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Titus Malms berichtet in seinem Vortrag zum Staatsbad-Jubiläum „wahrlich Unglaubliches“

„Der kleine Stalin von Bad Pyrmont“

BAD PYRMONT. Für alle, die immer noch dem angestrebten und dann entgangenen Weltkulturerbe der Stadt nachtrauern, hat Titus Malms einen Trost: Dieses Prädikat habe, spätestens seit der Kölner Karneval damit ausgezeichnet wurde, seinen Glanz verloren, seine „Unschuld eingebüßt“.

veröffentlicht am 24.10.2017 um 14:49 Uhr

In einer Ausgabe von 1954 berichtet das „Das grüne Blatt“, das Kurdirektor Stoltze im Staatsbad ein „quasi bolschewistisches Spionagesystem“ etabliert habe. Foto: Hei
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Karin Heininger Reporterin
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In dem Zusammenhang hat der Pyrmonter ein Zitat des bekannten Kölner Kabarettisten Wilfried Schmickler parat: „Wie kann irgendein vernunftbegabtes Wesen mit einem Minimum an intaktem Restverstand auf die Idee kommen, ein kollektives Massenbesäufnis wie den Kölner Karneval in den Rang eines weltkulturell bedeutenden Ereignisses zu heben?“ Da habe die Pyrmonter Geschichte doch ganz andere Kaliber vorzuweisen. So sei, allen Entbehrungen der Nachkriegszeit zum Trotz, nach Gründung des Staatsbades vor 70 Jahren schon bald „mit großem Besteck wieder überregional aufgetischt“ worden, versichert Malms und belegt dies aus seinem umfangreichen Schatz an gesammelten Schriften und Dokumenten, wie er sagt.

Mit der MP in der Hand war Walter Ducloux 1945 in Bad Pyrmont eingerückt. Mit dem Dirigentenstab stand er drei Jahre später auf dem Podium des Konzerthauses.

Spiegel“ 1948

Ungeachtet der Tatsache, dass das Niedersächsische Staatsbad „eigentlich ein Aprilscherz“ sei (das Land Niedersachsen verlieh dem Kurort am 1. April 1947 seinen Namen als Rechtsnachfolger des seit 1937 bestehenden preußischen Staatsbades), habe sich hier schon bald „wahrlich Unglaubliches“ abgespielt, erzählt Titus Malms in einem Vortrag zum Staatsbad-Jubiläum. Vieles habe allerdings bis heute in der Pyrmonter Chronik und der Öffentlichkeit nicht immer die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hätte.

Andernorts offenbar schon. So schrieb der „Spiegel“ 1948 nach der Gründung der Nordwestdeutschen Philharmonie durch Walter Stöver und den erstmals durchgeführten „Internationalen Musikwochen“ mit dem in den USA lebenden Dirigenten Walter Ducloux: „Mit der MP in der Hand war Walter Ducloux vor seiner Panzerabteilung 1945 in Bad Pyrmont eingerückt. Mit dem Dirigentenstab stand er nun tatsächlich drei Jahre später vor dem Orchester dieser Nordwestdeutschen Philharmonie auf dem Podium des Konzerthauses!“

Und das musikalische Aufblühen Bad Pyrmonts beschrieb die Hamburger Freie Presse so: „Pyrmont gehört wie etwa auch Weimar oder im weiteren Sinne Bayreuth und Salzburg zu den produktiven Winkeln, in denen gute Kunst angebaut werden kann und zu gedeihen vermag“. Die Pläne des damaligen Kurdirektors Friedrich Wilhelm Stoltze, Pyrmont zu einem „sinfonischen Salzburg“ zu machen, blieben indes trotz vieler Gastspiele international bekannter Sinfonieorchester unerfüllt. Titus Malms: „Hannover erteilte keine Baugenehmigung für Luftschlösser“.

Während sich die Zahl der Kurgäste kontinuierlich steigerte ( 1952 kamen schon über 26000 Heilungssuchende nach Bad Pyrmont), war die Stadt auch Tagungsort für viele überregionale Treffen, ob es nun die Interzonenkonferenz der Gewerkschaften war, die Gründung des Deutschen Frauenrings mit Theanolte Bähnisch, ob ein Parteikongress der FDP oder die Deutschen Schachmeisterschaften, die „Pyrmonter Unternehmergespräche“ mit der Elite der Politik und der Deutsche Bädertag: Diese Ereignisse fanden stets Beachtung über Pyrmonts Grenzen, versichert Malms.

Manchmal allerdings tauchte der Name des Kurbades auch unliebsam auf, wie der Referent seinen Zuhörern im Kurtheater demonstriert: Unter der Schlagzeile „Der kleine Stalin von Bad Pyrmont“ berichtet 1953 die Frauenzeitung „Das grüne Blatt“, Kurdirektor Stoltze habe im Staatsbad ein „quasi bolschewistisches Spionagesystem“ etabliert und habe „keine Ahnung von Menschenführung“. Diese etwas mysteriöse Geschichte veranlasst Malms, seinen Finger auf die in der Vergangenheit nicht immer harmonische Beziehung zwischen Stadt und Staatsbad zu legen, die sich indessen kontinuierlich verbessert habe.

In der Erfolgsgeschichte des Staatsbades, die der Redner in seinem gewohnt schlagfertigen und geschliffenen Stil beleuchtet (nicht ohne die eigene Rolle dabei zu vernachlässigen), findet Titus Malms nur ein kleines Haar in der Suppe: Dass das Ankerkreuz als Pyrmonts prägnantes Logo von der Bad Pyrmont Tourismus (BPT) jetzt vielfach durch die Palme ersetzt werde, sieht er als „strategischen Fehler.“

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