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Bei Edward Braun findet Gustl Mollath Hilfe und Rückzugsmöglichkeit / Gespräch über die schwere Zeit

Der Pyrmonter Freund

Bad Pyrmont. Gustl Mollath, zurzeit der wohl bekannteste Ex-Psychiatriepatient in Deutschland, war seit seiner Entlassung immer mal wieder in Bad Pyrmont anzutreffen. Abgeschirmt und diskret von seinem langjährigen Freund Edward Braun vor der Öffentlichkeit geschützt, konnte er hier Abstand gewinnen und seine wiedergewonnene Freiheit strukturieren. Insbesondere während der Anhörungsphase vor dem bayerischen Untersuchungsausschuss und dem Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Regensburg sei diese Rückzugsmöglichkeit in Bad Pyrmont äußerst hilfreich, stärkend und beruhigend gewesen, konstatieren beide. Erst nach Ende des Prozesses standen die beiden Freunde jetzt für ein Gespräch mit dieser Zeitung zur Verfügung.

veröffentlicht am 02.09.2014 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 08:21 Uhr

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Autor:

Klaus titze
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Das heimelige Flammkuchen-Ambiente im ClassicFlair- Hotel steht im krassen Gegensatz zu den emotional vorgebrachten Erinnerungen Gustl Mollaths. Sobald es um seine Zeit in der geschlossenen Psychiatrie geht, röten sich seine Wangen, seine Haltung wird angespannt, seine Stimme eindringlich und lauter. „Da hörst du des Nachts jemanden um Hilfe rufen. Die Stimme ruft: Hört mich jemand? Hilfe! Warum hilft mir niemand? Nach einiger Zeit verstummt die Stimme und man kann annehmen, dass dies den Medikamenten geschuldet ist“, beschreibt Mollath seine Eindrücke aus der Psychiatrie. „Die nächste Nacht wieder. Und durch Zufall beobachtest du, wie am folgenden Tag zwei Männer im weißen Kittel einen hellen Sack in einen Wagen laden und zur Leichenhalle fahren. Am nächsten Tag siehst du, wie ein Leichenwagen vorfährt und die Stimme hörst du nicht mehr. Die Stimme hat es hinter sich.“ Das sei die „Krönung“ eines Vollzugs, den Menschen in seinem eigenen Körper einzusperren, sagt er und meint damit die Medikation von Psychiatriepatienten.

„Es muss sich ändern, was hinter den weißen Mauern vorgeht,“ sagt er und gibt damit zu verstehen, dass er nach seinem Wiederaufnahmeverfahren und dem erneuten Prozess vor dem Landgericht Regensburg noch nicht wird loslassen können. Schon den damaligen Freispruch mit lebenslanger Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie werde er so schnell nicht verarbeiten können. „Macht braucht Kontrolle, wirksame Kontrolle!“, ist seine Forderung, für die er sich auch zukünftig einsetzen will.

Mollath kritisiert auch, dass beispielsweise Protokollierungen von Landgerichtssitzungen nicht vorgesehen sind. Seiner Meinung nach hätte eine derartige Dokumentation im damaligen ersten Prozess einwandfrei bewiesen, dass es sich nicht um einen fairen und rechtsstaatlichen Prozess gehandelt habe. „Warum, so frage ich, will man nicht, dass Prozesse nachprüfbar aufgezeichnet werden, und sei es auch nur gerichtsintern? Traut man seiner eigenen Qualifikation nicht oder will man sich nicht angreifbar machen?“ lauten seine Fragen und er schiebt nach: „Misstrauen, Spekulationen und Manipulationsverdacht ist in einem solch intransparenten Verfahren Tür und Tor geöffnet.“

„Glücklicherweise hat Gustl hier in Bad Pyrmont für eine Zeit eine geschützte Rückzugsmöglichkeit gefunden“, sagt sein Freund Edward Braun. Mollath und er kennen sich bereits aus ihren jungen Jahren und sind früher oft gemeinsam mit alten Ferraris Rennen gefahren. Im Prozess hat er zu seinen Gunsten ausgesagt. Er schilderte, wie die Ex-Frau seines Freundes gedroht habe, ihrem Mann etwas anzuhängen und ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. „Ich bin überglücklich, dass ich Gustl helfen konnte, nachdem es ihm gelungen war, aus der Anstalt telefonisch Kontakt zu mir zu bekommen. Ich hatte doch zuvor von seinem Schicksal überhaupt nichts erfahren“, ergänzt Braun.

Ebenso beeindrucke ihn, dass sein Freund die Zeit in der geschlossenen Anstalt anscheinend unbeschadet überstanden habe. „Das ist seinem starken Willen und auch seiner Sturheit zu verdanken“, sagt der Pyrmonter Zahnarzt. „Es ist eine ihm eigene Sturheit, die allerdings nicht immer vorteilhaft für ihn war, wie sein Verhältnis zu seinem Anwalt und der neuerliche Prozessverlauf zeigten.“ Schon früher habe Mollath technische Probleme an Automotoren entschlossen und zielstrebig verfolgt, seine Ideen vertreten und oft genug am Ende damit recht behalten. „Autos interessieren und faszinieren ihn immer noch. Erst eben hatte er das neueste Alfa-Sportwagenmodell vor der Spielbank entdeckt und sich natürlich genauer anschauen müssen“, schmunzelt Braun.

In Bad Pyrmont hat sich Gustl Mollath meist auf dem Fahrrad bewegt, war in Restaurants anzutreffen und wurde hin und wieder auch erkannt. Jetzt hofft er auf eine Zeit, die nicht so belastend für ihn ist. Denn immer wieder werde er auch von Menschen angesprochen, die ihm ihr ähnliches Schicksal schildern und sich Hilfe erhoffen. Doch er könne nicht allen zur Seite stehen, dafür reiche auch seine Kraft nicht, stellt er fest.

Mollath hofft jetzt auf einen normalen Alltag, der ihm lange Zeit durch die bayerische Justiz genommen worden sei. „Mir wurde die Freiheit genommen, meine berufliche Existenz zerstört und mein Eigentum wurde von einem Betreuer verkauft.“ Aus der Klinik sei er ohne Ausweis und begleitende Eingliederung innerhalb weniger Stunden entlassen worden. „Das war ein Hinauswurf. Da fühlt man sich nicht als Mensch behandelt, es ist einfach abstoßend und erniedrigend.“ Aber diese Behandlung habe ihm gezeigt, dass er oder sein Fall jemandem lästig geworden sei. „Vielleicht werde ich über meine Lebensgeschichte ein Buch schreiben oder einen Film unterstützen“, überlegt er laut.



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