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Was die DRK-Bereitschaft können muss

„Es reicht nicht, jemanden auf die Pritsche zu legen“

Bad Pyrmont (jl/yt/gs). Niemand möchte sich so etwas ausmalen, aber alle Szenarien sind denkbar: Jemand stürzt bei einem Reitturnier vom Pferd, kollabiert beim Marathon oder setzt seinen mit Chemikalien beladenen Lastwagen an einen Baum. Ganz zu schweigen von einem AKW-Unfall oder einem Terroranschlag. In all diesen Fällen sind oder wären auch Leute von der Bereitschaft des Roten Kreuzes im Einsatz. Im Alltag überbrücken sie oft die Zeit, bis der Arzt kommt

veröffentlicht am 07.03.2010 um 20:40 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 18:41 Uhr

P. Schmalkuche
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Die DRK-Männer und -Frauen tun das zwar ehrenamtlich. Aber um ihren Job machen zu können, müssen sie heute ganz anders geschult sein als früher. „Die Menschen sollen sich rundum darauf verlassen können, dass jederzeit vernünftige Hilfe zur Verfügung steht“, sagt Peter Schmalkuche. Er ist der Chef aller 220 in der Hameln-Pyrmonter Kreisbereitschaft aktiven DRK-Mitglieder. Seine Amtskollegen aus 49 weiteren Bereitschaften lud er jetzt zur Landesausschusssitzung nach Bad Pyrmont. Zwei Tage lang feilten die 80 Männer und Frauen im Hotel Steigenberger daran, die Weichen für die Zukunft zu stellen, in der die Ansprüche an ihre Leute noch weiter steigen werden. „Bei Fehlern sind wir genauso dran wie Hauptamtliche“, benennt Schmalkuche das Risiko für die Freiwilligen. Und hat gleich ein paar Beispiele parat: „Bei einem Autounfall geht man nicht einfach hin und macht die Tür auf. Sonst würde man selbst verletzt, wenn einem plötzlich der Airbag entgegenkäme.“ Umsicht sei auch im ABC-Bereich gefordert, etwa wenn Chemikalien austräten. „Dann geh’ ich da nicht einfach hin.“

Für manche Einsätze genügte bis vor einem Jahr der Rettungshelfer. „Heute müssen es Rettungssanitäter sein“, stellt Schmalkuche die wachsenden Anforderungen dar. Denn die Retter müssen ebenso Defibrillatoren bedienen wie Spezialschienen bei Knochenbrüchen anlegen können. „Es reicht nicht mehr, jemanden auf die Pritsche zu legen“, sagt der Bereitschaftschef. So wissen er und seine Kollegen: „Wir müssen auch im Ehrenamt professioneller werden.“ Deshalb wird nun die Aus- und Fortbildung weiter vorangetrieben, festgeschrieben in einer neuen Ordnung.

Besser werden soll auch die Hilfe für die Helfer. Denn wer bei Unglücken wie der Zugkatastrophe von Eschede oder dem Busunfall von Coppenbrügge im Einsatz ist, braucht hinterher Hilfe, um die Eindrücke verarbeiten zu können. „Es reicht nicht, wenn man sich einfach zusammensetzt“, weiß Schmalkuche. Deshalb wollen sich die Ehrenamtlichen jetzt verstärkt Rat bei Profis an den Universitäten holen und sich bei der „psychosozialen Notfallvorsorge“ enger mit anderen Landesverbänden verzahnen.

Diese Männer und Frauen managen die DRK-Bereitschaften im Land.
  • Diese Männer und Frauen managen die DRK-Bereitschaften im Land. Zwei Tage lang berieten sie im Steigenberger über deren Zukunft.
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Ein besonderes Lob hatte der Kreisbereitschaftsleiter am Rande der Tagung für seine Pyrmonter Leute: „Das ist eine junge, engagierte Truppe. Die haben wirklich Freude an der Sache“, sagt er über die rund 20 Männer und Frauen. Um ihr Engagement macht er sich denn auch keine Sorgen, was den Spagat zwischen Ehrenamt und professioneller Ausbildung betrifft. Aber landesweit schätzt er schon, dass das Rote Kreuz „ein paar Mitglieder verliert“, wenn die Freiwilligen immer mehr wissen und können müssen.

Insgesamt aber mangelt es den Bereitschaften nicht an Mitgliedern. Denn oft ist es gerade die anspruchsvolle Ausbildung, die sie bei der Stange hält. Außerdem kommt die Bereitschaft mit weniger Leuten aus als etwa eine Feuerwehr.

Weniger zufrieden ist Schmalkuche mit der finanziellen Situation – auch, weil das Land die erst 2008 eingeführten Zuschüsse zur Beschaffung neuer Autos kappt. So kostet ein Katastrophenschutz-tauglicher Krankenwagen heute rund 90 000 Euro. Doch das Land wird seine Zuschüsse – 2008 und ’09 waren es für alle Hilfsorganisationen zusammen noch je zwei Millionen Euro – 2010 wohl um ein Viertel kürzen. „Das reicht nicht aus, um die Ausstattung auf einem akzeptablen Stand zu halten“, sagt Schmalkuche mit Blick auf manchen Oldtimer in den Rotkreuz-Fuhrparks. Und er schließt daraus: „Wir werden unsere Aktivitäten noch stärker aus eigenen Mitteln finanzieren müssen.“

Die Freiwilligen der DRK-Bereitschaft sind nicht nur bei großen Events vor Ort, sondern kommen auch bei großen Unfällen oder Katastrophenalarm zum Einsatz ¨– wie hier im September 2007 beim Innerste-Hochwasser in Hildesheim. Foto: Archiv/ube



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