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So erlebte der Pyrmonter Dieter Arndt seinen Kurzurlaub in Tunesien und die überstürzte Abreise

Jetzt liegen die Nerven der Rückkehrer blank

Bad Pyrmont (jl). Vier Wochen wollte er in Tunesien bleiben. Doch wegen der eskalierenden Unruhen dort konnte Dieter Arndt nicht einmal vier Tage seines langersehnten Urlaubs in dem nordafrikanischen Land genießen. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes kam für den Pyrmonter zu spät. Als die Behörde sie absetzte, war er auf dem Weg in die Sonne. Doch seit Samstag hat die Kurstadt ihn wieder. Und im Nachhinein ist der 66-Jährige froh, dass er die erste vom Reiseveranstalter Neckermann gecharterte Maschine erwischte, die die Urlauber nach Deutschland holte.

veröffentlicht am 17.01.2011 um 21:14 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 21:21 Uhr

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Am vergangenen Freitag war der 66-Jährige mit seiner Freundin Violanta Ruchatz, einer pensionierten Lehrerin aus Rostock, gerade von einem Bummel durch die Umgebung zurückgekehrt, „da schob jemand einen Zettel unter unserer Zimmertür durch“, erinnert er sich. „Darauf stand, dass wir um 15 Uhr samt Gepäck in der Lobby sein müssen. Uns blieb eine Viertelstunde zum Packen.“ Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass das Füllen von zwei Koffern und drei Taschen nicht ohne Stress ablief.

Zunächst war Arndt von der Aussicht auf Evakuierung alles andere als begeistert. „Ich hätte mich gern dagegen gewehrt“, gibt er zu. „Aber dann wären die Rückflugtickets verfallen, sagte man uns.“ Und damit hatte sich sein Zaudern schnell erübrigt. Denn Arndt muss aufs Geld achten und wollte nicht zuletzt aus finanziellen Gründen für ein paar Wochen ins Warme. „Dann habe ich hier für die Zeit kaum Kosten für Gas und verbrauche weder Wasser noch Strom“, sagt er und nennt für die aus hiesiger Sicht niedrigen Lebenshaltungskosten dort ein Beispiel: „Eine Woche Verlängerung kostet 40 Euro.“

Arndt, der 30 Jahre lang auf Volksfesten gebrannte Mandeln verkauft hat und heute vielen Menschen in der Region als Bonsai-Züchter bekannt ist, hat eine ganze Menge mitgemacht in seinem Leben. „Vor über 30 Jahren habe ich mich schon in Brokdorf von der Straße tragen lassen“, erinnert er sich an seine Teilnahme bei einer der damaligen Anti-Atomkraft-Demo.

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Solidaritätskundgebung: Die Belegschaft eines Hotels ist in den Ausstand getreten. Durchaus möglich, dass das Management damit zugleich das Anwesen schützen wollte.

Deshalb glaubte er jetzt in Tunesien zunächst auch eher eine Art Aufbruchsstimmung unter den Menschen zu spüren, als in der Nacht zum vergangenen Freitag ein nicht enden wollender Corso hupender Autos unter seinem Hotelfenster in Tunesiens viertgrößter Stadt Sousse vorüberfuhr. „Aus den Wagenfenstern lehnten junge Leute und winkten“, erzählt er. „Das hat mich an meine Jugend erinnert.“ Zumal er die Demonstranten verstand. „Wie soll einer die ganze Familie ernähren, wenn er 40 Euro im Monat verdient und ständig alles teurer wird?!“

Am Freitag unternahm Arndt dann noch einen Ausflug zum nahen Einkaufszentrum. Doch das lag wie ausgestorben da. „Die Cafés, die Geschäfte – alle leer“, beschreibt der Pyrmonter die geisterhafte Atmosphäre.

Auf dem Rückweg zu seiner Bleibe stand dann die komplette Belegschaft des nahen Mövenpick-Hotels vor der Tür. „Sie hatten die Arbeit niederlegt, aus Solidarität mit den Protestierenden“, erfuhr Arndt und glaubt: „Vielleicht wollten sie so auch ihr Hotel vor Angriffen schützen.“

Direkte Gewaltausbrüche haben Arndt und seine Lebensgefährtin nicht erlebt, „nur ein paar brennende Mülltonnen auf dem Rückweg zum Flughafen“. Denn die Stadt Sousse blieb von den Ausschreitungen länger verschont als das etwa 130 Kilometer entfernte Tunis. „Wir haben uns bei unseren ersten Spaziergängen nur gewundert, dass so viele Geschäfte geschlossen waren“, sagt Arndt. „Und dass ein ganzes Einkaufszentrum schließt, nur weil der Präsident des Landes eine Rede hält, kam uns auch seltsam vor.“ Von einer konkreten Gefahr sei aber noch gar nichts zu spüren gewesen.

Die Rückreise wurde dann reichlich anstrengend. Auf Schleichwegen durch die Altstadt ging es mit dem Bus zum Flughafen. Mit der Zeit im Nacken, denn ab 18 Uhr verhängte Ausgangssperre hätte die Ankunft vereitelt. „Der Busfahrer hat jedes entgegenkommende Auto angehalten und gefragt, welche Straße frei ist“, erzählt Arndt. „Und in Monastir haben sie uns in ein Flugzeug nach Berlin gesetzt.“ In Tegel habe er dann einen Gutschein für ein Hotel außerhalb der Stadt und Zugfahrkarten nach Hannover in die Hand gedrückt bekommen. „Wir haben uns ziemlich allein gefühlt“, sagt er. Dumm zudem: Seinen Hund hatte er zu Bekannten seiner Freundin in Rostock in Pflege gegeben, und sein Auto stand am Flughafen in Paderborn.

Den Wagen hat Arndt inzwischen wieder. Aber seinen Hund zu holen fehlte ihm bisher die Gelegenheit. Ebenso wie die rund 20 kostbarsten seiner geliebten Bonsai-Bäumchen, die er vor der Reise nach Herford gebracht und dort in Pflege gegeben hatte.

Gestern ging der Rückkehrer sicherheitshalber erst einmal zu seinem Reisebüro, wo Manfred Kröger den Kontakt zum Veranstalter herstellte. Ob und in welcher Form die heimgeholten Touristen entschädigt werden, ist noch offen. Aber, so sagt der Reisebüro-Inhaber: „Die meisten Veranstalter sind sehr kulant.“

Dieter Arndt wäre mit einem Reisegutschein durchaus zufrieden. „Aber möglichst erst für den nächsten Winter. Denn jetzt liegen die Nerven blank und wir müssen das alles erst einmal verarbeiten.“

Inzwischen ist er auch froh, wieder in Deutschland zu sein. Nicht zuletzt mit Blick auf seine Lebensgefährtin. „Sie war doch sehr in Sorge. Und sie hatte recht damit.“

Der Pyrmonter Dieter Arndt und seine Freundin Violanta Ruchatz gehörten am vergangenen Freitag zu den ersten Touristen, die aus Tunesien ausgeflogen wurden. Der Flieger nach Tegel war nur halb voll. „Die anderen hatten es wohl nicht mehr rechtzeitig geschafft“, vermutet Arndt. Fotos: dapd (1), pr

Fast wie ausgestorben: ein Einkaufszentrum am vergangenen Freitag in der tunesischen Stadt Sousse.



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