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Wilfried Wiedemann beeindruckt mit Vortrag über Nacht- und Nebelgefangene im NS-Regime

„Der Dolch des Mörders war unter der Robe des Juristen“

Bad Pyrmont. Können Sie sich vorstellen, dass im Laufe des Tages plötzlich ein Familienmitglied verschwindet und Sie nie wieder weder bei der Polizei noch bei irgendeiner anderen amtlichen Stelle etwas über den Verbleib erfahren? Und dies nicht, weil ihm ein Unglück zugestoßen oder es das Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist, die Person verschwand auf Veranlassung einer staatlichen Institution, also aufgrund staatlicher Willkür. Wilfried Wiedemann, ehemals Geschäftsführer der niedersächsischen Zentrale für politische Bildung und Neugestalter der Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen ist ein Fachkundiger, wenn es um Erinnerungskultur geht. Und Pastor Müller als Mitglied des Arbeitskreises 27. Januar Bad Pyrmont formuliert in der Begrüßung, dass sich diese Erinnerungskultur zur Verantwortungskultur verändere.

veröffentlicht am 20.01.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 22:41 Uhr

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Autor:

von Klaus Titze
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„Insbesondere die Verarbeitung der brutalen NS-Zeit hat großen Anteil am Ansehen, das Deutschland in Europa und der Welt inzwischen erfährt“, leitet Wiedemann seinen Vortrag anlässlich der vom Arbeitskreis angestoßenen Veranstaltungsreihe in Verbindung mit der Ausstellung „Ordnung und Vernichtung“ im Pyrmonter Rathaus ein. Und die eingangs gestellte Frage verdeutlicht er anhand des Schicksals von 23 belgischen Gymnasiasten aus Antwerpen, die von der Wehrmacht 1943 wegen angeblicher Handlungen im Widerstand enttarnt, ergriffen und über Essen in die Justizstrafanstalt Esterwegen im Emsland transportiert worden sind. Insgesamt 2696 Insassen wurden dort nummernmäßig erfasst und so verlieren auch die 23 jungen Männer ihre Namen und werden nur noch mit ihrer Nummerierung angesprochen. Dies ist Teil der Geheimhaltung der Haftmaßnahmen, denn weder Familie noch andere aus ihrem Heimatland sollen je erfahren, was mit ihnen geschehen ist. Nebel sollte sich über sie legen und eventuellen Nachforschungen entziehen. Geständnisse werden unter Folter erpresst und fließen in Gerichtsurteile von Sondergerichten oder sogenannten Volksgerichtshöfen ein. Letztere enden nahezu vollständig in Todesurteilen, weiß Wiedemann zu berichten.

Die Hinrichtungen finden auf einem Schießplatz in Lingen oder unter dem Fallbeil in der Strafanstalt Wolfenbüttel statt. Zu Gefängnisstrafen Verurteilte oder auch zufällig Festgenommene, die sich unschuldig in der Esterweger Haftanstalt befinden, werden keinesfalls nach Verbüßung der Haft oder nach dem Feststellen ihrer Unschuld freigelassen. Sie lässt man durch die Polizei in Konzentrationslager einsperren, da sie ansonsten die geheime Aktion öffentlich machen könnten.

Aufgrund der hohen Zahl zur Verhandlung anstehender Insassen in der Haftanstalt verzögern sich Urteile und so werden wie viele andere auch die 23 Gruppenmitglieder Ende 1944 ohne Urteil durch die Polizei auf Konzentrationslager im Reichsgebiet verteilt. Ein halbes Jahr später haben die Lebensbedingungen in den KZ und die Todesmärsche in den letzten Kriegstagen nur fünf von ihnen überlebt. Sie können zu ihren Familien zurückkehren. Dann schließt Wiedemann seinen fundierten und fesselnden Vortrag mit einer Überraschung: Er zeigt die Kopie eines Aktenblattes, in dem durchnummeriert Namen, Geburtsdaten, Einlieferungsdaten und Verbleib von Personen detailliert aufgelistet sind. „Ich bin erst vor Kurzem auf eine Aktensammlung aufmerksam gemacht worden, die sich im geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Dahlem befindet. Und bei der Sichtung bin ich auf die Personaldaten aller 2696 in Esterwegen Inhaftierten gestoßen. Das heißt, hierin finden sich auch die 23 von mir erwähnten Schüler wieder. Vielen Angehörigen kann nun Auskunft über das Schicksal der Verschwundenen gegeben werden“, erläutert Wiedemann sichtlich bewegt.

Und was wurde aus den Verantwortlichen, die wegen augenscheinlicher Nichtigkeiten und unter Missachtung juristischer Grundsätze willkürlich Todesurteile verhängten oder mit ihren Beiträgen die Einweisung in die Konzentrationslager veranlassten? Am Beispiel des 1943 als Ministerialrat in der Wehrmachtsrechtsabteilung tätigen und damit auch für die Behandlung der Nacht- und Nebel-Gefangenen verantwortliche Dr. Werner Hülle lasse die Kontinuität der Justiz nach dem Krieg gut verdeutlichen. Dieser wurde, so Wiedemann, nämlich 1946 Amtsgerichtsrat in Oldenburg und leitete Verhandlungen gegen das Esterweger Wachpersonal mit entsprechend milden Urteilen. Er erhielt 1950 sogar eine Stelle als Richter am Bundesgerichtshof und war ab 1955 für 13 Jahre Präsident des Oberlandesgerichts in Oldenburg. Eine juristische Wertung der unter den NN-Gefangenen begangenen Verbrechen hat nach Wiedemanns Recherche der amerikanische Gerichtshof in Nürnberg vorgenommen und dieser kommt 1947 zu der Aussage: „Der Dolch des Mörders war unter der Robe des Juristen verborgen.“ Doch die Aufarbeitung juristischer NS-Historie sei ein Thema für sich, denn erst aktuell erarbeite die Justiz ihre Vergangenheit in der NS-Zeit.



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