Jahren die Chance bekam, in die Telefonzentrale des Finanzamtes Detmold zu wechseln. Er ist dort heute nicht mehr wegzudenken, lebt trotz seines Handicaps eigenständig in einer Wohnung und ist dank eines Blindenführhundes auch außerhalb von Wohnung und Arbeitsstelle selbstständig unterwegs.

Einen Blindenführhund besitzt auch Michael Becker, Beschäftigter in den Blindenwerk-Werkstätten. Gemeinsam mit „Flocke“, einer blonden Labrador-Hündin meistert Becker nach getaner Arbeit den Weg in seine eigene Wohnung. Becker: „Flocke kennt den Weg dorthin ganz genau und macht mich auf Bushaltestellen, Ampeln und Hindernisse aufmerksam. Sie wurde neun Monate lang ausgebildet und kennt 45 Kommandos“.

Anders als Michael Becker wohnt Sigrun Greiner unter der Obhut des Lippischen Blindenwerkes. Die aus Gifhorn stammende junge Frau lebt seit 1987 in Detmold. Ihr Zuhause ist die Außenwohngruppe Sperlingsweg. Damit ist sie eine von 125 blinden Menschen mit mehrfacher Behinderung, denen das Lippische Blindenwerk nicht nur Arbeit, sondern auch ein Zuhause gibt. Drei Wohnheime, die mit einem speziellen Leitsystem für die blinden Menschen ausgerüstet sind, sowie eine ambulant betreute Wohngruppe und eine Außenwohngruppe gehören zum Lippischen Blindenwerk. Durch das Leitsystem ist eine weitestgehende Selbstständigkeit für die blinden Menschen in den miteinander verbundenen drei Wohnheimen gegeben. So können sie sich beispielsweise in den unterschiedlichen Wohnheimen auch gegenseitig besuchen.

Im Wohnbereich im Kiefernweg muss sich allerdings einiges ändern. Grund sind Vorgaben, die alle Behinderteneinrichtungen in NRW nach dem WTG (Wohn- und Teilhabegesetz NRW) bis 2018 umsetzen müssen. So müssen Gemeinschaftsbäder durch barrierefreie Einzelbäder ersetzt, separate Eingänge statt eines Haupteinganges geschaffen, Fahrstühle integriert sowie Flure und Balkone umgestaltet werden. Der veränderte Platzbedarf führt dazu, dass 20 Wohnplätze abgebaut werden, sodass künftig statt 68 maximal 48 Menschen in der Wohnstätte Kiefernweg leben.

Die Kosten für den Umbau schätzt Bicker auf rund sechs Millionen Euro, wobei ein Eigenanteil von zehn Prozent dem Lippischen Blindenwerk verbleibt. „Wir wissen nicht, ob wir das erwirtschaften können“, gesteht Bicker. Kann die Wohnstätte nicht umgebaut werden, verlieren bestehende Sondervereinbarungen ihre Gültigkeit; freie Plätze dürfen nicht wieder belegt werden. „Die Existenz der Einrichtung wäre gefährdet“, so Bicker.

Im ersten Schritt wird in diesem Jahr die Werkstatt umgebaut, mit dem Ziel die Spezialarbeitsplätze unabhängig von der Wohnform zu erhalten. Abschließend erklärt die Geschäftsführerin. „Wir hängen sehr an dem Standort Heidenoldendorf. Hier wird Inklusion schon seit Jahren gelebt“, betont Bicker.red



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