weather-image
17°
„An der Grenze des noch Ertragbaren“

Fachkräftemangel: Chefarzt schreibt Brandbriefe an Merkel

BAD PYRMONT. Dr. Bernd Alt, Chefarzt der Fachklinik Weserland, hat Brandbriefe an Bundeskanzlerin Angela Merkel, alle 16 Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen und die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen geschrieben und auf die ernsthafte personelle Unterbesetzung in Krankenhäuser und Kliniken hingewiesen.

veröffentlicht am 08.03.2018 um 11:47 Uhr
aktualisiert am 08.03.2018 um 18:10 Uhr

Dr. Bernd Alt, Chefarzt der Fachklinik Weserland. Foto: uk
Hans-Ulrich Kilian

Autor

Hans-Ulrich Kilian Redaktionsleiter Bad Pyrmont zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Viele Hausärzte kennen das: Mit 65 Jahren ist noch lange nicht Schluss. Sie praktizieren weiter, weil ihre Patienten sie brauchen, denn 2600 Arztpraxen – die meisten im ländlichen Raum – sind unbesetzt. Aber das Problem ist nicht nur darauf beschränkt. In der Pyrmonter Fachklinik Weserland gibt es einen Arzt, der älter als 70 Jahre ist und freiberuflich als Honorarkraft immer noch für die Reha-Klinik für Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen arbeitet. „Wir brauchen ihn dringend, so einfach ist das, denn es gibt nicht genügend Nachwuchs“, begründet Chefarzt Dr. med. Bernd Alt dieses Beschäftigungsverhältnis. Alleine in seiner Klinik seien 2,5 von 10 Arztstellen nicht besetzt. „Das ist eine mittlere Katastrophe“, lautet seine Einschätzung, mit der er nicht alleine sei, wie er betont.

Der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie geht davon aus, dass die Gesellschaft auf eine schwerwiegende medizinische Unterversorgung zusteuert und beruft sich dabei auf die Einschätzung von 40 Chefarztkollegen im Umkreis von 25 Kilometer um Bad Pyrmont herum. „Sie alle teilen meine Einschätzung der Lage“ sagt er. Das Problem betreffe zudem nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte und Physiotherapeuten. In Brandbriefen, die von seinen Kollegen mitunterzeichnet worden sind, an Bundeskanzlerin Angela Merkel, alle 16 Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen und die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen hat er die Situation „als an der Grenze des überhaupt noch Ertragbaren und Machbaren“ geschildert und gefordert, „rasch, beherzt und wirksam“ Maßnahmen zu ergreifen, um die personelle Unterbesetzung und damit die Minderversorgung der Patienten und der zusätzlichen Arbeitsbelastung des vorhandenen Personals zu beenden.

Zurzeit sind zwar alle Stellen der Fachklinik mit Physiotherapeuten besetzt, aber die Bemühungen, die zuletzt frei gewordene Stelle wieder zu besetzen, hätten mehrere Monate gedauert. „Es gibt einfach nicht genügend Physiotherapeuten“, so Alt, der die Nachwuchsprobleme darauf zurückführt, dass diese Berufsgruppe Schulgeld zahlen muss, um sich ausbilden zu lassen. Nach Auskunft des Verbandes für Physikalische Therapie (VPT) zahlt ein Auszubildender monatlich 350 Euro Schulgeld bis zu seinem Staatsexamen über einen Zeitraum von drei Jahren. Danach erhalte er ein Einstiegsgehalt von etwa 1800 Euro brutto. Das sei zu wenig und trage zum Nachwuchsmangel bei, heißt es dazu beim VPT.

„Diese Therapeuten erbringen eine gesellschaftlich und individuell sehr relevante Leistung und das spricht dafür, ihnen eine Ausbildungsvergütung zu zahlen, anstatt ihnen Schulgeld abzuverlangen“, schreibt Alt an die Bundeskanzlerin. Dass die Große Koalition die Abschaffung des Schulgeldes in den Koalitionsvertrag geschrieben hat, beruhigt ihn nicht. „Ich habe gelernt, keiner Aussage und keiner Versprechung mehr zu glaubenm, denn es kommt sicher ganz anders.“

Noch drängender und energischer wird der Mediziner in seinem Schreiben an die Ministerpräsidenten, an die er appelliert, Ausbildungskapazitäten an den medizinischen Fakultäten zu erhöhen und dafür zu sorgen, die mittlerweile sehr vielen ausländischen Jungärzte schnell in das deutsche Gesundheitswesen und die Gesellschaft zu integrieren. Alt bezweifelt grundsätzlich die Praxis der Gleichwertigkeitsprüfung zur Anerkennung der Approbation für ausländische Ärzte per schriftlichen Examen und hält eine mündliche Prüfung zur Einschätzung der Qualifikation eines Arztes für besser geeignet, denn für die Schriftform reiche selbst eine mehrjährige intensive Sprachpraxis kaum aus. Doch noch mehr ärgert er sich über die Bürokraten, die die Einstellung von ausländischen Ärzten verhindern, spricht sogar von Willkür und mangelnden Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Wir hatten ein halbes Dutzend Hospitanten, denen wir eine Einstellungszusage gegeben haben. Von denen ist bis heute kein einziger bei uns im Haus“, beklagt Alt.

„Als Chefärzte, die die Verantwortung für einen Betrieb unter diesen Mangelbedingungen zu tragen haben, finden wir diese Situation auch in juristischer Dimension sehr schwierig, und es ist ei Punkt erreicht, wo ich genau wie sehr viele meiner Kollegen nicht mehr bereit bin, die Dinge noch tatenlos hinzunehmen“, heißt es in seinem Schreiben. „Ich glaube zwar nicht, dass es etwas bewirkt, aber ich hoffe es.“

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare