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Vor 20 Jahren gab es in Bad Pyrmont einen spektakulären Bankraub

Frühere Geiseln erinnern sich: „Jetzt haben Sie ein Problem“

BAD PYRMONT. Am 3. Dezember 1998 – also vor genau 20 Jahren – überfielen zwei Männer in Bad Pyrmont die Volksbank in der Brunnenstraße. Daraus wurde eine spektakuläre Geiselnahme, an die sich die beiden damaligen Geiseln Reinhold Reker und Wolfgang Scholz im Interview mit den Pyrmonter Nachrichten erinnern.

veröffentlicht am 02.12.2018 um 13:22 Uhr
aktualisiert am 02.12.2018 um 18:00 Uhr

Wolfgang Scholz (li.) und Reinhold Reker sind gut über ihre Geiselnahme hinweggekommen. Viele Einzelheiten von damals haben sich bis heute in ihr Gedächtnis eingeprägt. Darüber haben sie erstmals nach 20 Jahren im Interview berichtet. Foto: uk
Hans-Ulrich Kilian

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Hans-Ulrich Kilian Redaktionsleiter Bad Pyrmont zur Autorenseite
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Als Reinhold Reker und Wolfgang Scholz am frühen Morgen des 3. Dezembers 1998 – genau heute vor 20 Jahren – sich auf den Weg zur Arbeit machten, da lag vor ihnen ein langer Tag, der sich mit vielen Einzelheiten in ihr Gedächtnis einprägen sollte. Reker brachte seine Frau zur S-Bahn nach Hannover, Scholz verabschiedet sich Zuhause von seiner Familie. Beide hatten die Volksbank in der Brunnenstraße als Ziel. Was sie nicht wussten: Dort warteten zwei maskierte Bankräuber – Clemens W. und Uwe R. – auf die Belegschaft. Es war der Beginn einer Geiselnahme, die von Bad Pyrmont nach Süden durch mehrere Bundesländer führte und schließlich in Rüdesheim am Rhein unblutig endete.

Auch heute noch wissen die beiden Bankkaufleute noch ganz genau, wie das war an diesem Morgen. Reker, der als Filialdirektor erst seit zwei Wochen in Bad Pyrmont arbeitete, betrat gegen 7.20 Uhr als Erster durch einen Nebeneingang der Bank einen Vorraum, der als Garderobe für die Mitarbeiter diente. „Aus einem der Schränke sprangen aus dem Dunkeln plötzlich zwei maskierte Männer. Das war das Schlimmste“, meint er rückblickend. Der eine Räuber habe eine Maschinenpistole mit einem riesigen Schalldämpfer gehalten, der andere eine Pistole. Wenig später stieß Wolfgang Scholz dazu. Auch er wurde mit vorgehaltener Waffe in den Bankraum gebracht. Nach und nach trafen immer mehr Bankmitarbeiter ein, von denen schließlich einer einen stillen Alarm auslöste. In diesem Moment wurde aus dem Bankraub eine Geiselnahme. „Jetzt haben Sie ein Problem“, habe ihm der Mann mit der Maschinenpistole gesagt, als die Polizei vorfuhr. Mit fünf Geiseln und gut 600 000 DM Beute aus dem Tresor verließen die Gangster um 8 Uhr die Bank und gingen zum Parkplatz hinter dem Gebäude, wo der 5er BMW von Reker parkte. Er setzte sich selber ans Steuer, sein Kollege Scholz nahm auf dem Beifahrersitz Platz, ihre Kollegen wurden freigelassen.

Mit der Polizei im Schlepptau ging es zunächst Richtung Thal und hinauf auf den Welseder Berg. Zehn Schüsse aus der MP in Höhe des Welseder Friedhofs brachte die Polizei dazu, sie nicht mehr zu verfolgen und den Hubschrauber, der über ihnen schwebte, abzuziehen. „Der Polizeihubschrauber über uns war sehr unangenehm“, erinnert sich Scholz, der per Autotelefon Kontakt zur Polizei hielt. „Lassen Sie sich was einfallen, Sie wollen leben“, hatte einer der Männer gedroht. Die Fahrt ging weiter über Warburg und Gießen. Ab und zu musste Reker Manöver fahren, mal schnell mal langsam. Der Ton im Auto war angespannt, aber die beiden Geiselnehmer, die ihre Masken und Handschuhe während der Flucht anbehielten, blieben höflich. „Die haben uns die ganze Zeit über gesiezt“, sagt Scholz.

