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Aygül Özkan und die Integration

Von Hans-Ulrich Kilian

Bad Pyrmont. Für Elisabeth Krause ist Integration nicht nur ein Wort. „Bei uns wird Integration gelebt“, versichert die Leiterin der Pyrmonter Paritäten und verwies auf Mitarbeiter der unterschiedlichsten Nationalitäten: Griechen, Türken, Engländer, Russen, Ukrainer und nicht zuletzt Deutsche. Nicht Mitarbeiter wie sie sind es, die die aktuelle Diskussion über Integration und eine angebliche Überfremdung Deutschlands meint.

veröffentlicht am 17.10.2010 um 17:15 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 01:21 Uhr

Özkan Körtner
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Von Hans-Ulrich Kilian

Bad Pyrmont. Für Elisabeth Krause ist Integration nicht nur ein Wort. „Bei uns wird Integration gelebt“, versichert die Leiterin der Pyrmonter Paritäten und verwies auf Mitarbeiter der unterschiedlichsten Nationalitäten: Griechen, Türken, Engländer, Russen, Ukrainer und nicht zuletzt Deutsche. Nicht Mitarbeiter wie sie sind es, die die aktuelle Diskussion über Integration und eine angebliche Überfremdung Deutschlands meint. Es sind jene, die sich der Gesellschaft verweigern oder ihr orientierungslos gegenüberstehen und die es notwendig machen, dass die Niedersächsische Landesregierung mit Aygül Özkan eine Ministerin hat, die nicht nur für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit zuständig ist, sondern auch für Integration.
 Zum Abschluss ihres Besuches in Bad Pyrmont wollte die CDU-Politikerin von Betroffenen erfahren, wie sie die Situation sehen und sie wollte die Möglichkeit nutzen, deutlich zu machen, wie sie selbst als erste Ministerin mit Migrationshintergrund, dazu steht. Der Verband der Paritäten mit seinem Multikulti-Hintergund erschien der Landtagsabgeordneten Ursula Körnter, die die Ministerin eingeladen hatte, der richtige Gastgeber für eine Gesprächsrunde über Integration zu sein. „95 Prozent der Ausländer fühlen sich in Deutschland wohl“, versuchte die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Niedersachsen, Cornelia Rundt, dem Thema die angemessene Dimension zuzuweisen. Dass Thilo Sarrazin mit seinem Buch die Diskussion angestoßen habe, sei dessen einziger Verdienst. „Ansonsten hat er nur polarisiert, und das hilft niemandem weiter.“
 Auch in Bad Pyrmont ist Integration und die Angst vor Überfremdung ein Thema, das Buch Sarrazins ein Verkaufserfolg. Dass die Kurstadt in dieser Hinsicht eher als ein „beschaulicher und geordneter Bereich“ erscheint, wie es Körtner feststellte, ohne zu verschweigen, dass es auch hier Probleme gebe, die es zu regeln gelte, liegt vielleicht daran, dass in Bad Pyrmont relativ wenige Ausländer leben. 7,6 Prozent mache der Ausländeranteil in der Kurstadt aus, berichtete der Integrationsbeauftragte des Landkreises Hameln-Pyrmont, Dr. Feyzullah Gökdemi. Im gesamten Landkreis seien es 16,4 Prozent. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es in Bad Pyrmont schon lange einen Integrationsbeirat, ein Türkisches Kulturzentrum oder den Verein „Arbeit und Integration“ (AIBP) gibt, die viele Projekte auf den Weg gebracht haben.
 Dass dies nicht immer mit dem gewünschten Erfolg geschehen ist, ist Fakt. „Viele Betriebe sind in der Praxis noch nicht so weit“, erklärte sich die Vorsitzende des Integrationsbeirates, Kiriakoula Koussataloglou-Mund, die bescheidene Resonanz auf den Versuch, ausländische Auszubildende und Betriebe zusammen zu bringen. „Die Betriebe haben Angst, dass sie jemanden holen, mit dem sie dann nicht umgehen können.“
 Auf der anderen Seite fehlen vielen jungen Ausländern die Informationen über Ausbildungs- oder Studienmöglichkeiten oder wie sie sich für die Gesellschaft engagieren können. Auch dies machte Dr. Gökdemi deutlich. „Viele wissen zum Beispiel auch nicht, dass sie ein soziales Jahr leisten können“ stimmte ihm Ministerin Özkan zu. „Dabei ist das eine Chance für einen beruflichen Einstieg. Dafür und für bürgerliches Engagement müssen wir werben.“
 „Sprache ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration, im Großen wie im Kleinen!“ Hinter dieser von der Ministerin in Bad Pyrmont nicht zum ersten Mal formulierte Forderung an Migranten, konnte sich die gesamte Runde versammeln. Und dass Sprachförderung gar nicht früh genug beginnen könne und ein Jahr nicht ausreiche, auch. „Wir müssen Eltern davon überzeugen, dass der Besuch eines Kindergartens ein wichtiger Baustein für den späteren Beruf ist“, so Özkan. „Der Kindergarten ist nicht nur eine Spielstätte, sondern eine Bildungsstätte. Da wird die Grundlage geschaffen.“ Sie selbst sei ein gutes Beispiel, denn ihre Eltern hätten sie im Alter von drei Jahren in einen Kindergarten gegeben. In Niedersachsen sei die Bereitschaft, sich an Integrationskursen zu beteilen, allerdings sehr groß.
 Ursula Körtner hält Sanktionen gegen Eltern für richtig, die ihren Kindern Sprachförderung vorenthalten. Doch auf der anderen Seite gibt es Kinder, die ihren Eltern „sprachlich über den Kopf wachsen“, wie es AIBP-Chefin, Marita Kalmbach-Ließ, formulierte. „Sie sehen dann auf ihre Eltern herab und darunter leidet deren Selbstwertgefühl, und zwar meistens das der Mütter.“ Offenbar, so war am Rand der Veranstaltung zu erfahren, gibt es Familien in Bad Pyrmont, die sich nicht einmal ansatzweise bemühen, Deutsch zu lernen. Wenn die Tochter den gesamten „Dolmetscherdienst“ für eine vielköpfige Familie übernimmt, dann ist es hier nicht weit her mit der Integration. Es könnte also sein, dass es noch dauert, bis Aygül Özkan Wunsch in Erfüllung geht. Dass es irgendwann völlig normal ist, was sie selbst tut – eine Ministerin mit Migrationshintergrund zu sein.



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