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Teil 1: So ging in Bad Pyrmont und Lügde vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende

Der Kampf um die Kurstadt

Bad Pyrmont/Lügde. Vor 70 Jahren, direkt vor Ostern, hörte auch die Bevölkerung in Bad Pyrmont und Lügde davon, dass die Amerikaner bald da sein würden. Trotzdem erhielt das Dampfpflugunternehmen Ottomeyer am Bad Pyrmonter Bahnhof in der letzten Märzwoche noch den Auftrag, mit seinen großen Maschinen Bombentrichter in Biesen-Rheinthal bei Salzkotten zu schießen. Sie kamen allerdings nur bis zur Egge und mussten dort wieder umkehren. In Lügde erzählten die Mitarbeiter der Firma Ottomeyer ihren Mitbürgern von dem unmittelbar bevorstehenden Einmarsch der Amerikaner und gerieten dadurch in tödliche Gefahr. Einige mussten fliehen oder sich verstecken, um nicht erschossen zu werden.

veröffentlicht am 08.04.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 18:41 Uhr

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Autor:

Manfred willeke
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Die Stadtverwaltung in Lügde wurde vom Landrat und Kreisleiter in Höxter erneut aufgefordert, Panzersperren zu errichten, was sie bisher immer wieder hinausgezögert hatte. In dieser unsicheren Situation dachte zunächst niemand an den Osterräderlauf, der nach alter Tradition nicht unterbrochen werden durfte. Die meisten der Dechen standen auch im Feld, sodass sich einer der älteren Dechen, Otto Roloff, bemühte, wenigstens ein Rad laufen zu lassen. Er konnte dafür schließlich den Oberdechen Edmund Blum aktivieren. Alwine Hübers (geb. Leifels) schreib dazu: „Am 1. Ostertag, den 1. April, nachmittags gegen 15 Uhr ließ Edmund Blum ein Rad ohne Stroh etwas nördlich den Osterberg hinablaufen! Wir Lügder waren trotzdem begeistert und einige riefen: Das ist Lügdes Rettung!“ Die heute oft geäußerte Behauptung, der Räderlauf habe 1945 beziehungsweise in diesen unruhigen Tagen nicht stattgefunden, stimmt also nicht.

Flieger im Tiefflug über Bad Pyrmont

In Bad Pyrmont hatte der Chef- und Standortarzt Dr. Fr. Glaser inzwischen Schilder mit einem roten Kreuz und der Aufschrift „Lazarettstadt Bad Pyrmont“ aufstellen lassen. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass der Ortsgruppenleiter Ahrens und Emil Krauseneck, von Oberst Ziegler als Kampfkommandeur zur Verteidigung Bad Pyrmonts eingesetzt, mit Soldaten, Volkssturm- und Feuerwehrmännern aus Bäumen Straßen- und Panzersperren errichten ließen. Hagener Volkssturmmänner bauten im Waldstück „Kösters Berg“ eine Sperre. Auf Befehl des Stadtkommandanten in Hameln wurde mithilfe von Lazarettinsassen aus Bad Pyrmont und Volkssturmeinheiten aus Lügde an der Höxterstraße in Lügde, auch in der Nähe der Kilianskirche, eine Panzersperre errichtet.

Der Kampfkommandeur zur Verteidigung Bad Pyrmonts, Emil Krauseneck, berichtet, dass sich Oberst Ziegler am Ostersonntag (1. April) mit allen Offizieren im Kurhaus getroffen und beschlossen hatte, dass alle Lazarettsoldaten, soweit sie laufen konnten, nicht in Gefangenschaft kommen und sich am Bahnhof sammeln und über die Weser absetzen sollten. Das geschah am folgenden Tag. Es waren rund 2000 Soldaten. Nachdem am Morgen des 4. April englische Flieger im Tiefflug über Bad Pyrmont kreisten und per Lautsprecher verlangten, dass die Einwohner weiße Fahnen heraushängen sollten, zogen sich Kampfkommandeur Emil Krauseneck und seine Soldaten über Bodenwerder und weiter nach Goslar zurück.

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Der Bürgermeister von Lemgo, Wilhelm Gräfer, wurde in Lügde von einem Standgericht zum Tode verurteilt. Juritz/Willeke

Am 4. April, als die Amerikaner bereits Groß Berkel erreicht hatten, wurde Bürgermeister Wilhelm Gräfer aus Lemgo, der die Stadt an die Amerikaner übergeben wollte, durch ein Standgericht in Lügde zum Tode verurteilt. Das Urteil konnte allerdings dort nicht mehr vollstreckt werden. Gräfer wurde am frühen Morgen des 5. April in Bodenwerder an der Kirche erschossen. Noch heute erinnert dort eine Gedenktafel daran.

Am Donnerstag, 5. April, rückten Teile der 83. US-Infantrie-Division gegen 10 Uhr bis nach Hagen beziehungsweise gegen 10.45 bis nach Eschenbruch vor. Sie wurden dabei von versprengten Soldaten des 7. SS-Panzerregimentes 3 aus der Richtung Eschenbruch zunächst beschossen. Vier der Deutschen verloren ihr Leben, die anderen flohen in Richtung Lügde, wohin ihnen die Amerikaner folgten.

