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Hans Stöteknuel ist begeisterter Morsefunker

Kommunizieren mit nur einer Taste

BAD PYRMONT. Was waren das noch für Zeiten, als Keyboards nur eine einzige Taste hatten. Was sich auf den ersten Blick als „übersichtlicher“ darstellen mag, war in der Realität deutlich komplizierter. Denn mit einer einzigen Taste ganze Worte und Sätze zu schreiben, ist zwar möglich, aber recht anspruchsvoll. Den Weg dazu bereitete Samuel Morse, der am 27. April 1791 geboren wurde.

veröffentlicht am 26.04.2019 um 20:06 Uhr
aktualisiert am 26.04.2019 um 21:00 Uhr

Hans Stöteknuel ist selbst begeisterter Morsefunker. Nach einem Gespräch kann man sich eine sogenannte QSL-Karte schicken. Gut 70 000 solcher Karten hat er erhalten und ebensoviele verschickt. foto: yt
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Carlhermann Schmitt Reporter
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Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Alfred Vail entwickelte er den Schreibtelegrafen, ein Gerät, das mit Hilfe seiner einzigen Taste Strom fließen lässt. Morse hat zunächst einen simplen, Vail dann später den ausgeklügelten Code entwickelt, in dem unterschiedliche Kombinationen von langen und kurzen Buchstabenintervallen repräsentiert werden. Die bekannteste Zeichenfolge ist wohl „. . . - - - . . .“, das internationale Notsignal SOS.

Interessant beim Morsecode ist, dass er mit unterschiedlichsten Medien genutzt werden kann. Mit Licht, wie im Film „Roter Oktober“, wo sich der russische U-Boot-Kapitän Marko Ramius mit Dr. Jack Ryan auf dem US-U-Boot mit Lichtsignalen unterhält. In der Navy-CIS-Folge „Giftgas“ macht ein Mann auf sich aufmerksam, der in einem Schaltraum die Kabel nutzt, um die Ampeln einer Kreuzung SOS blinken zu lassen. In alten Western wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Zwölf Uhr mittags“ saß gerne ein Nerd und Antiheld in einer Eisenbahnstation an einem Telegrafen, der über Kabel mit der nächsten Stadt verbunden ist. Morsen geht auch mit Klopfen, was während der Prohibition in den USA ausgiebig genutzt wurde, um an einer unscheinbaren Tür Zugang zu einer geheimen Bar zu bekommen. Das Morsen wurde allerdings am effektivsten im Funk genutzt. In Roland Emmerichs „Independance Day“ war das weltweite Satellitennetz zerstört und die Menschen mussten auf Kurzwellenfunk per Morsezeichen ihre Angriffe gegen die Außerirdischen koordinieren. „Das ist auch der Grund, warum es noch militärische Spezialeinheiten gibt, die das Morsen können müssen“, erklärt Hans Stöteknuel, der selbst begeisterter Morsefunker ist. Morsen geht immer, auch wenn die komplette technische Infrastruktur kaputt ist.

Mit den Morsezeichen kam ein wesentlicher Fortschritt in die Telegrafie. Schon 1850 gab es ein zusammenhängendes Telegrafie-Netz in Deutschland. Der Beginn der Globalisierung war eingeläutet. Das hat auch Israel Beer Josaphat aus Kassel erkannt. Nach seiner Banklehre baute er unter dem Namen Reuter die Nachrichtenagentur Reuters Telegrafic von London aus auf. Und um 1870 waren schon weite Teile der Erde verkabelt. Der Erfolg des Telegramms färbte auch auf die Sprache ab. Denn jeder Buchstabe kostete Geld. Gegen den Telegrammstil ist Twittertext ausschweifendes Geplauder.

Stöteknuel hat 1960 als 19-Jähriger die Amateurfunklizenz beim Bad Pyrmonter Verein erhalten. „Dazu musste man eine Prüfung in Technik, Gesetzeskunde und im Morsen ablegen“, erinnerte er sich, dass von ursprünglich über 20 Interessenten in Bad Pyrmont lediglich vier die Lizenz erhalten haben. Heute ist die Prüfung deutlich einfacher und Morsen zählt nicht mehr dazu. Sprechfunk und vor allem Internet haben diese Fertigkeit obsolet gemacht. „Wer es aber kann, möchte auch weiter morsen“, erklärte der Hobbyfunker und zieht das Violine-Spielen als Analogie heran: „Morsen ist Rhythmus und hat einen ganz eigenen Klang.“ Deshalb gäbe es auch noch einige, die freiwillig diese Kunst erlernen. „Zur Meisterschaft bringt man es allerdings nur durch sehr viel Übung.“ Deshalb kann er verstehen, wenn man sich als Amateurfunker eher mit dem Mikrofon anfreundet.

Allerdings ist es schon toll, wenn man sich an sein Funkgerät setzt, einen Ruf absendet und jemand antwortet aus einem völlig anderen Bereich der Welt. „Am Rufzeichen, das von den Ländern an Funker mit Lizenz ausgegeben wird, erkennst du schon, wo dein Gesprächspartner herkommt.“ Stöteknuel besitzt das Zeichen DJ6AU, wobei D für Deutschland steht. Und nach einem Gespräch kann man sich eine sogenannte QSL-Karte schicken. Dafür gibt es sogar ein weltweites Verteilernetz der Funkamateure. „Ich habe gut 70 000 solcher Karten erhalten und ebensoviele verschickt. Per Post undenkbar.“ Die Karten, auf denen eigentlich nur funkrelevante Daten und ein Gruß stehen, sind auch interessante Zeitzeugen. So hat Stöteknuel Karten aus Ländern, die es nicht mehr gibt, wie Obervolta oder aus der UdSSR. Oder von Kollegen, die viel herumgekommen sind und aus unterschiedlichsten Ländern geantwortet haben. Auch Stöteknuel, Blomberger von Kindheit an, ist auch gut herumgekommen und war einige Jahre auf den Shetlandinseln. „Einmal machte ich in Westaustralien Urlaub, da hab ich dann mal einfach eine Morsekollegin spontan besucht.“ Ingelore hat lange aus Deutschland gefunkt. Dabei hat es auch im übertragenen Sinne gefunkt, so dass sie in Perth gelandet ist.

So ist Funken – und hier ganz besonders das Morsen – ein anspruchsvolles Hobby, das derzeit knapp drei Millionen Menschen weltweit über fast alle Grenzen hinweg zusammenschweißt. „Nur in Nordkorea ist Amateurfunk verboten.“ Deshalb wird Stöteknuel gemeinsam mit seinen knapp 30 Funkerkollegen des Ortsverbands Bad Pyrmont am heutigen Jahrestag des Morsens an manche interessanter Geschichten erinnern.



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