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Gelungene Auftaktveranstaltung zum „Projekt Armut“

Ein Euro zu viel lässt Familien abstürzen

BAD PYRMONT. Es war ein Lob aus berufenem Mund zum Start des Pyrmonter Armutprojekts. „So irritierend der Vorgang um die Essener Tafel auch sein mag; er hat insgesamt eine enorme Schubkraft gegeben, um auf das gesamtgesellschaftliche Problem Armut und deren Ursachen aufmerksam zu machen und vor allem Veränderungen einzufordern.

veröffentlicht am 07.03.2018 um 18:27 Uhr

Moderator Joachim Stracke (stehend) mit den Diskutanten (v.li.) Hartwig Henke, Frank Buchholz, Andreas Przykopanski , Birgit Löhmann, Klaus-Dieter Gleitze, Holger Reincke und Olaf Heilig. Foto: ti
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Klaus Titze Reporter
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Und Sie haben mit Ihrem Projekt zeitlich und thematisch nahezu eine Punktlandung hingelegt“, stellte Klaus-Dieter Gleitze, Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz (LAK) Niedersachsen, in der gut besuchten Mensa der Pyrmonter Schulzentrums fest.

Gleitze gab nach der Begrüßung durch Bürgermeister Klaus Blome eine Einführung in das Thema, berichtete anhand weniger Zahlen von der sich zuspitzender Armut in Deutschland, und dass allein in Niedersachsen mehr als 1,25 Millionen Menschen davon betroffen sind, also jeder sechste Einwohner. Darunter befänden sich durchschnittlich 45 Prozent Alleinerziehende. „Das ist sozialer Sprengstoff,“ beklagte Gleitze. Wer keine Arbeit habe, sei gesellschaftlich ausgegrenzt und falle ganz tief. Mindestlohn, Niedriglohnsektor, prekäre Arbeitsverhältnisse, Altersarmut – all diese Begriffe stünden für ein riesiges gesellschaftliches Problem, vor dem sich die Politik wegzuducken scheine. Dabei wäre aus seiner Sicht zwingend eine Beteiligung der Superreichen einzufordern und die Bekämpfung der Steuerflucht auszuweiten.

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion, die Moderator Joachim Stracke souverän leitete, kam erkennbar zutage, dass es wenig Kontrapunkte gab. Die eingeladenen Diskutanten, von Schulleiter Hartwig Henke, über Frank Buchholz vom Team Soziale Hilfen des Landkreises, Pastorin Birgit Löhmann und Paritätenchef Olaf Heilig bis hin zu Andreas Przykopanski von der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtverbände und Holger Reineke vom Jobcenter, repräsentierten reichlich Fachkompetenz und waren sich im Grundtenor mit Gleitze einig.

Die Mensa war gut besucht und dem Publikum wurden auch Musikbeiträge geboten. foto: ti
  • Die Mensa war gut besucht und dem Publikum wurden auch Musikbeiträge geboten. foto: ti

Henke legte den Fokus auf seine Schüler an der Hauptschule, von denen nahezu jedes zweite Kind von Hartz 4-Bezug betroffen sei. Dabei gehe es nicht nur um die reine materielle Armut, sondern auch um die oft fehlende Unterstützung durch das Elternhaus. „Diese Armut an Chancen und Nichtförderung ist prägend und kann nicht allein durch das Engagement der Lehrkräfte aufgefangen werden“, betonte Henke.

Auch Pastorin Löhmann lenkte den Blick auf diejenigen, die durch ein geringes Einkommen knapp über der Hartz 4-Grenze liegen und somit keine zusätzliche Unterstützung erhalten. „Ein Euro über der Grenze lässt Familien regelrecht abstürzen“, sagte Löhmann und war sich mit Henke einig. Leider reagiere die Gesellschaft nur auf die Notlagen, versuche zu kompensieren und denke sich ehrenamtliche Hilfen wie Tafeln aus. Darin bestehe aber die Gefahr, das Mangelsystem zu stärken. „Es muss sich etwas an den Ursachen ändern“, forderte die Pastorin ein.

Forderungen an die Politik waren mehrfach aus der Diskussionsrunde zu hören, zum Teil auch in konkreter Form. Wirtschaftlich schwache Familien, die sich die teilweise horrenden Mieten nicht leisten könnten, müsse geholfen werden. Hier seien Investitionen in den sozialen Wohnungsbau unumgänglich, wie auf dem Podium übereinstimmend bekräftigt wurde. Diese Familien gebe es auch in Bad Pyrmont und es biete sich an, aus dem Projekt Armut heraus Lösung zu finden, so Löhmann.

Wenngleich manche Redebeiträge etwas lang gerieten, manche Betroffene wie beispielsweise Alleinerziehende zu wenig angesprochen wurden, und auch das Publikum bis auf einen Redebeitrag ungehört blieb, war es dennoch eine gelungene Auftaktveranstaltung.

Schüler des Gymnasiums beteiligten sich an der Veranstaltung. Sie stellten Plakate zum Thema Armut aus, rappte, spielten klassische Musik und dokumentierten das Geschehen per Kamera und befragten Teilnehmer nach deren Meinung.



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