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Der Tunnel, die Krise, das Verbrechen

Fünf bewegende Geschichten aus Bad Pyrmont und Lügde

In Bad Pyrmont hat es an interessanten Geschichten für die Pyrmonter Nachrichten nie gemangelt. Auch wenn die schöne Kurstadt durchaus als ein Ort der Ruhe gilt, an dem man sich entspannen kann, war hier doch immer etwas los, über das zu berichten lohnte.

veröffentlicht am 23.10.2021 um 15:00 Uhr

Hans-Ulrich Kilian

Autor

Freier Mitarbeiter zur Autorenseite

Seit 1951 gibt es die Pyrmonter Nachrichten und innerhalb von 70 Jahren kommen ohne Frage sehr viele Geschichten für einen Rückblick infrage – exemplarisch für die Vielfalt blicken wir an dieser Stelle auf folgende fünf bewegende „Storys“ zurück.

Horst Seehofers Erbe

Die „Kurkrise“ machte in den 1990er Jahren Schlagzeilen. Als Folge der Sparpolitik und Gesundheitsreform des damaligen Gesundheitsministers Horst Seehofer (CSU) sackten Belegungszahlen in allen deutschen Kurkliniken erdrutschartig ab. Für stationäre Kuren gaben die Krankenkassen 1996 und 1997 über 40 Prozent und für ambulante Kuren sogar 45 Prozent weniger aus. In Bad Pyrmont musste die Klinik am Bomberg Insolvenz anmelden, die Mitarbeiter verließen das Gebäude von eben nach jetzt. Andere Kliniken wie die m&i-Fachklinik schlossen Teile ihrer Einrichtungen. Aus 950 000 Übernachtungen jährlich wurden in Bad Pyrmont 610 000. Auch die Hotels und Pensionen litten. Das Niveau vor der Kurkrise wurde bis heute nicht wieder erreicht, zuletzt pendelte sich die Zahl der Übernachtungen bei knapp unter 700 000 ein. Besonderes Augenmerk setzten das Staatsbad bei seinen Bemühungen auf selbst zahlende Gesundheitsurlauber und ambulante Vorsorgemaßnahmen, die seit diesem Jahr wieder zur Pflichtleistung der Krankenkassen zählen. Dass das Magazin „Focus“ Bad Pyrmont 2017 erstmals und gerade wieder zu den Top-Kurorten zählte, dürfte hilfreich sein.

Pyrmont und die Expo 2000

Als entschieden war, dass die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover stattfinden sollte, legte sich auch Bad Pyrmont ins Zeug, um davon zu profitieren und Gäste in die Kurstadt zu holen. Die Stadt machte Dr. Dieter Alfter zum Expo-Beauftragen. Für das offiziell anerkannte Expo-Projekt „Aqua Bad Pyrmont“ wurden zahlreiche Ideen produziert – und auch wieder fallengelassen. So zum Beispiel der „Weltwassertempel“. Der Düsseldorfer Wasserkünstler Klaus Rinke wollte darin Wässer aus fünf Kontinenten zusammentragen. Doch die anfängliche Begeisterung wich angesichts von Kosten in Höhe von einer Million Mark Ernüchterung. Realität wurde dagegen der „Lauf des Lebens“ auf der Unteren Hauptallee als Wasser-Erlebnisroute, die der Künstler Jürgen Goertz entworfen hatte. Skulpturen und fließendes Wasser symbolisieren das menschliche Leben von der Geburt bis ins hohe Alter. Mittelpunkt ist der Platz der vier Jahreszeiten, mit vier Pylonen als Symbole für Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Am Ende erreicht das Wasser das Tor des Alters. Außerdem wurden die Wandelhalle saniert, das Gelände der Dunsthöhle und die Brunnenstraße neu gestaltet. Nach Ablauf der Ausstellung zeigte sich Bürgermeister Klaus-Henning Demuth (CDU) zufrieden: „Mit der Expo haben wir uns fit für die Zukunft gemacht.“

Ein Tunnel entlang des Emmerlaufs: Bau und Eröffnung des Tunnels beschäftigten die PN über viele Jahre. Foto: Dana

