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Stadt muss die Bestattung mittelloser Verstorbener bezahlen – und deren Zahl steigt von Jahr zu Jahr

„Auch der Ärmste wird nicht einfach verscharrt“

Bad Pyrmont (Hei). Einsam und arm starb der alte Mann. Niemand war da, um das Begräbnis des Mittellosen zu bezahlen. Kein Angehöriger, der ihm das letzte Geleit geben konnte. So musste die Kommune die Beerdigung bezahlen, wie es das Gesetz vorsieht. Schlicht und einfach, mit einer Urne im städtischen anonymen Gräberfeld auf dem Oesdorfer Friedhof. Nur ein Bestatter und ein Pastor begleiteten den Verstorbenen auf seinem letzten Gang und sprachen am Grab ein Gebet für ihn.

veröffentlicht am 17.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 06:21 Uhr

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Und doch muss dieser Tote oder vielleicht auch ein anderer der anonym Begrabenen jemandem nahegestanden haben. Vielleicht war es ein Freund, der einen Engel aus Keramik dort niederlegte, daneben einen kleinen Kranz mit einer Schleife: „Wir vermissen dich.“ Ein tröstliches Zeichen auf dem trostlosen kleinen Gräberfeld.

Die Zahl der Menschen, die arm und ohne Angehörige sterben, steigt immer mehr an – zumal in einer Stadt wie Bad Pyrmont, in der viele Senioren allein oder in Altenheimen leben und in der auch einsame Todkranke von außerhalb ins Hospiz kommen. Denn: Stirbt ein mittelloser Mensch, der keine Angehörigen hat oder dessen Verwandte nicht zu ermitteln sind, so muss für seine Bestattung die Gemeinde aufkommen, in der er gestorben ist.

Waren dies in Bad Pyrmont im Jahre 2008 noch 19 Verstorbene, für deren Bestattung die Kommune 36 383 Euro aufwenden musste, so stieg die Zahl bis 2011 auf 24 Tote mit Kosten von 43 865 Euro. Das Ordnungsamt hat dann die oft schwierige Aufgabe, irgendwo Angehörige ausfindig zu machen, die die Kosten erstatten müssen: Ehe- oder eingetragene Lebenspartner, Kinder, Enkel, Eltern, Großeltern und Geschwister. So wurden der Stadt von ihren Aufwendungen im Jahr 2008 insgesamt 23 552 Euro und im vergangenen Jahr 26 191 Euro erstattet.

Die Bestattungskosten für Sozialhilfe-Empfänger werden nach dem Sozialgesetzbuch geregelt und dann übernommen, wenn auch die Verwandten bedürftig sind. 2008 betraf dies 16 Fälle, 2009 waren es 22, im Jahr darauf sackte die Zahl auf 12 ab und betrug im vorigen Jahr 18 Fälle.

In loser Reihenfolge werden die sechs in Bad Pyrmont tätigen Bestattungsunternehmen von der Stadt beauftragt, ein möglichst kostengünstiges Begräbnis zu arrangieren. In der Regel wird es eine Feuerbestattung auf dem anonymen Grabfeld sein, denn bei einer Erdbestattung würden auf die Gemeinde noch Folgekosten für die Grabpflege zukommen.

„Seit es kein gesetzliches Sterbegeld mehr gibt, ist für uns die Belastung natürlich größer geworden“, erklärt Sabine Spiegel, Leiterin des Ordnungs- und Sozialamtes im Rathaus. Vor allem die Suche nach Angehörigen gestalte sich oft äußerst schwierig und nehme viel Zeit in Anspruch. „Wenn Eltern und Kinder vielleicht seit Jahren verfeindet sind und nicht mehr miteinander gesprochen haben, fehlt meist die Einsicht, dass die Übernahme der Kosten eine Verpflichtung ist“, sagt Spiegel.

Manchmal sei es wie ein Lotteriespiel, ob sich Angehörige melden und an der Übernahme der Kosten beteiligen, bestätigt Bestatter Hannes Eggert. Allerdings treffen Alleinstehende, wenn sie es denn können, immer häufiger eine Vorsorge-Regelung und zahlen vorab die Kosten für die Beerdigung, berichtet sein Kollege Ulrich Bente. Falls Verwandte oder Freunde da sind, wird auch bei einer von der Stadt übernommenen Beisetzung eine kleine Trauerfeier veranstaltet, allerdings sehr schlicht, zum Beispiel ohne Musik.

Doch oft gibt es Fälle, in denen nur der Bestatter und der Pastor die Urne zur Grabstelle begleiten. „Wenn jemand dann noch aus der Kirche ausgetreten ist, stehe ich manchmal sogar ganz allein am Grab. Doch auch der Ärmste wird nicht einfach verscharrt, jeder hat das Recht auf ein würdiges Begräbnis und ein Gebet“, sagt Bente.

Diese Einstellung teilen auch Hannes Eggert und Harald Jorns: „Zumindest ein Vaterunser und ein stilles Gedenken gibt es für jeden am Grab“, sagt Jorns, der übrigens die Erfahrung gemacht hat, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen, von denen immer mehr hier leben, weniger von einem „Armenbegräbnis“ betroffen sind: „Die meisten leben in Familienverbänden und sind selten so einsam, dass sie auch ihren letzten Weg allein gehen müssen.“



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