Unter Leitung des damaligen Polizeichefs Heinrich Fockenbrock (2.v.li.) versuchten die Einsatzkräfte, die Geiselnahme unblutig zu beenden, was auch gelang. Foto: PN-Archiv
  • Unter Leitung des damaligen Polizeichefs Heinrich Fockenbrock (2.v.li.) versuchten die Einsatzkräfte, die Geiselnahme unblutig zu beenden, was auch gelang. Foto: PN-Archiv

Ursprünglich war Frankfurt das Ziel von Clemens W. und Uwe R. Doch wegen der vielen Polizisten dort hätten sie nicht aussteigen können, sagte W. später vor Gericht. „Wir standen in Frankfurt in der Nähe der Oper im Stau und mir ging dabei durch den Kopf, dass das Leben draußen ganz normal weitergeht“, denkt Reker an die Fahrt durch die Bankenmetropole zurück. Weiter ging es über Wiesbaden nach Rüdesheim im Rheingau. Hier kannten sich die Männer offensichtlich aus. Zickzack musste er durch die engen Gassen des für seinen Riesling berühmten Ortes fahren. Plötzlich ging alles ganz schnell. Der Banker musste stoppen, die Geiselnehmer, die zuvor ihre Waffen eingepackt hatten, stiegen mit der in einer Nylontasche verstauten Beute aus und verschwanden im Gewimmel des Rüdesheimer Weihnachtsmarktes. Erst im Weggehen zogen sie sich die Masken vom Kopf – zu spät, um sie zu erkennen. Reker fuhr ein paar Meter, blieb wieder stehen und gab schließlich Gas. „Die Männer hätten ja zurückkommen können“, meint er. Er stoppte schließlich am Katasteramt der Stadt. Beide Männer kletterten durch ein Fenster in das Gebäude und riefen von dort die Polizei an. Ihre Geiselnahme war nach gut fünf Stunden zu Ende.

Was folgte, waren eine offenbar nervenaufreibende Fahrt mit der Polizei per Blaulicht und Martinshorn nach Wiesbaden und Vernehmungen. Erst später erfuhr Reker, dass er eine Weile als Komplize der Bankräuber galt, denn es war zunächst nicht klar, wie Clemens W. und Uwe R. sich Zutritt zur Volksbank verschafft hatten. Das Türschloss schien unversehrt, was es aber nicht war, wie sich später bei einer genauen Untersuchung in Wiesbaden herausstellte. Die beiden Bankräuber wurden ein paar Wochen später in der Region Ludwigshafen gefasst. Die Polizei war ihnen auf die Spur gekommen, weil sie sich in einer Pension in Lügde eingemietet und als Monteure ausgegeben hatten. Dies stellte sich als Lüge heraus. Es gab Hinweise, eine Phantomzeichnung und später sogar einen Vornamen.

Vom Landgericht Hannover wurde der wegen einer ganzen Reihe von Straftaten vorbestrafte und arbeitslose Clemens W. (damals 45 Jahre alt) im September 1999 als Haupttäter zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren plus Sicherheitsverwahrung verurteilt. Sein 40 Jahre alter ebenfalls arbeitsloser Schwager Uwe R. musste für sieben Jahre und vier Monate hinter Gittern. Beide saßen nur kurze Zeit in Niedersachsen ein. Sie wurden im Januar 2000 in Gefängnisse nach Rheinland-Pfalz verlegt. Der Großteil der Beute – etwa 320000 Mark – blieb verschwunden.

Noch vor seiner Verurteilung schrieb Clemens W. an seine früheren Geiseln und entschuldigte sich bei Reker für die Tat und versicherte, dass er niemals vorgehabt habe, sie zu verletzten. Dass die Post an seine Privatadresse gerichtet war, habe ihn allerdings erschreckt, so der Bankmanager. Und noch ein weiteres Mal meldete sich W.. Er schickte eine Weihnachtkarte, die er mit „Ihr Bankräuber“ unterzeichnete. Seitdem haben Reker und Scholz nichts mehr von ihm gehört.

Die Ereignisse von damals haben sie gut überstanden und viel darüber gesprochen, denn das sei wichtig gewesen, betonen beide. „Ich denke heute nicht ständig daran, aber wenn ich darüber spreche wie jetzt, dann ist alles wieder sehr präsent“, meint Scholz. Die Anteilnahme der Pyrmonter damals sei sehr groß gewesen, das habe ihn und seinen Kollegen berührt. Vor 20 Jahren hatte Scholz – heute längst im Ruhestand – nach der Festnahme der Räuber gesagt, dass es wichtig sei, dass sie gefasst worden seien. Einen persönlichen Groll empfinde er aber nicht. „Die Beiden wollten ja nichts von uns, die wollten nur Geld.“



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