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Wie die Flüchtlingshilfe Lippe im Lügder Wichernhaus Ratsuchende berät und warum an der Landesgrenze Schluss ist

Integration – wo Theorie und Praxis auseinanderklaffen

Lügde (khr/jl).„Hinter jedem Flüchtling verbirgt sich ein schweres Schicksal“, sagt Claudia Guenther. „Niemand verlässt ohne große Not seine Heimat, um in einem fremden Land Schutz und Sicherheit zu suchen.“ Im Grundgesetz ist das Recht auf Asyl zwar verbrieft. Doch die Hürden bis zur Anerkennung als politisch Verfolgter mit dauerhaften Aufenthaltserlaubnis sind hoch. Ohne Hilfe ist ein solches Verfahren, dass sich über Jahre erstrecken kann, nicht zu schaffen. Immerhin ist die Arbeit von Claudia Guenther jetzt etwas einfacher geworden. Die Lügderin, die ihre Arbeit für Flüchtlinge als gelebtes Christentum versteht, musste mit den Hilfesuchenden früher immer zur Beratungsstelle nach Detmold fahren. Doch seit einiger Zeit kommt Frank Gockel von der Flüchtlingshilfe Lippe regelmäßig ins Lügder Wichernhaus, um hier Flüchtlinge auf dem Weg zur Anerkennung und bei der Beantragung von Leistungen zu beraten.

veröffentlicht am 26.11.2010 um 20:32 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 23:21 Uhr

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Der 39-Jährige, der 2007 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde, hilft Anträge zu schreiben, erklärt Bescheide, leistet juristischen Beistand, organisiert Dolmetscher, geht mit zum Amt oder hat einfach ein offenes Ohr für die Sorgen der Flüchtlinge – seien es gesundheitliche Probleme oder Fragen zum Schulbesuch und zur Erziehung der Kinder.

„Das Anerkennungsverfahren ist eine Geduldsarbeit“, weiß der Menschenrechtler und erinnert sich an einen Fall, wo erst nach 18 Jahren ein Aufenthaltsrecht gewährt wurde. Aber selbst Verfahrensdauern von sechs bis acht Jahren seien nicht selten und zwei bis drei Jahre normal.

Aber nicht nur die Anerkennung als Asylbewerber ist ein dorniger Weg. Auch die Integration der Flüchtlinge scheint von Amts wegen nicht gewollt. Beispiel Sabbenhausen: Dort lebt ein Dutzend alleinstehender Flüchtlinge in einer abgelegenen Sammelunterkunft. Drei, vier von ihnen teilen sich ein Zimmer. Sie haben zwar ähnliche Schicksale. Aber ihre Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten sind so unterschiedlich wie ihre Herkunft. Privatheit gibt es nicht, wenn ein Zimmergenosse den ganzen Tag fernsehen will, ein anderer kocht und der dritte laut telefoniert. Doch die „Flucht“ ist schwierig, denn die Busfahrt nach Lügde kostet Geld. Und Bad Pyrmont ist unbekanntes Territorium, denn noch nicht anerkennte oder bereits abgelehnte Asylbewerber dürfen die Landesgrenze nicht passieren. „Theoretisch können sie zwar nach Köln reisen, aber nicht nach Bad Pyrmont“, sagt Gockel, der vergeblich versucht hat, bei der Ausländerbehörde des Kreises Lippe eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken. Dort heißt es, man müsse sich ans Bundesgesetz halten, verfahre aber schon großzügig. Eine generelle Ausnahmegenehmigung für die Lügder Flüchtlinge könne aber nicht erteilt werden, sonst drohe Ärger mit der Ausländerbehörde des Kreises Hameln-Pyrmont. Dort weiß man um die Möglichkeit einer allgemeinen Erlaubnis zum Verlassen des Bezirks. Doch Kreis-Sprecherin Anja Hegener teilt auf Anfrage mit: „Eine derartige Anfrage hat der Kreis Lippe bislang noch nicht an uns gerichtet.“ Sollte sich die Notwendigkeit einer allgemeinen Erlaubnis ergeben, müsste dies im Einzelfall in Hameln geprüft werden.

Immerhin ist Claudia Guen-ther jetzt zuversichtlich, eine Erlaubnis für eine Familie zu bekommen. Denn deren behinderter Sohn muss regelmäßig zum Kinderarzt. „Bisher müssen wir vorjedem Arztbesuch einen Antrag stellen.“

Verstöße gegen die Vorschriften können schwerwiegende Folgen haben. Würde ein Flüchtling nur einmal ohne Genehmigung in Bad Pyrmont aufgegriffen, könnte das Lügder Sozialamt die Leistungen an ihn gleich um ein Drittel kürzen.

Dass Integration ohne Sprachkenntnisse nicht funktioniert ist bekannt. „Sprachkurse gibt es aber nur für anerkannte Asylbewerber mit unbefristeter Aufenthaltserlaubnis“, weiß Guenther. Der Auffassung, dass noch nicht anerkannte Asylbewerber auch keinen Anspruch auf Integration haben, steht nach Guenthers Empfinden die meist sehr lange Verfahrensdauer entgegen. „Wer acht, zehn oder mehr Jahre in Deutschland lebt, dessen Kinder hier geboren werden und zur Schule gehen, sollte auch Deutsch können“, sagt sie.

„Aber am schlimmsten ist das Arbeitsverbot“, sind sich Guenther und Gockel einig. Die Betroffenen können dadurch nicht für ihren eigenen Unterhalt sorgen und haben obendrein kaum Möglichkeiten, Deutsch zu lernen und sich zu integrieren. „Die psychologische Wirkung aus erzwungener Untätigkeit, gesellschaftlicher Ablehnung und Angst vor Abschiebung schlägt oft in körperliche Erkrankung um, vor allem bei Frauen“, weiß Guenther. Dabei stellt Frank Gockel immer wieder fest, dass der Wille zu arbeiten unter den Flüchtlingen besonders ausgeprägt ist.

Gockel ist stolz, dass es während seiner Arbeit für die Flüchtlingshilfe Lippe bisher nur l zu einer Abschiebung gekommen ist. Aber er gesteht: „Wenn ich zwei Kindern im Alter von drei und sechs Jahren erklären muss, warum ihre Eltern verhaftet wurden, stoße auch ich emotional an meine Grenzen.“

Fatma Ari (vorn) sucht die Beratung durch Frank Gockel von der Flüchtlingshilfe Lippe und Claudia Guenther von der St. Johannis-Kirchengemeinde im Wicherhaus in Lügde.

Foto: khr

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