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Jochen Malmsheimer entlarvt Absurditäten des Alltags

In rasiermesserscharfer Sprache

BAD PYRMONT. Wie eine Naturgewalt überkam Jochen Malmsheimer das Konzerthaus von Bad Pyrmont. Mit fein geschliffener rasiermesserscharfer Sprache entlarvte der Kabarettist die Absurditäten des Alltags.

veröffentlicht am 25.11.2018 um 15:52 Uhr

Nur die Notwendigkeit, zu atmen, bremst Malmsheimer aus – manche Zuschauer hätten sich ein etwas langsameres Tempo gewünscht. Foto:yt
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Autor

Carlhermann Schmitt Reporter
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Und wo es eigentlich gar keine gab, konstruierte er einfach welche – wie bei seinen Ausführungen zum Fliegen: „Wenn der Herr gewollt hätte, dass ich fliege, hätte er mich insgesamt deutlich leichter angelegt, mir eine windabweisende Oberfläche verliehen, mich tropfenförmig gestaltet, mir Häute zwischen den Fingern zugestanden und mich Pterosarauria genannt.“

Es gab schon viele, die in ihren Kabarettprogrammen Autobahnen thematisierten. Angefangen mit der Lach- und Schießgesellschaft, die sich an Silvester 1973 über das Fahrverbot amüsierte, bis hin zu Sträter, der sich überzeugt zeigt, dass man durch ein Autoverbot im Ruhrgebiet schneller zum Ziel gelange. Aber wer kommt auf die Idee, dass die A 45, weil zwar nur einen halben Meter hoch, aber dafür irrsinnig lang, die Logistikprobleme der ISS lösen würden, hätte man sie nur hochkant installiert.

Der Kabarettist hat die Lacher auf seiner Seite. Es hätten aber deutlich mehr gelacht, hätte Malmsheimer nicht seinem durchaus verständlichen Drang nachgegeben, noch ins Bad Pyrmonter Nachtleben einzutauchen, das – wegen der Schließzeiten der Kurkliniken – deutlich früher zur Heimkehr bläst, als in anderen Städten mit ebensolcher alle Sinne betörenden ausschweifenden Vielfalt nächtlicher Unterhaltung. Ob dieser Eile peitschte er seine hochkomplex angelegten Satzstrukturen voller barocker Finessen in einem atemberaubenden und letztlich sinnverschleiernden Tempo durch den Konzertsaal, dass viele enerviert das Handtuch warfen und auf Kalauer warteten, die entweder deutlich kürzer gehalten waren oder in Phasen behandelt wurden, in denen Malmsheimer durch die Notwendigkeit, zu atmen, etwas ausgebremst wurde.

Malmsheimer arbeitete viele Themen ab. Eine Busfahrt nach Venedig, von der er zunächst die modischen Trends seiner Mitfahrgenossen behandelte, als wäre der Mittelgang der Laufsteg, auf dem die ganze Bandbreite erfrischender Zimtschattierungen über das Schillern von Karamell-Farben bis hin zur nüchternen Sachlichkeit zurückhaltender Grau-Facetten zelebriert worden.

Malmsheimer ging zurück. Jugend, Testosteron und Paula aus der Serie Daktari, deren so eng anliegenden Hosen er lange Zeit für Make-up gehalten habe. Lex Barker, Winnetou und der Schatz im Silbersee wurden bemüht. Dann ein Zwischenspiel mit einem intellektuell tiefergelegten Besitzer eines ebenso niedrigen BMW, bevor er eine Talkrunde eröffnete, deren Witz schon an der Vorstellung der Protagonisten scheiterte, weil sie kaum einer der Gäste verstanden hat.

Diskutiert wurde die Bildung: Die Erhöhung des Drucks bei Verkürzung der Schulzeit und Beibehaltung der Stoffmenge als Verfestigungsfaktor des Gelernten verhedderte sich in Definitionen: Was ist Bildung? Dass man was weiß. Was gehört in den Bildungskanon? Ein Klettergerüst. Nicht Canyon! Also mehrere Stimmen, die unterschiedlich einsetzen. Nein, auch kein Fotoapparat oder Kopierer. Völlig absurd, aber genau hier wurde es richtig spannend, weil brisant, politisch, aktuell und gesellschaftlich relevant. Malmsheimer erinnerte an die Quantenphysik, in der alleine die Beobachtung einen physikalischen Zustand verändert: „Könnte man alleine durch Beobachtung den ganzen braunen Klärschlamm verändern, es würde sich so lohnen, ganz genau hinzuschauen.“ Und da es ja dümmer nimmer geht, als das, was Gauland und Konsorten so veranstalten, würde es durch Veränderung zwangsläufig besser. Das haben alle verstanden und sich mit viel Beifall für die klaren Worte des Sprachgiganten Malmsheimer bedankt.



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