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Das „Quäkerhaus“ ist seit mehreren Jahren die erste Anlaufstelle für Flüchtlinge und Migranten

Ein Ort der Begegnung

BAD PYRMONT. Was für eine einzigartige Geschichte: Im Jahre 1790 schließen sich in Pyrmont etwa 20 Menschen zusammen, um im Sinne des Pietismus, einer „Religiösen Gesellschaft der Freunde“, ihre eigenen Zusammenkünfte und Gottesdienste abzuhalten. Nirgends auf dem europäischen Festland sollte die Glaubensgemeinschaft so feste Wurzeln schlagen. Mittlerweile ist das „Quäkerhaus“ seit mehreren Jahren die erste Anlaufstelle für Flüchtlinge und Migranten.

veröffentlicht am 10.08.2017 um 20:26 Uhr

Das Gebäude wird nur noch selten von der Quäkergemeinschaft genutzt. Foto: jl

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Die in England von George Fox (1624-1691) gegründete Glaubensgemeinschaft sollte auf dem europäischen Festland nirgends so fest Wurzeln schlagen wie in dem schon damals international bekannten Kurort Pyrmont, Treffpunkt einer Sommergesellschaft von europäischem Rang.

Das bekannteste Gründungsmitglied ist der Kaufmann Ludwig Seebohm (1757-1835). Er erhält die Genehmigung, im nördlichen Seitental des Königsbergs eine kleine Siedlung namens „Friedensthal“ zu gründen. Vom Waldecker Fürstenhaus gefördert, entsteht hier eine Reihe von Manufakturgebäuden: eine Messerfabrik, eine Wollhandlung, eine Leinenspinnerei, eine Papierfabrik und eine Buchdruckerei. Diese Unternehmen beschäftigen in den besten Jahren im 19. Jahrhundert an die 100 Arbeiter.

Ludwig Seebohm findet Ende des 18. Jahrhunderts auch die Zeit, eine Schule für 25 Kinder in Friedensthal zu gründen. Solche Aktivitäten sind im Zeitalter des Absolutismus bemerkenswert. Kein Wunder, dass nicht nur so berühmte Kurgäste wie Johann Wolfgang von Goethe oder Königin Luise diese Gemeinschaft in Friedensthal besuchen, ja auch an Gottesdiensten teilnehmen.

Das Gotteshaus, ein einfaches Gebäude ohne Turm und Glocke, das später auch als Schulraum dient, wird im Jahr 1800 nicht in Friedensthal, sondern an der Bombergallee leicht oberhalb des Kurzentrums erbaut. Dieses Haus wird der Mittelpunkt aller Quäker auf dem europäischem Festland. 1000 Besucher sollen an der Eröffnung teilgenommen haben. Hier befindet sich auch der Friedhof der „Freunde der Religionsgemeinschaft“.

Auf den ersten Blick spielt dieses Versammlungshaus heute eine zurückgezogene, eher unauffällige Rolle im Bad Pyrmonter Stadtbild. Im Jahr 1933 findet erstmals in dem Neubau des Gemeinschaftshauses eine Zusammenkunft der Quäker statt: Am Kreuzungspunkt von „Bombergallee“ und „Auf der Schanze“. Die in eine Mauer eingelassenen Tafeln erinnern an verstorbene Mitglieder der „Quäker-Gemeinschaft“.

Heute gibt es nicht mehr viele aktive Quäker mehr auf Festland

Die herausragende Persönlichkeit ist ab 1936 der hoch angesehene Fastenarzt Dr. Otto Buchinger (1818-1966), der allerdings am Bodensee beerdigt ist.

Vor dem Hintergrund dieser Historie ist es mehr als bemerkenswert, dass dieses Haus seit mehreren Jahren nun die erste Anlaufstelle für Flüchtlinge und Migranten aus dem Nahen Osten und aus Afrika ist.

Mehrere Ehrenamtliche aus Bad Pyrmont kümmern sich ganz im Sinne der Quäker-Grundhaltung um das Schicksal dieser Menschen. Hier trifft man sich mit den Familien, nutzt die gemeinsamen Zusammenkünfte beim „Café Willkommen“ zum Gedankenaustausch. Hier wird gekocht und getanzt, Arbeitsgruppen bereiten Veranstaltungen vor, das Netzwerk Flüchtlingshilfe macht Pläne zur Integration. Und alles im besten Sinne einer „Religiösen Gesellschaft der Freunde“, die schon 1790 in ihrer Grundüberzeugung von der Gleichheit aller Menschen ausgeht. Heute gibt es nicht mehr viele aktive Quäker mehr auf Festland. Das Gebäude wird nur noch selten von der Quäkergemeinschaft genutzt. Aber das Haus ist dank Leonie Glahn-Ejikeme ein wichtiger Treffpunkt für Flüchtlingsfamilien. Da gibt es das Café Willkommen, da wurden die Fotos für unsere Willkommensausstellung gemacht, da findet immer die offene Plenumssitzung statt, auf der über die Flüchtlingsarbeit berichtet wird, die Kinder spielen im Garten, es wird mit Therapeuten gemeinsam getanzt und gesungen, es werden Aktionen vorbereitet. Aktuell ist das der Beitrag zum „Fest der Kulturen“ am Samstag, 19. August, in Hameln. Das Netzwerk Flüchtlingshilfe Bad Pyrmont verbindet die Aktivitäten (www.bad-pyrmont-hilft.de).

Die Kirchen sind involviert, der Lions Club wird auch in diesem Jahr ein Minigolf-Turnier organisieren. Und die Quäker aus dem Friedensthal gehören zu den Vorläufern, die mit Toleranz Fremde oder Andersdenkende unterstützen. Schon Ende des 18. Jahrhunderts. Und wie beeindruckend war die Milchspendenaktion für Kinder nach Ende des Zweiten Weltkrieges: Da wurden Kinder unterstützt, deren Väter mit größter Brutalität englische Großstädte zerstört hatten.

Welch ein Glück, dass das Quäkerhaus in Bad Pyrmont auch heute – vor dem Hintergrund seiner Historie – diese Haltung so überzeugend lebt. Auch nach 217 Jahren ist das Quäkerhaus im besten Sinne ein „Ort der Begegnung“.



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