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Nach dem Tod der Eltern das Haus ausräumen: Gilla Cremer über schier unlösbare Entscheidungen

Der einsame Abschied von der eigenen Kindheit

Bad Pyrmont. Eine Frau namens Agnes, nicht mehr ganz jung, soll das Haus ihrer verstorbenen Eltern ausräumen – vom Keller bis zum Boden das Sammelsurium eines ganzen Lebens. Was macht man mit 2500 Büchern, 63 Gläsern Eingemachtem, 121 Plastiktüten, einem ausgestopften Rehkitz, dem Hochzeitsfoto oder Mutters seidenem Morgenmantel? Dinge der Eltern, an denen auch Erinnerungen an die eigene Kindheit hängen.

veröffentlicht am 04.04.2016 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 10:35 Uhr

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Autor:

VON KARIN HEININGER
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Was darf weg, was muss bleiben, was sollte auf keinen Fall in fremde Hände fallen? Gilla Cremer, Autorin und Schauspielerin, hat aus diesem Thema, das viele Menschen irgendwann einmal trifft, ein Solostück gemacht und den leider nur wenigen Zuschauern im Kurtheater damit einen unerwartet intensiven, berührenden und packenden Abend beschert. Das Kümmern um die Dinge der Eltern, der einsame Abschied von Agnes aus dem Haus ihrer Kindheit, an dem sie mit allen Fasern hängt und an dem dennoch selbst heute neben vielen schönen Erinnerungen auch unangenehme und schmerzliche Erfahrungen als Heranwachsende kleben, wird für die Tochter zur Bilanz des eigenen Daseins – und für das Publikum anderthalb Stunden lang ohne Pause zu einer großen Anspannung.

Mit psychologischem Feingefühl hat Regisseur Dominik Günther die Situation zwischen gepackten Kartons und alten Möbeln ausgelotet und die Brüche im Befinden der Frau, von Rührung und Sentimentalität bis zu plötzlich aufbrechender Wut und unterdrücktem Frust, dramaturgisch gut gestaltet. Und Gilla Cremer spielt absolut überzeugend diese Himmelfahrt an Gefühlen. Anrührend, wenn sich Agnes an unerwartet zärtliche Gesten der Mutter erinnert, die so penibel lebte und sich selbst und ihre Angelegenheiten der Nachwelt „sterbefein“ hinterlassen wollte. Oder wenn ihr beim Aufräumen des Ehebettes die „Kuschelritze“ zwischen den Betten in den Sinn kommt, auf der sie manchmal liegen durfte.

Dass der Großvater bei der SS diente, der Vater als Patriarch die Familie beherrschte, die Mutter sie mit der Frage quälte, bei wem sie bleiben wolle, wenn die Eltern sich trennen würden: Nichts ist vergessen, vieles schmerzt noch immer.

Eine wunderbare Darstellung von Gilla Cremer. Und eine enorme Gedächtnisleistung, wenn sie in einem scheinbar endlosen Monolog alle Dinge der verstorbenen Eltern aufzählt. Das Publikum zeigte sich am Ende dieses Theaterabends tief beeindruckt.

Als Agnes berichtet Gilla Cremer von all den Entscheidungen, die sie nach dem Tod ihrer Eltern treffen und den Dingen, von denen sie sich trennen muss.

Fotos: Hei



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