In Hagen wurde die Bevölkerung per Lautsprecher aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Daraufhin hingen alle Einwohner weiße Fahnen hinaus. Um 14 Uhr war der Ort komplett besetzt. Ortsgruppenleiter Ahrens hatte am Hagener Berg Baumaschinen und – weiter unten – demontierte Mistwagen und Bäume als Panzersperren auf die Straße ziehen lassen. Er war fest entschlossen, die Stadt zu verteidigen. Erst als er erfuhr, dass der Chefarzt Dr. Glaser vom Generalkommando in Hannover die schriftliche Vollmacht erhalten hatte, die Verantwortung für die Stadt zu übernehmen, zog Ahrens seine „Truppen“ zurück.

Von Hagen aus feuerten die Amerikaner drei Schüsse in Richtung Bad Pyrmont ab. Getroffen wurde Kogelschatz’ Scheune an der Hagener Straße vor Holzhausen und Felder am Steinbrink und an der Hakelt. Daraufhin machte sich Leutnant Herbert Weder aus dem Lazarett mit einem Fahrrad mit weißer Fahne auf den Weg zu den Amerikanern, angeblich auf Anweisung von Dr. Glaser. Ewald Grieß, der damals mit Herbert Weder im Lazarett lag, berichtete 1988 allerdings, dass der Stabsarzt Dr. Wiechmann Weders Bitte, den Amerikanern entgegenzufahren beziehungsweise die Stadt zu übergeben, ablehnte und dieser sich daraufhin ein Fahrrad vom Kaiserhof und sein eigenes Bettlaken geschnappt habe und den Amerikanern entgegengefahren sei.

Diese hatten inzwischen die Straßensperren am Hagener Berg beseitigt und trafen an der Bäckerei Engelcke mit Leutnant Herbert Weder zusammen. Weder stellte sein Fahrrad ab, schritt den Amerikanern mit der Fahne entgegen und erklärte den Amerikanern, dass die Stadt frei von Truppenteilen sei und sie ungehindert einziehen könnten. Weder, der später als Diplomat tätig war und 1988 verstorben ist, fuhr dann von zwei Motorrädern und drei Panzern eskortiert durch die Schlossstraße zum Lazarett im Liboriushaus in der Kirchstraße. Dort übergab Oberstabsarzt Dr. Glaser den US-Truppen kampflos die Stadt Bad Pyrmont mit den Ortsteilen Holzhausen und Oesdorf.

Von Bad Pyrmont zogen die Panzer in Richtung Löwensen und Thal weiter. In Löwensen ging ihnen Frau Küfe und Fritz Quast mit einer weißen Fahne entgegen. Bürgermeister Wöltje ließ die vom Volkssturm auf der Thaler Landstraße und vor der Eisenbahnbrücke errichteten Barrikaden auseinanderziehen und die Amerikaner besetzten kampflos das Dorf. Am gleichen Tag wurden auch Thal, Baarsen, Eichenborn, Kleinenberg, Großenberg und Neersen besetzt. In Eichenborn bewarf ein Jugendlicher die Panzer mit Steinen. Als er verhaftet werden sollte, griff Lehrer Winter vermittelnd ein.

Von Eschenbruch aus, das um 10.45 Uhr besetzt worden war, rückte ein Teil der 83. US-Infanterie-Division gegen 13 Uhr weiter nach Lügde vor. Um genau 14 Uhr entdeckten die Amerikaner mit ihren Feldstechern vom Schierenberg aus zwischen Stadt und Kilianskirche die aus Eschenbruch geflohenen versprengten Soldaten des 7. SS-Panzerregiments 3. Sie eröffneten sofort das Feuer auf die Stadt. Die deutschen Soldaten setzten sich daraufhin bei der Kilianskirche fest und eröffneten das Feuer. Durch diese Kampfhandlungen wurden viele Grabsteine beschädigt, auch die Kilianskirche bekam einige Treffer ab, blieb aber weitgehend unbeschädigt. Da die Amerikaner in der Übermacht waren, flohen die restlichen Soldaten des SS-Panzerregimentes über den Kirchberg weiter in Richtung Weser.

Lügde vor der Zerstörung gerettet

In der Stadt brannten durch den Beschuss mit Brandgranaten die Häuser Hintere Straße 56, 68, 70, 78 und Mittlere Straße 72. Auch die zwei Scheunen gingen in Flammen auf. Die meisten Einwohner waren vor den Amerikanern zu Mitbürgern am Schildweg in deren vermeintlich sichere Keller oder in die Wälder geflohen. Vermutlich hätten die Amerikaner die ganze Stadt in Schutt und Asche geschossen, wenn nicht August Ewers und Hermann Blome die Initiative ergriffen und am Kirchturm der St.-Marien-Kirche eine große weiße Fahne befestigt hätten. Daraufhin wurde um 14.45 Uhr der Beschuss eingestellt und die Amerikaner rückten um 15 Uhr in die Stadt ein. Kurz vorher hatten einige Volkssturmleute aus Bad Pyrmont den Eingang der Zigarrenfabrik Schwering & Hasse besetzt, um von hier aus mit einer Panzerfaust auf die Amerikaner zu schießen. Sie wurden von entrüsteten Bewohnern in Richtung Bad Pyrmont vertrieben, wo sie in Höhe des Hauses Pyrmonter Straße 44 die Panzerfaust auf die Amerikaner abschossen. Diese erwiderten das Feuer und töteten einen Volkssturmmann.

Lesen Sie morgen: Die Neuorganisation der Verwaltung und der Wiederaufbau des öffentlichen Lebens.

Ein amerikanischer Panzer in Holzhausen. Unter den US-Soldaten waren auch Auswanderer aus Lügde beziehungsweise deren Nachkommen aus den Familien Steinhage, Tennie und Prante.

Luttmann



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