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Die Tagesstätte „GeZeitEn“ kümmert sich um Menschen mit psychischen Erkrankungen

„Hier sind Leute, die hören mir zu“

Löwensen/Bad Pyrmont. „Ich interessiere mich für Geschichte und Religion, für Astronomie, Physik und Raumfahrt“, beschreibt Andreas Voss seine vielfältigen Interessen. Er sucht Antworten auf unendlich viele Fragen. Dabei hält der 55-Jährige eine selbst gestaltete Figur aus Pappmaschee in seinen Händen, die er „den Einbeinigen“ nennt. Die Figur muss sich ganz schön in die Schräglage begeben, um im Gleichgewicht zu bleiben und nicht umzukippen. „Ich habe in meinem Leben eine ganze Menge gelitten. Als ich krank wurde, da habe ich mich mit der Bibel beschäftigt“, sagt der gelernte Schlosser. Er kam zu der Erkenntnis, „dass Wohlergehen ohne Leid nicht möglich ist“.

veröffentlicht am 20.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 01:41 Uhr

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Autor:

Claudia Guenther
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Als 21-Jähriger begeht er „mit dem Mut der Verzweiflung Republikflucht“, mit dem Schlauchboot von der polnischen Ostseeküste nach Bornholm. Dabei orientierte er sich an der Sonne, seiner Armbanduhr und dem Polarstern. „In der DDR, vor meiner Flucht, da bin ich in der Einzelzelle durchgedreht“, das war 1978. „Ich habe die Flucht nicht bereut, es war hier so, wie ich gedacht hatte.“ Er müsse immer viel denken und könne wenig abschalten, benennt er seine Schwierigkeit. Er arbeitet gern mit dem ruhigen Material Holz und das Wichtigste sei ihm, „dass meine Mitmenschen mit mir zufrieden sind und mich liebhaben“.

An fünf Tagen in der Woche besucht Voss die Löwensener Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen „GeZeitEn“ des Sozialpädagogischen Zentrums (SPZ) Bad Pyrmont. Der Name setzt sich bewusst aus den Worten Gemeinschaft, Zeit haben und (persönliche) Entwicklung zusammen.

„Was wir hier bieten, ist eine Tagesstruktur mit individuellen Angeboten. Man muss einen Grund haben, um das Haus zu verlassen“, erläutert Mareen Joachim, Ergotherapeutin und Leiterin der Tagesstätte. Durch die Angebote der Einrichtung bekämen die Klienten Möglichkeiten, „Kräfte wiederzuerlangen und den Tag sinnvoll zu gestalten.“ Für sie sei die Gemeinschaft wichtig und das Gefühl, „hier sind Leute, die hören mir zu.“

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Meist sind es unklare Diagnosen wie „Endogene Psychose“, mit denen sich die Klienten oder auch Angehörige an die Einrichtung wenden. Oft sind Lebenskrisen Auslöser für Depressionen und andere psychische Erkrankungen. Die Trennung vom Partner, berufliche Sinnkrisen, der Übergang von der Schule zum Beruf oder vom Beruf zum Ruhestand.

„Einige Teilnehmer warten auf eine Traumatherapie oder auf eine Wiedereingliederung in den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt.“ Ziel sei es, die Arbeitsfähigkeit wiederzuerlangen. „Jüngeren Leuten fehlen oft Schulabschlüsse. Wir arbeiten auch mit Ärzten, dem sozialpsychiatrischen Dienst und Betreuern zusammen“, erklärt Joachim die Vorgehensweise.

Die gemütliche und familiäre Atmosphäre in der Einrichtung, ein gemeinsames Frühstück zweimal in der Woche, miteinander reden, Kuchen backen, einkaufen, kochen, all das steht auf dem Programm. Aber auch kreative Angebote wie Arbeiten mit Holz, das Erlernen verschiedener Maltechniken, Modellieren mit Speckstein oder Pappmaschee und Ausflüge gehören zu dem verbindlichen Wochenplan. In der Gemeinschaft läuft das Leben in besseren Bahnen als auf sich allein gestellt. Zurzeit sind elf von 22 Plätzen besetzt.

„Es kann auch mal sein, dass hier die Luft brennt“, räumt sie ein. „Es ist hier nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, aber auch für solche Situationen sind wir da. Manchmal stehen die Leute unter innerer Spannung wegen akuter Belastungen. Jeder hat sein eigenes Mittel, um runterzukommen und Klarheit zu gewinnen“, betont Joachim. Außer ihr arbeiten eine Sozialpädgogin, eine Sozialarbeiterin und ein Heilerziehungspfleger in den „GeZeitEn“. Momentan sei die Gruppe sehr harmonisch. Das sei jedoch immer abhängig von der Zusammensetzung und den momentanen Lebensphasen der Menschen, weiß sie aus ihrer Arbeit.

„Die Sorge der Betroffenen ist, dass man nicht mehr für leistungsfähig gehalten wird“, erklärt Olaf Heilig, Leiter des Sozialpädagogischen Zentrums Bad Pyrmont, zu dem die Löwenser Tagesstätte gehört. „Der Verlust des Vertrauens in das eigene Selbstkonzept und in die eigenbestimmte Lebensweise“ verunsichere die Menschen und demotiviere sie. Sie müssten lernen, „über das Erlangen sozialer Kompetenzen wieder Hilfe und Unterstützung zuzulassen“, denn das sei der Schlüssel, „Frieden mit sich selbst“ zu finden.

Sehr konzentriert und mit feinem Strich malt Martin Weidlich in verschiedenen Techniken Bilder von Blüten, Landschaften oder aus dem Fantasy-Bereich. Bei geselligen Zusammenkünften spielt er gerne Keyboard. Denn „mir macht es Spaß, wenn ich Leuten etwas geben kann. Ich kann mich hier künstlerisch entfalten“, freut sich der gelernte Grafiker.

„Anfangs hatte ich hier Berührungsängste“, gibt der 51-Jährige unumwunden zu. Manchmal denkt er darüber nach, wo er gelandet wäre, wenn es die Einrichtung des Zentrums nicht geben würde. „Sie ist der Ast, der mir Halt gibt“, freut er sich.

Arbeit mit Symbolcharakter: Andreas Voss mit seiner Pappmascheefigur, die auf einem Bein steht und versucht, das Gleichgewicht zu halten.cg



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