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Warum die Kurstadt noch immer Sperrzone für neue Fachmediziner ist

Kein Weg aus dem Augenarzt-Mangel in Bad Pyrmont?

veröffentlicht am 02.09.2016 um 21:54 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:28 Uhr

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Autor:

Hans-Ulrich Kilian Juliane Lehmann
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Ein Blick zurück: Der 2011 frei gewordene Praxissitz für den Landkreis Hameln-Pyrmont wanderte nach Hameln; der einzige Bewerber zog die Kreisstadt der Kurstadt vor. Ein finnischer Arzt, der Interesse an Bad Pyrmont gezeigt hatte, kam zu spät. Die Bewerbungsfrist war abgelaufen, der Platz war weg. Und was hat sich seither getan?

Im Grunde nichts. Dabei ist die Facharztversorgung noch immer ein Thema. Allerdings ein sperriges. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht darauf angesprochen werden“, sagt Annegret Webel vom Seniorenbeirat der Stadt. „Manche Augenärzte in der Umgebung nehmen keine Patienten aus Pyrmont mehr an, da bleibt nur noch der Weg nach Detmold oder sogar Bielefeld“, weiß sie aus Gesprächen. Leidtragende seien vor allem Senioren ohne Auto.

„Aber wir sind im Moment mit unserem Latein am Ende“, sagt Webel. „Rein rechnerisch ist der Kreis mit 113 Prozent überversorgt. Das ist die Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung (KV).“ Dass sich der Bewerber 2014 für Hameln entschied, sei nun einmal nicht zu ändern. „Wir haben freie Arztwahl, aber auch freies Niederlassungsrecht“, stellt die Vorsitzende des Seniorenbeirats fest. Nicht einmal die 2013 zusammen mit dem Behindertenbeirat gestartete Landtags-Petition mit knapp 1800 Unterschriften bewirkte etwas.

Gern hätte die Redaktion den seit fünf Jahren einzigen Pyrmonter Augenarzt zu Wort kommen lassen. Er war jedoch telefonisch nicht zu erreichen. Dem Vernehmen nach wäre er durchaus bereit, seine Praxis zu verkaufen. Aber nur zu seinen Konditionen. Und auf die wollte sich bisher wohl kein Interessent einlassen.

Zuletzt soll ein Detmolder Mediziner mit einer Zweigstelle in der Kurstadt geliebäugelt haben. Doch er ist derzeit im Urlaub und ebenfalls nicht zu erreichen. Aus seiner Gemeinschaftspraxis heißt es: „In Bad Pyrmont führen wir aktuell keine Gespräche.“

Auch für die Pyrmonter Senioren-Union war und ist die Facharztversorgung ein Thema. Aber auch ihr Vorsitzender Werner Lange räumt ein: „So lange der einzig verbliebene Augenarzt seinen Sitz besetzt hält, können wir nichts erreichen.“ Damit zufriedengeben will er sich dennoch nicht. Deshalb hat die Senioren-Union der KV das Problem gerade in einem Brief geschildert. Demzufolge kann es „nicht im Sinne des Gesetzes und der Regelungen für die Bedarfsplanung sein, dass der Inhaber einer kassenärztlichen Zulassung zum Nachteil der Patienten seine – nach Ansicht bisheriger Interessenten – überhöhten wirtschaftlichen Vorteile verfolgt“. Vermutlich erwarte der Arzt, dass schließlich die öffentlichen Stellen weich werden und ihm seinen Preis zahlen, heißt es in dem Brief aus Bad Pyrmont weiter.

Im Rathaus hat sich Stefan Ölmann um das Problem gekümmert. „Wir haben immer versucht, bei den Gesprächen über eine mögliche Sitznachfolge ein positives Ergebnis zu bekommen“, sagt er. Eine Annonce wie 2014 in einer Fachzeitung habe die Stadtverwaltung aber seither nicht mehr geschaltet. Schließlich gebe es aktuell keinen freien Arztsitz mehr, für den zu werben sich lohnen könnte. Ebenso wenig könne die Stadt sich finanziell einbringen, indem sie etwa einen Teil der Praxis-Ablöse zahle.

Dass Theorie und Praxis der augenärztlichen Versorgung in der Kurstadt weit auseinanderklaffen, sieht man auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Hannover. „Die Zahlen zur Bemessung des Bedarfs sind ein mathematisches Modell, sie bilden keine Versorgungsrealitäten ab“, räumt KV-Sprecher Detlef Haffke ein. „Aber es ist nicht unsere primäre Aufgabe, Richtlinien zu hinterfragen. Wir müssen sie umsetzen.“ So gelte nach wie vor: Die 9 in Hameln-Pyrmont niedergelassenen Augenärzte stellen rein rechnerisch die Versorgung der 147 595 im Kreisgebiet gemeldeten Menschen zu 113 Prozent sicher. Das Arzt-Patienten-Verhältnis liege hier bei 1 : 16 400 – also 2122 Patienten pro Arzt unterm bundesweit festgelegten Versorgungsgrad-Soll von 1 : 18 521. Da die Versorgungsquote noch immer nicht stadtweit, sondern kreisweit ermittelt werde, ist Hameln-Pyrmont und damit auch Bad Pyrmont Sperrzone für die Ausweisung eines weiteren Praxissitzes. Die Sperrung ließe sich zwar durch die Feststellung eines „Sonderbedarfs“ umgehen. Der müssten jedoch alle praktizierenden Augenärzte zustimmen.

Ob sie das täten, wenn sie dadurch Umsätze einbüßen würden, sei dahingestellt.

Dass Bad Pyrmonts einziger Augenarzt Mitte 70 ist und seine Praxis nicht ewig offenhalten wird, ist in Hannover auch bekannt. Aber einem absehbar drohenden manifesten Mangel vorzubeugen, sehen die Vorgaben der KV nicht vor. „Für uns ist leider immer die Bedarfsplanung der Maßstab“, sagt ihr Sprecher.

Außerdem gibt Detlef Haffke zu bedenken: „Aktuell ist in Niedersachsen ein halbes Dutzend Augenarzt-Sitze frei. Und der ärztliche Nachwuchs strebt nicht unbedingt eine Niederlassung an in Regionen mit ländlicher Struktur.“



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