weather-image
22°

Jugendliche aus Anzio und ihre Gastgeber auf den Spuren der Nationalsozialisten

In der Gralsburg der SS

Bad Pyrmont. Zur Einstimmung auf das Thema, das am vierten Aufenthaltstag für die jungen Besucher aus Bad Pyrmonts Partnerstadt Anzio vorbereitet war, hatte Jens Luker, Sprecher der Arbeitsgruppe des Städtepartnerschaftsvereins, eine Unterrichtsstunde in den wegen der Ferienzeit leeren Unterrichtsräumen des Humboldt-Gymnasiums vorbereitet. Im lockeren Stuhlkreis saßen gut 30 junge Menschen beider Nationen zusammen und tauschten sich darüber aus, wie man in ihren jeweiligen Ländern mit der faschistischen Vergangenheit umging und aktuell umgeht. Dabei ging es um den anstehenden Besuch der Wewelsburg unweit Paderborn, die unter anderem als Erinnerungs- und Gedenkstätte dient. Von 1934 bis 1945 wurde sie von der SS genutzt.

veröffentlicht am 07.04.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 18:41 Uhr

270_008_7701036_pn202_0704.jpg

Autor:

von Klaus Titze
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Interessant zu sehen war, wie unterschiedlich die Jugendlichen miteinander umgingen. Während sich ihre deutschen Gastgeber zu ihrem jeweiligen Redebeitrag meldeten und den Beiträgen aufmerksam zuhörten, beteiligten sich gleich mehrere ihrer italienischen Gäste an der Beantwortung einer Frage. So entspann sich ein lockerer Austausch unterschiedlichster Meinungen und man gewann dennoch den Eindruck, dass alle Beiträge aufgenommen wurden und keiner verloren ging.

Nach der Theorie war die praktische Erfahrung am Objekt geplant. Und so bestiegen alle erwartungsvoll den Bus, der sie in Richtung Paderborn zur Wewelsburg bringen sollte. Dort ging es schnurstracks in den Museumsbereich. Hier stellte sich ein besonderes Ereignis sowohl als Hindernis als auch als Glücksfall heraus. Denn an diesem Tag vor 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Niedernhagen von amerikanischen Soldaten befreit. Dieses Lager war allein zu dem Zweck errichtet worden, um den von Heinrich Himmler geplanten Umbau der Wewelsburg zur SS-Gralsburg durch Sklavenarbeit fertigstellen zu lassen.

Deshalb drängten genau zu diesem Zeitpunkt Hinterbliebene und Zeitzeugen des Lagers in die Gedenkstätte, begleitet durch zahlreiche Offizielle, Politiker und Medien. So mussten andere Besuchergruppen aus Rücksicht auf diese Besonderheit notgedrungen Veränderungen in den Abläufen des Besichtigungsprogramms hinnehmen. Allerdings hatte es auch den Vorteil, dass medienwirksam über das regionale Ereignis berichtet wurde. In der alltäglichen Führung beispielsweise sind Fotoaufnahmen innerhalb des Nordturmes mit seinem Ehrensaal und dem Obergruppenführersaal nicht erlaubt. An diesem speziellen Tag konnte die Gruppe von den erlaubten Ausnahmen profitieren.

Trotz allen Gedränges blieb die Wirkung der von den Kuratoren des Museums konzipierten Ausstellung mit ihrer SS-sakralen Atmosphäre für die Jugendlichen aus Bad Pyrmont und Anzio erlebbar. So zum Beispiel in dem untersten Teil des extra konstruierten und an die Burg angebauten Nordturmes. Hier sollte der Ehrensaal für die gefallenen SS-Führer entstehen, in dessen Mitte eine ewige Flamme angedacht war. Stellt man sich genau in die Mitte des Saals, befindet man sich regelrecht in einem Schallmittelpunkt, der durch das Gemäuer entsteht. „Selbst leiseste Töne kann man an dieser Stelle deutlich hören“, stellte Helena aus der italienischen Gruppe fest. Desgleichen beeindruckte darüber der Obergruppenführersaal, der genau wie andere Vorhaben wegen der vorrückenden alliierten Einheiten nicht zu Ende gebaut worden ist.

Konträr zu den selbstdarstellerischen Facetten der SS-Elite steht in der Wewelsburg das Schicksal der im naheliegenden Konzentrationslager untergebrachten Zwangsarbeiter. Sie hatten geplante Umbauten an der Burg auszuführen. „Es ist erschreckend, dass nach der Auflösung des Lagers alle Lagerinsassen nach Auschwitz-Birkenau transportiert und dort unmittelbar an der Rampe für das Gas und die Verbrennung in den Krematorien selektiert worden sind“, zeigte sich Julia erschüttert. So war den jungen Besuchern nicht nur die erkennbare museale Ermüdung anzumerken, sondern auch die schockierenden Erkenntnisse der damaligen Grausamkeiten.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?