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In Birgit Wagner Haus wurden vor Jahrzehnten Spanplatten verbaut, die sie nun krankmachen

Erst saniert, jetzt steht der Abriss an

Lügde. Im Frühjahr 2013 haben die Wagners ihre rund 40 Jahre alte Fertighaus-Etage in Lügde sanieren lassen. Doch nun sehen sie keine andere Möglichkeit, als sie abzureißen. Denn die Anfang der 1970er Jahre verbauten Materialien belasten seit der Dämmung die Innenraumluft und haben Birgit Wagner krankgemacht. (jl)

veröffentlicht am 21.12.2015 um 20:52 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:49 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Lügde. Ein schönes Haus hat Birgit Wagner. Rein optisch jedenfalls, denn 2013 ließen sie und ihr Mann Ulrich Wagner das Gebäude in der Lügder Straße „Auf der Klus“ dämmen und in hauchzartem Gelb streichen. Doch nun ist sie mit ihrer Familie überstürzt ausgezogen. Auf der Flucht vor Wohngiften sind die Wagners mit ihren drei Kindern im Keller einer Tante untergekommen. „Seit ich weiß, was da oben los ist, bin ich da nur noch selten“, sagt Birgit Wagner beim Gespräch in der Küche ihrer Eltern im Erdgeschoss ihres Hauses. Dabei weist sie mit dem Kopf nach oben, in Richtung erste Etage.

Die Diagnose eines Umweltmediziners in Detmold hat erwiesen, dass die aus den Sperrholzplatten und den Trägern der Holzrahmenkonstruktion ausgasenden Stoffe des Anfang der 1970er Jahre errichteten Fertigbau-Stockwerks die 38-Jährige krankgemacht haben. „Mein Kopf fühlt sich an wie in Watte“, sagt Birgit Wagner. Zu den weiteren Symptomen des „Sick-Building-Syndroms“, wie das von krank machenden Häusern ausgelöste Beschwerdebild auf Englisch heißt, zählen bei ihr unter anderem Schlafstörungen, Müdigkeit, Blutdruckschwankungen, Schwindel, Übelkeit sowie Konzentrations- und Gedächtnisschwächen. „Mit dem Organisieren hatte ich früher nie Probleme“, sagt sie. „Aber jetzt weiß ich manchmal nicht mehr, was meine Kinder auf ihre Schulbrote wollen. Dabei haben sie es mir gerade gesagt.“

Die massiven Beschwerden begannen nach der energetischen Sanierung des Gebäudes im Frühjahr 2013. „Vorher haben sich die Gifte wohl nach außen verflüchtigt. Aber nun ist das Haus dicht – und wir haben alles hier drinnen“, sagt Wagner. Wer ihre Wohnung betritt, nimmt schnell einen eigentümlich muffigen Geruch wahr.

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  • Ausräumen vor dem Abriss: In der Küche stapeln sich die Kästen. „Zum Glück können wir sie bei Nachbarn unterstellen“, sagt Birgit Wagner.
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  • Birgit und Ulrich Wagner halten ihre Fertighaus-Etage für unbewohnbar. Die Weihnachtsbescherung für ihre drei Kinder fällt hier aus.
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  • In Wänden, Decken und Fußböden der Fertighaus-Etage wurden Anfang der 1970er Jahre Spanplatten verbaut, die heute schädliche Stoffe abgeben.

Von selbst wäre Birgit Wagner allerdings nicht auf die Ursache des Gestanks – und ihrer Leiden – gekommen. Denn ihren Geruchssinn hat sie schon in der Jugend verloren. „Aber meine Schwester sagte im Sommer: ,Wasch Dich doch mal’“, erinnert sich die Hauseigentümerin – und weiß noch, wie sehr der gut gemeinte Spruch sie zunächst wunderte. „Denn an Hygiene mangelt es in unserem Haushalt eigentlich nicht.“ Doch auch eine ihre Töchter bekamen von Mitschülern zu hören: „Neben Dir will ich nicht sitzen. Du stinkst.“ Auch seien im Haus kaum noch Spielkameraden ihrer Tochter aufgetaucht.

All das gab den Wagners zu denken. Zunächst riefen sie den Maler erneut auf dem Plan, der das Haus nach dem Plan und unter der Bauaufsicht eines Architekten eingepackt und gestrichen hatte. „Wir dachten, es sei Schimmel“, schildert Wagner ihren Eindruck. Den habe der Handwerker jedoch nicht gefunden.

In der Folge nahmen die Wagners auf Empfehlung des Malers Kontakt zum Baubiologen Thomas Jockel auf, der die Raumluft testete. Und Birgit Wagner suchte nach einer bald einjährigen Arzt-Odyssee einen Umweltmediziner in Detmold auf. Der testete sie auf Spuren von Wohngiften – und landete einen Volltreffer. Die Ergebnisse zeigten: Birgit Wagners Körper hat Formaldehyd und Lindan in einer Größenordnung gespeichert, die den Arzt raten ließ: „Sofort ausziehen!“

Und nun packt sie alles zusammen, wovon sie denkt, „dass wir es bis April brauchen könnten“. Alles andere wird zwischengelagert bei Verwandten, aber auch bei hilfsbereiten Nachbarn. Im Frühjahr will die Familie dann wieder einziehen – nach dem Abriss und Neubau der ersten Etage. Das Erdgeschoss indes kann stehen bleiben, denn das ließen ihre Eltern, die dort heute noch leben, seinerzeit massiv bauen.

„Nach der Sanierung 2013 dachten wir, dass wir bis zu unserem Lebensende fertig seien mit Bauen“, sagt Birgit Wagner. „Aber jetzt geht es wieder von vorn los. Das ist die einzige Option. Denn in diesem Zustand kann ich hier nicht wohnen. Und Vermieten oder Verkaufen scheidet auch aus.“

Inzwischen glaubt Wagner, dass die Wohngifte nicht nur sie krankgemacht haben. „Unsere Große hat Asthma und Lebensmittelallergen und leidet unter Konzentrationsschwäche“, zählt die Mutter auf.

So langsam nehmen ihre Beschwerden zwar ab. Und, so sehr die Diagnose des Umweltmediziners sie alarmiert hat, so verschafft ihr die Gewissheit über die Ursache ihrer Leiden doch eine gewisse Erleichterung. Denn zuvor konnte kein Arzt helfen – ob nun Osteopath Internist, Ohrenarzt oder Neurologe. „Als ich Anfang 2014 zusammenbrach, lag ich acht Tage im Bathildiskrankenhaus.“ Entlassen worden sei sie schließlich mir dem Verdacht auf eine Entzündung ihres Gleichgewichtsnervs. Andere Ärzte hätten sie für überspannt gehalten oder auf Burnout getippt. „Aber ich bin froh, dass mein Hausarzt Dr. van Elten immer zu mir gestanden hat“, sagt Birgit Wagner.

Doch, davon abgesehen: Die späte Entdeckung der Wohngifte bedeutet für die Wagners auch ein finanzielles Desaster. Denn am Kredit für die energetische Sanierung von 2013 zahlen sie noch immer.

Die Hauseigentümerin sagt: „Der Architekt hätte sich unser Haus vor dem Dämmen gründlicher ansehen müssen. Wir fühlen uns von ihm nicht gut beraten.“ Da die schädlichen Ausgasungen aus alten Sperrholzplatten in Fachkreisen seit Jahren bekannt seien, „hätte der Architekt doch vor der Sanierung leicht eine Probe nehmen und einschicken können“, findet sie. Heute trifft sie sich mit ihm zu einem Gespräch.



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