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Zu den Wirtschaftsgesprächen zeigt sich die Kurstadt unaufgeregt

Der diskrete Charme des Netzwerkens in Bad Pyrmont

veröffentlicht am 30.08.2016 um 21:40 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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BAD PYRMONT. Das klingt doch verheißungsvoll: Der „Wohlfühl-Indikator“ auf dem Thermometer in der Steigenberger-Lobby zeigt am Dienstagnachmittag „trocken“ an, bei sonnigen 24,1 Grad. Als die Teilnehmer der „Deutsch-russischen Wirtschaftsgespräche“ nach und nach einchecken, mischen sich zunehmend herbe Herrendüfte in die zartblumig beduftete Luft des Hotelfoyers. Die meisten Ankommenden sind alleinreisende Anzugträger, mit kleinem Trolleys für eine Nacht. Sie sind geschäftlich hier. Wollen wissen, was geht in Russland. Kontakte pflegen, Chancen sondieren, Geschäfte anbahnen. Das sind ihre Ziele.

Einige Gäste erscheinen in weiblicher Begleitung. Wenn auch nicht alle Frauen an den Gesprächen teilnehmen, so senken sie doch den durchschnittlichen Body-Mass-Index in der Kurstadt für zumindest 24 Stunden. Andererseits rollen derzeit mehr dicke Autos durch Pyrmont als sonst.

Für die aktiven Netzwerkerinnen und Netzwerker ist indes nicht so viel Freizeit drin. Der rote Teppich auf der Treppe, die eigens aufgestellten Lorbeerbäumchen vor dem Hotel – dafür haben nur die Wenigsten ein Auge. Die festliche Deko wird eher von ein paar neugierigen Pyrmontern gewürdigt. Sie schlendern am Hotel vorbei, bleiben eine Weile in der Nähe stehen oder beziehen bequeme Posten in einem der Hauptallee-Cafés.

Einer der Umstehenden ist Bernd Waldhecker. Der Pyrmonter mit lippischen Wurzeln kommt gerade vom Schwimmen im hoteleigenen Spa. Er würde gern Gerhard Schröder wiedersehen. „Gegen den habe ich früher Fußball gespielt“, sagt der 76-Jährige. „Ich beim TSV Elbrinxen, er bei Talle.“ Stundenlang warten will Waldhecker auf den Altkanzler aber nicht. Nach einiger Zeit radelt er auf seinem E-Bike davon. Ein diskreter BKA-Mann setzt sich ebenfalls bald nach Beginn der Veranstaltung im Konzerthaus ins Auto. Sein Job ist für heute erledigt. Bad Pyrmont ist ein beschauliches Pflaster. Wieviele Polizisten ansonsten unterwegs sind, bleibt das Geheimnis der Einsatzleitung. Nur so viel sei verraten: Der Einsatz verläuft diskret, zumeist in Zivil.

Zum Promi-Gucken lohnt die Veranstaltung übrigens kaum. Denn die wenigsten Teilnehmer kennt man außerhalb der Wirtschaftswelt und ihrer Netzwerke. Zum Einfädeln von Geschäften sucht kaum einer das Rampenlicht.

Ein Auftritt amüsiert Veranstalter Heino Wiese, Unternehmensberater und russischer Honorarkonsul in Hannover, indes eher nicht: Vis-à- vis dem Hotel bildet ein halbes Dutzend AfD-Leute eine Art inoffizielles Begrüßungskommitee. Auf ihren Plakaten outen sich die Demonstranten auch auf Russisch als Unterstützer der tagenden Wirtschaftsvertreter. Die Frage nach der Absicht dieser Bekundung für das Event eines sozialdemokratischen Gastgebers lässt Dr. Eckhard Reichenbach offen. „Ich mache kein Interview“, sagt er. Er beantworte nur schriftlich zu stellende Fragen.

Als ein deutsch-russisches Teilnehmerpaar leicht verspätet eintrifft, scherzt der Mann in Richtung Mini-Demo zu seiner Begleiterin: „Willst Du mal russische Schreibfehler korrigieren?“ Doch dann streben beide schnell zum Tagungsort.

Die Anspannung von Hoteldirektor Arnoldus van Iersel löst sich indes erst nach dem Hauptgang des Dinners, „wenn das Fleisch auf den Punkt gegart auf dem Teller liegt“. Zum Essen spendiert die internationale Wirtschaftsprüfungs-AG PricewaterhouseCoopers (PwC) den von Nord Stream-Aktionärsausschusschef Schröder sprechend und Ensemblemitgliedern der Staatsoper Hannover musizierend unterhaltenen 170 Gästen Fjordlachskaviar-Tartar, Borschtsch, Kalbsfilet im Pinienkernmantel sowie Apfeltarte mit Walnusseis. Das Menü dürfte den Wohlfühl-Indikator noch gesteigert haben.



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