weather-image
Unmoralische Sponsoring-Kampagne in der Kritik / Kreissportbund nimmt Stellung

„Der Verein bekommt zwar Geld – aber auf dem Rücken der Bürger“

Das Geschäftsmodell einer Firma, die mit dem Segen des TuS Lügde und anderer Vereine bei Haustürgeschäften zweijährige Zeitschriften-Abos macht, steht in der Kritik. Der Kreissportbund Lippe will die Vereine jetzt sensibilisieren und rät zur Vorsicht. Bad Pyrmonts MTV-Chef Detlev Briese nennt solche Geschäfte unmoralisch.

veröffentlicht am 06.04.2016 um 20:01 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

270_008_7855670_pn103_dpa_0704.jpg
Juliane Lehmann

Autor

Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Lügde / Bad Pyrmont. Der Fall der Zeitschriftenwerber, die den guten Namen von Sportvereinen als Türöffner nutzen, um bei Haustürgeschäften Abo-Verträge abzuschließen, zieht Kreise: Der lippische Sportverband hat bei seiner Präsidiumssitzung beschlossen, eine Stellungnahme zum Thema an die Vereine zu schicken. Das sagte gestern Kreissportbund-Geschäftsführer Jobst Kuhlmann.

Auslöser des Schreibens, das den Vereinen unter dem Dach des KSB zeitnah zugehen soll, war eine Anfrage unserer Redaktion an KSB-Präsident Wilfried Starke. Dass Firmen Vereine für Haustürgeschäfte benutzen, um das Vertrauen potenzieller Kunden zu gewinnen, erscheint ihm höchst problematisch. Natürlich könne jeder Verein für sich entscheiden, ob er sich auf solche Deals einlasse. „Aber wir wollen die Vereine für das Thema sensibilisieren“, sagt Starke. „Sie sollten darüber nachdenken, ob das wirklich sinnvoll ist.“ Der KSB-Chef hofft auf das gesunde Misstrauen der Vereine. Für seinen eigenen Club, die LG Lippe-Süd, sagt Starke: „Dieses Geld möchten wir nicht.“

Bad Pyrmonts MTV-Vorsitzender Detlev Briese wird noch deutlicher. „Das ist ein perfides System“, sagt er. „Der Verein bekommt zwar Geld – aber auf dem Rücken der Bürger. Das ist unmoralisch“, erklärt der Kriminalbeamte weiter. „Wer sich darauf einlässt, gibt abgewandelten Drückerkolonnen einen Freibrief für knallharte Akquise.“ Und die Menschen kämen aus den Verträgen oft nur schwer heraus. Brieses Einschätzung: „Leute, die werben, sind nicht kontrollierbar.“

Den Grund zum Argwohn scheint ein Fall zu bestätigen, den im November 2015 eine Internet-Zeitung im Kreis Steinfurt bekanntmachte. Dort bekam eine 76 Jahre alte Frau plötzlich eine Rechnung für ein 24-monatiges Illustrierten-Abo, obwohl sie gar nichts unterschrieben hatte, als der Mann von der „WW Medienwerbung GmbH“ in ihr Haus kam. „Das war gar nicht meine Schrift“, sagte die Rentnerin der „Vois“-Redaktion. Der Drücker habe ihren Vornamen auch noch falsch geschrieben. Der Geschäftsführer der Werber-Firma soll hinterher erklärt haben, er sei von einem Mitarbeiter betrogen worden.

Solche Machenschaften wurden aus Lügde bisher nicht bekannt. Aber auch der im Auftrag der „WW Medienwerbung“ mit mehreren Kräften hier aktive Timo Heinen äußerte sich am Telefon ebenso widersprüchlich wie wortreich. Wohl, um den Anschein von Seriosität zu erwecken, sagte er gegenüber unserer Redaktion: „Wir arbeiten mit dem Ordnungsamt zusammen.“ Auf Nachfrage heißt es von dort, davon sei im Rathaus nichts bekannt.

Weiter gab Heinen an, dass die Firma seit Jahren mit dem Polizei-Sportverein Hildesheim zusammenarbeite. Vincenzo Pasini, Vorsitzender der Fußballabteilung dieses Vereins sagt: „Davon ist niemandem bei uns etwas bekannt.“ Kleine Vereine, die sich darauf einließen, dächten wohl, sie machten etwas Gutes. Aber, so Pasini: „Sie brauchen lange, um ihren guten Ruf wiederzubekommen. Denn unter den Folgen leiden ja die Leute.“ Heinen indes glaubt beim nächsten Telefonat, den Namen des Hildesheimer Vereins verwechselt zu haben. Dass er dort Abos machte, sei ja auch schon zehn Jahre her; kurz darauf waren es dann zwölf Jahre.

Zudem behauptet er, er habe gerade zwei Stunden bei einem Lügder Kriminalpolizisten auf dem Sofa gesessen. Der telefonische Faktencheck auf dessen Dienststelle ergibt kurz darauf: Der Kripo-Mann ist seit dem Morgen bei der Arbeit.

Auf Ablehnung stößt das vorgeschobene Sport-Sponsoring als Geschäftsmodell auch bei Karin Trompeter, der Vorsitzenden des Lügder Stadtsportverbands. Sie will das Thema heute bei der Jahreshauptversammlung des Verbands ansprechen. Sie weiß von einer in Lügde lebenden Frau, die mangels Sprachkenntnissen unwissentlich ein Abo unterschrieben hat. „Und mich haben auch schon mehrere Leute aus unserem Dorf erbost angerufen“, sagt Trompeter, die das Vorgehen unverschämt nennt.

Übrigens: Die Akquise-Aktion im Bereich Bad Pyrmont läuft bereits: Im Ortsteil Hagen sind die Werber schon durch, in Löwensen sind sie mit dem Segen des TuS ebenfalls unterwegs. Hagens „Germania“- Vorsitzender Sascha Sender räumt ein, dass er den Versprechen der Werber geglaubt hat: „Die wollten was für uns tun. Und uns schien das seriös.“ Diverse Anrufe später sagt er: „Hinterher ist man immer schlauer.“ Und Manfred Makein in Löwensen betont: „Wenn da was schiefläuft und uns jemand dafür verantwortlich macht, kriegt die Firma Ärger.“

Wer seine Unterschrift auf der groß mit „Vereinssponsoring“ überschriebenen Liefervereinbarung bereut und sich in die Abo-Falle gelockt fühlt, kann das Geschäft binnen 14 Tagen ab Vertragsschluss widerrufen. „Um das fristgerechte Absenden des Widerrufs beweisen zu können, sollten Sie am besten per Einschreiben mit Rückschein widerrufen“, rät die Verbraucherzentrale Niedersachsen. Musterbriefe finden sich im Internet (auf seriösen Anbieter achten!)



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt