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Gedenken an die Pogromnacht 1938: Wie einzelne Pyrmonter ihre jüdischen Mitbürger unterstützten

Das Wirken der stillen Helfer

Bad Pyrmont. Karla Behnke ist gerührt: „Dass so viele Pyrmonter kommen und es nicht vergessen, uns an diesem schwierigen Tag zu unterstützen“, sei für sie Trost und ein Zeichen der Hoffnung, sagt die Vorsitzende von Bad Pyrmonts liberaler jüdischer Gemeinde bei der Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof an der Bombergallee in Erinnerung an die Schrecken der Pogromnacht 1938. Damals stießen SA-Männer auch in Bad Pyrmont Grabsteine um, zerschlugen Schaufensterscheiben und zerrten und prügelten jüdische Pyrmonter Männer auf die Straße. Sieben von ihnen wurden nach Buchenwald transportiert. Drei Tage später starb der damals 79 Jahre alte Violinist Adolf Salomon im KZ. Auch der ebenfalls verschleppte 65-jährige Schirmfabrikant Sally Abraham kam dort wenige Wochen später zu Tode. Viele Pyrmonter Juden verloren unterdes ihre Habe und wurden in die Villa Lichtenstein in der Bahnhofstraße 51 einquartiert. Ortsansässige Quäkern halfen ihnen – weshalb der „Arbeitskreis 27. Januar“ deren Wirken in diesem Jahr besonders würdigte.

veröffentlicht am 11.11.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 08:21 Uhr

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Autor:

Claudia Guenther
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„Der 9.November soll deutlich machen, dass Demokratie und Freiheit, Frieden und die Wahrung der Menschenrechte wichtige Bestandteile unseres heutigen Lebens sind und bleiben“, sagt Bürgermeisterin Elke Christina Roeder. Die „Spurensicherung“ der menschenverachtenden und gewalttätigen Ereignisse der Nazizeit müsse zu einem wichtigen Beitrag im „Widerstand gegen das Vergessen“ werden. Gemeinsam sprechen die Versammelten das jüdische Totengebet „Kaddisch“.

Ins Auge stechen auf dem Friedhofsgelände die orange-roten Absperrzäune zwischen den Grabsteinen. „Die Absperrungen bleiben, bis die zerstörten restlichen Steine wieder aufgestellt wurden“, erläutert Klaus Titze vom „Arbeitskreis 27. Januar“. Die Zäune waren nach der Zerstörung von elf Grabsteinen aus Sicherheitsgrünen gezogen worden. Ein rechtsradikaler Hintergrund wird ausgeschlossen. Der Täter stellte sich, und mit der jüdischen Gemeinde fanden einvernehmliche Gespräche über die Restaurierung der Steine statt (wir berichteten).

Im Anschluss wechseln die Teilnehmer der Veranstaltung die Straßenseite, um im Quäker-Haus den Erzählungen der Zeitzeugin Gisela Faust zuzuhören. Die 90-Jährige berichtet, wie auch Pyrmonter jüdische Kinder bis zum Alter von 16 Jahren aus Nazi-Deutschland über Berlin, hauptsächlich nach England, aber auch nach Schweden gerettet wurden. „Den Kindern wurde von ihren Eltern gesagt: Wir kommen nach“, erzählt Faust. Im Ausland seien die Kinder von fremden Familien aufgenommen worden – und überlebten.

Gisela Faust (90) erinnert sich, wie jüdische Kinder aus Bad Pyrmont gerettet wurden. Ihr Versprechen „Wir kommen nach“ konnten deren Eltern nicht halten. cg

Gisela Faust selbst kennt Bad Pyrmont seit ihrer Kindheit, da sie mit ihren Eltern oft in die Kurstadt reiste, um sich dort mit anderen Quäkern zu treffen – heimlich auf einem Bauernhof im Friedensthal. „Viele stille Helfer haben überlebt, aber nie darüber gesprochen“, weiß sie und bedauert diese Lücke in der Geschichtsschreibung.

Heimatforscher Manfred Willeke spricht über die damalige Situation der im Talkessel lebenden Juden. Sein Großvater habe Bürgschaften für Juden übernommen, damit sie ein Visum bekamen und ausreisen durften. „Das tat er über insgesamt 290 000 Reichsmark, die er gar nicht hatte.“

Leonie Glahn-Ejikeme berichtet über die Quäker-Familie des Dr. Otto Buchinger, der 1939 seine Kurklinik in Bad Pyrmont eröffnete. Er organisierte Hilfsmaßnahmen und schrieb seinen jüdischen Kur-Anwärtern einen Brief. Darin riet er ihnen davon ab, nach Bad Pyrmont zu reisen: „Ich bedauere es als Mensch und Arzt.“ Dies unterschrieb er mit „hochachtungsvoll“. Damit zog er den Zorn der „deutschen Ärzteschaft“ auf sich – was dazu führte, dass eine Klinik-Erweiterung abgelehnt wurde. Weil er sich bei den Nazis unbeliebt machte, wurde ihm auch sein Lehrstuhl in Witzenhausen entzogen.

Die Pyrmonter Gedenkveranstaltung habe im Laufe der Jahre „stetig einen leichten Zuwachs zu verzeichnen“, stellt Klaus Titze zufrieden fest.

Und Quäker-Hausherrin Leonie Glahn-Ejikeme macht den Brückenschlag in die heutige Zeit. „Wir müssen uns erinnern, damit wir heute wachsam sind. Die weltweite Situation verfolgter Menschen sollte uns aufrütteln und aufrufen, ihnen eine Zuflucht zu bieten.“



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