Ein Gymnasium für Pyrmont

Selten hat die Pyrmonter Politik – und damit auch die PN – ein Thema so lange beschäftigt wie der Neubau des Humboldt-Gymnasiums. Was im Jahr 2008 mit einer energetischen Sanierung für 2,5 Millionen Euro begann, endete zehn Jahre später mit der Einweihung eines gut 14 Millionen Euro teuren Neubaus. Dazwischen lagen der Abriss der alten Gebäude, ein Planerwechsel mit juristischen Auseinandersetzungen, gegenseitige Schuldzuweisungen der Politik und eine Klageandrohung gegen den Landkreis, weil Bad Pyrmont mehr Geld wollte. Am Ende sprach Schulleiterin Dr. Barbara Conring von einem „Drama in fünf Akten mit einem guten Ausgang“. Auch wenn sich das Gebäude schon vor der Einweihung als zu klein erwies, weil um jeden Euro Baukosten gerungen wurde, waren die Besucher, die die Schule bei einem „Tag der offenen Tür“ im Juni 2018 erkunden konnten, voll des Lobes, sprachen von einem „ganz tollen Haus“. Auch die Gymnasiasten schienen angetan. „Voll schön“, meinte eine Achtklässlerin angesichts der großen, hellen Pausenhalle.

Teurer Tunnel für Lügde

Nach fünfjährigem Baulärm und zuvor jahrzehntelangen Planungen, die bis in die 1980er Jahre zurückreichen, war es am 8. Oktober 2010 endlich soweit. In Lügde konnte in Anwesenheit von Landesministerin Ute Schäfer mit gut zehnmonatiger Verspätung der neue Tunnel im Zuge der Ortsumgehung mit einem Festakt eingeweiht werden. Tausende nutzen die Gelegenheit, das 850 Meter lange Bauwerk neben der Emmer zu Fuß zu erkunden. Insgesamt hat die zwei Kilometer lange Umgehungsstraße rund 33,5 Millionen Euro gekostet, davon allein 17 Millionen Euro für den Tunnel. Wegen der extrem hohen Baukosten war sogar eine Maut im Gespräch, doch dazu ist es bislang nicht gekommen. Da die Straße durch die Emmerauen führt, waren besondere Baumaßnahmen nötig, um im Grundwasser zu bauen und ein Einlaufen des Flusswassers in die Unterführung zu verhindern. Selbst Taucher waren im Einsatz. Die Bauarbeiten verliefen nicht ohne Ärger. Anlieger stellten Risse an ihren Häusern fest, machten die Straßenbaufirma dafür verantwortlich und klagten. Im Vorfeld hatte eine Bürgerinitiative „Rettet die Emmer“ gemeinsam mit dem Bund für Naturschutz vergeblich versucht, das Bauvorhaben zu verhindern. Fest steht, dass mit der Entlastung der Innenstadt vom Straßenverkehr der Weg für eine Neugestaltung frei war. Auch der Emmerauen-Park entstand und erfreut sich heute großer Beliebtheit.

Die Geiselnahme

Am Morgen des 3. Dezember 1998 hielt Bad Pyrmont den Atem an. Zwei vermummte und schwerbewaffnete Bankräuber zwangen die Belegschaft, den Tresorraum der Volksbank an der Brunnenstraße zu öffnen. Sie nahmen 600 000 Mark und flüchteten mit Filialdirektor Reinhold Reker und dem Kassierer Wolfgang Scholz als Geiseln. Schon kurz hinter Thal wurde den Gangstern klar, dass die Polizei sie verfolgte. Zehn Schüsse aus einer Maschinenpistole am Welseder Berg brachten die Verfolger dazu, sich zurückzuziehen. „Sonst gibt es vier Tote“, hatte zuvor einer der Männer gedroht. Mal schnell, mal langsam musste Reker seinen BMW fahren. Die Stimmung sei angespannt gewesen, die beiden Geiselnehmer seien aber stets höflich geblieben, berichtete Reker später. Die Fahrt führte nach Süden und endete in Rüdesheim am Rhein, wo die Geiselnehmer ausstiegen und im Gewimmel des Weihnachtsmarktes verschwanden. Clemens W. Und sein Schwager Uwe R. wurden später gestellt und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Noch vor seiner Verurteilung schrieb Clemens W. an seine früheren Geiseln und entschuldigte sich bei Reker für die Tat und versicherte, dass er niemals vorgehabt habe, sie zu verletzen.

Internet: Wer die alten Artikel zu diesen fünf Geschichten nachlesen möchte, findet alle Ausgaben der Pyrmonter Nachrichten digitalisiert in unserem Historischen Zeitungsarchiv.



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