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93-jährigen Pyrmonter regt der Kehrplan auf

Kurt Lindhorst lässt im Ärger mit der Stadt nicht locker

BAD PYRMONT. „So habe ich mir meinen Lebensabend nicht vorgestellt“, sagt Kurt Lindhorst. Und denkt es in letzter Zeit wohl noch häufiger. Statt den Alltag bei relativ guter Gesundheit zu genießen, prägt zunehmende Bitterkeit die Gedanken des 93-jährigen Pyrmonters. Verantwortlich macht er dafür die Stadtverwaltung.

veröffentlicht am 27.12.2018 um 20:38 Uhr

Seinen alljährlichen Ärger über das in seinen Garten wehende Laub nimmt Kurt Lindhorst mit in den Winter. Wie man im Rathaus mit seinen Anträgen umgeht, die Emmerstraße in den wöchentlichen Kehrplan aufzunehmen, befremdet den 93-Jährigen zunehmend. F
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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„Oberflächlich und widersprüchlich“ erscheinen ihm Aussagen in Briefen aus dem Rathaus.

Dazu muss man wissen: Lindhorst kennt die Stadtverwaltung aus dem Effeff, jedenfalls aus seiner Zeit dort. 47 Jahre nach Beginn seiner Lehre ging er 1985 in Pension. Zuletzt war er Personalchef.

Doch seither hat sich viel verändert. Die meisten Pyrmonter denken an ihn eher als Trompeter, Stadtführer und Heimatforscher. Für seine unermüdliche Recherche zu gefallenen Soldaten erhielt Lindhorst 2015 die Theodor-Heuss-Medaille des Kriegsgräberfürsorge-Volksbundes.

Seine zunehmend kritische Sicht auf manches Verwaltungshandeln im Rathaus begründet der Pensionär mit der Straßenreinigungssatzung der Stadt. Die teilt Bad Pyrmont in drei Zonen: Eine Handvoll Straßen im Zentrum lässt die Stadt fünfmal pro Woche kehren (Reinigungsklasse III.). 50 weitere werden einmal wöchentlich gesäubert (Reinigungsklasse II). Bleiben 140 Straßen im Stadtgebiet, durch die die Kehrmaschine einmal im Monat rollt (Reinigungsklasse I.), sowie 28 Wege, Gassen und Gänge, in denen keine Reinigung stattfindet.

In die drei Klassen werden die Straßen laut der ab 1. Januar 2019 gültigen Verordnung „je nach ihrem Verschmutzungsgrad“ eingeteilt. Die seit gut einem Jahr geltende Satzung dazu nennt die Verkehrsbedeutung und die Lage der jeweiligen Straße als weitere Maßstäbe.

Geht es danach, so müsste die Emmerstraße, an der Kurt Lindhorst mit seiner Frau Elfriede lebt, längst wöchentlich gereinigt werden. Denn sie liegt im Kurbezirk, und diverse große Straßenbäume werfen viel Laub. Das unterscheidet sie von manch baumloser Straße im Wochen-Kehrplan.

Aber in der Emmerstraße fährt der Kehrwagen offiziell nur einmal im Monat die Bürsten aus. Die Folge: Das Laub der über 100 Jahre alten Ahorne vor seinem Grundstück und die Blätter der Linden auf der anderen Straßenseite wehen bei dem an dieser Stelle vorherrschenden Westwind über den niedrigen Zaun direkt in seinen Vorgarten. Den kehrt er dann täglich – wie den Gehsteig und die Gosse davor. „Damit mache ich seit Jahrzehnten freiwillig, was erst 2019 Pflicht wird“, sagt Lindhorst mit Blick auf die Gosse. Und mehr noch: Er leert sogar die Regenwasser-Einläufe, was er schon gar nicht muss.

Die Blätter auf seinem Rasen liegenzulassen, käme nicht infrage. „Dann blockiert mein Mähroboter.“

Von seiner früheren Forderung nach einer Fällung der Bäume ist Lindhorst zwar abgerückt. Aber er versteht nicht, warum die Stadt die Emmerstraße nicht längst im wöchentlichen Kehrplan steht. Das müsste nach seiner Überzeugung zudem ein zeitweiliges Halteverbot in der Parkbucht vor seinem Grundstück einschließen. Denn: Blockiert ein Auto den Platz, dann kann der Kehrwagen nicht kehren.

In den letzten 22 Jahren hat Kurt Lindhorst 8 Anträge geschrieben. Die Zahl der Briefe und E-Mails zwischen ihm und der Verwaltung ist noch deutlich höher. Aber sein Wunsch blieb unerfüllt. Mal hieß es unzutreffend, die Straße liege außerhalb des Kurbezirks. Dann wurde ins Feld geführt, die Kämmerei könne die Reinigungsgebühren nur alle drei Jahre neu kalkulieren. Also 2020. Und, klar: Bei nur einer Reinigung pro Monat brächte ein Parkverbotsschild nichts. Dass ihm das noch in einem immerhin freundlichen abgefassten Extra-Schreiben aus dem Ordnungsamt erklärt wurde, erscheint Lindhorst vollkommen überflüssig.

Vor rund einem Jahr fragte die Verwaltung – obwohl laut Lindhorst in solchen Fällen unüblich – das Votum der Anwohner ab. „Dabei haben sie zum Teil die Mieter gefragt statt der Grundstückseigentümer“, moniert Lindhorst, der durch die Abfrage den Grundsatz der Gleichbehandlung verletzt sieht. Obendrein habe die Verwaltung in ihrem Brief die Laufmeter-Gebühr zu hoch geschätzt. „Kein Wunder, dass die meisten Befragten unter dieser falschen Voraussetzung gegen das wöchentliche Kehren waren.“ Dass es zuletzt in einem Brief aus dem Rathaus hieß, er habe die Umfrage gewollt, befremdet ihn völlig.

Was die Sache pikant macht: In der Nachbarschaft lebt Bürgermeister Klaus Blome. Von ihm hätte Kurt Lindhorst erwartet, dass der zumindest eine Korrektur des Anlieger-Briefes veranlasst, den er „laienhaft und schlampig“ nennt. Aber das geschah nicht. Der Verwaltungschef betrachtet sich offenbar als befangen. Das deutete Kämmerer Eberhard Weber im August an, als er bei einem CDU- Bürgergespräch zu Lindhorsts Anliegen Stellung nahm.

Was Kurt Lindhorst zudem befremdet, war kürzlich ein Gespräch mit einem Mitglied der Mehrheits-„Gruppe 17“ im Stadtrat. Die Politikerin äußerte zwar vollstes Verständnis für seine Position. Dass sie dennoch gegen sein Anliegen votiert hatte, begründete sie mit „Fraktionszwang“.

Stadt-Sprecher Wolfgang Siefert verweist darauf, dass die Satzung außer der Reihe nicht zu ändern sei, betont jedoch: „In der Laubfallzeit wird in besonderen Fällen noch zwischendurch gereinigt. Aber wir haben nur eingeschränkt Leute und Maschinen.“

Das tröstet Kurt Lindhorst nicht: „Fegen ist immer noch besser als krank im Bett liegen“, sagt er zwar. Verspricht aber: „Ich lasse nicht locker.“



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