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Warum die Kronen-Lichtspiele in Bad Pyrmont und andere Kinos „Avengers“ boykottieren

Aufstand gegen Walt Disney

Bad Pyrmont. Es ist eigentlich ein Stoff, wie gemacht für einen Hollywood-Blockbuster, ein Kampf David gegen Goliath: Kleine Underdogs wagen den Aufstand gegen einen weltweiten Unterhaltungskonzern, streiten für ihre Existenz gegen einen übermächtigen Gegner. Der Disney-Konzern bringt diesen Donnerstag seinen neuen Film „Avengers: Age of Ultron“ in die Kinos und hofft auf großes Interesse an Helden wie Iron Man, Hulk oder Captain America. Die Stars heißen unter anderem Robert Downey Jr., Chris Evans oder Scarlett Johansson. Ausgerechnet aus der norddeutschen Provinz geht nun ein Aufstand von Kinobetreibern aus, die empört sind über die Preispolitik des Global Players. Viele Hundert Kinos in den kleineren Städten Deutschlands werden den Film boykottieren, darunter die Kronen-Lichtspiele in Bad Pyrmont. Auch das Kinocenter in Rinteln beteiligt sich – in Hameln, Rinteln, Stadthagen und Bückeburg wird der Action-Streifen dagegen zu sehen sein.

veröffentlicht am 21.04.2015 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 16:41 Uhr

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Autor:

Andreas Timphaus und Elmar Stephan
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„Es kann nicht sein, dass der Verleiher die Gebühren einfach so anhebt. Wenn wir noch mehr zahlen müssen, können wir zumachen“, schimpft Torben Scheller, Inhaber und Betreiber der Kronen-Lichtspiele in Bad Pyrmont. Wahrscheinlich wäre die Hollywood-Produktion hier ohnehin nicht zu sehen gewesen. „Wir zeigen vornehmlich Filmkunst-Kino.“ Aber wenn in der nächsten Woche der Kinderfilm „Tinkerbell“ anläuft, werde er diesen wohl nicht zeigen, kündigt Scheller an.

Kürzlich habe man in Bad Pyrmont auf die neue Digitaltechnik umgestellt – zum Teil erzwungenermaßen, weil die Filmverleiher sich weigerten, weiterhin Filmrollen zu produzieren. Dadurch seien Kosten von etwa 70 000 Euro pro Leinwand entstanden. Außerdem werde seit Beginn des Jahres der Mindestlohn gezahlt, erklärt Scheller. „Auch bei uns dreht sich die Schraube enger.“

Aus Schellers Sicht ist das Verhalten von Disney „kein seriöses Geschäftsgebaren“. Bereits in der Vergangenheit habe sich der Verleiher wiederholt geweigert, bei verschiedenen Fördermaßnahmen mitzuwirken. Deshalb sei ein Boykott das richtige Signal. „Die müssen merken, dass sie Geld verlieren“, glaubt Scheller.

Disney verlange von den Kinos als Miete 53 Prozent des Ticketpreises, sagt Karl-Heinz Meier. Der 64-Jährige betreibt in der 500-Einwohner-Gemeinde Quernheim im Kreis Diepholz die Lichtburg. Und er ist Sprecher der „I.G. Nord“, eines Zusammenschlusses norddeutscher Kinobetreiber. Mehr als 50 Prozent als Miete für einen Film sei einfach zu viel. Gerade für Kinos in der Provinz werde es bedrohlich. „Sollten auch andere Verleiher auf diesen Zug aufspringen, gibt es ein Kinosterben in der Fläche“, warnt das Kino-Urgestein.

Disney habe gegen ein lange bestehendes ungeschriebenes Gesetz verstoßen, sagt Andreas Kramer vom Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF). Bezogen auf die Ortsgröße habe es von den Verleihern immer einen flexiblen Rahmen bei der Filmmiete gegeben. „Und dieser Rahmen wird nun nach oben hin ausgereizt, ohne dass die Kinos informiert worden oder darauf vorbereitet worden sind.“ Die Kinos in den größeren Städten müssen bereits die 53-prozentige Filmmiete zahlen.

Die Kinos kommen gerade von einer sehr teuren Investitionsrunde: Die Kosten für die Umrüstung der Kinosäle auf digitale Projektionstechnik habe die Unternehmen in den vergangenen Jahren seiner Einschätzung nach gut 3,4 Milliarden Euro gekostet, erinnert Kramer. Auch wenn viele Kinobetreiber für die Umstellung sowohl Branchen- als auch staatliche Fördergelder bekommen hätten, dauere die Amortisierung gerade in den kleinen Städten deutlich länger als in den Metropolen.

Die ausländischen Major-Verleiher blendeten die Vielfältigkeit der deutschen Kinolandschaft einfach aus, klagt Kramer. Und die Verleiher beobachteten untereinander genau, was die Kollegen tun. „Wenn Konditionen einmal auf dem Markt durchgesetzt sind, werden auch andere darauf aufspringen.“ Mit dem Aufstand gegen Disney begonnen haben 160 Kinobetreiber in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Der Protest sei aber deutschlandweit, sagt Kino-Urgestein Meier. „Es sind Kinos vom Rheinland bis Thüringen, von Rendsburg bis Oberbayern“, sagt er. Bis zu 600 Lichtspielhäuser in Deutschland zeigten deshalb die „Avengers“

nicht.

Zu dem Thema wollte sich Disney nicht äußern. „Es entspricht nicht unserer Firmenpolitik, vertrauliche Details unserer Geschäftsbeziehungen öffentlich zu kommentieren“, unterstrich Petra Strobl von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany in einer schriftlichen Stellungnahme.



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