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Wie das Berufsförderungswerk 70 Jahre nach seiner Gründung in die Zukunft geht

Amputierte, Versehrte – Traumatisierte?

Bad Pyrmont. 70 Jahre sind ein Grund zum Feiern. Deshalb lud das Berufsförderungswerk Bad Pyrmont am Donnerstag 150 Gäste ein. Doch beim Festakt wurde klar: Das bfw steht erneut vor einem Umbruch. Der Standort in der Kurstadt soll künftig der „Schwerpunktversorgung“ von Patienten dienen – offenbar ohne Internat. (jl)

veröffentlicht am 10.12.2015 um 20:52 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 01:41 Uhr

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Autor:

Carlhermann Schmitt
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Bad Pyrmont. „Quo vadis, bfw?“ Aus einem Heereslazarett für amputierte Kriegsteilnehmer entstand im Sommer 1945 die Landes-Versehrtenberufsfachschule Bad Pyrmont, aus der dann das Berufsförderungswerk hervorging. Zu dessen 70-jährigem Bestehen gab Geschäftsführer Pierre Noster am Donnerstag einen Ausblick auf die Zukunft des bfw, das sich – wie schon öfter – neuen Herausforderungen stellen muss. Besonders kritisch blickte Noster auf das Internats-System, das manchem sogar als Kasernierung erscheint. „Reha-Träger verlangen individualisierte und kürzere Maßnahmen für ihre Versicherten“, betonte Noster, als er die Gründung der Inn-tegrativ gGmbH vorstellte.

Unter dem Dach dieser gemeinnützigen Gesellschaft werden künftig alle niedersächsischen Berufsförderungswerke zusammengefasst. „Alle Standorte werden auf Basis einheitlicher im Projekt „INN“ (Integrations-Netzwerk-Nord) entwickelter Standards betrieben, so dass standortübergreifende Rehabilitationsverläufe möglich sind.“ Neben den Standorten Goslar und Ems mit Maximalversorgung sollen Standorte mit Schwerpunktversorgung – zunächst Bad Pyrmont und später noch Hannover – sowie Standorte der regionalen Grundversorgung in ganz Niedersachsen die Rehabilitation der Patienten vorantreiben. „Und das möglichst wohnortnah sehr genau auf die individuellen Bedürfnisse abzielend“, erklärt Noster das Konzept.

Rund 150 Gäste aus Politik, Wirtschaft, den Reihen des bfw und der Deutschen Rentenversicherung Braunschweig-Hannover nahmen an der Feierstunde teil, in der Staatssekretär Jörg Röhmann aus dem niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung die Grundhaltung der Landesregierung zur Erbringung sozialer Unterstützung darlegte: „Bedarfsorientierung, Wohnortnähe und umfassender Anspruch auf Inklusion.“ Er versicherte, das Land stehe zu seiner „Strukturverantwortung“. Das bedeute: „Verantwortung für eine bedarfsgerechte Leistungserbringung“. Daraus sei nur mittelbar eine Verantwortung für den Erhalt von Institutionen abzuleiten. Abschließend dankte er den bfw-Mitarbeitern dafür, dass es in den vergangenen 70 Jahren rund 11 000 Menschen eine neue berufliche Perspektive habe eröffnen können. Was der Wandel für die Jobs im bfw bedeutet, konkretisierte er nicht.

Lacherfolg: Bürgermeister Klaus Blome überreicht bfw-Geschäftsführer Jörg Barlsen (re.) einen Gutschein für einen Gratis-Feuerwehr-Fehlalarm. yt

Rentenversicherungs-Chef Prof. Rolf Kreikebohm versicherte, die Strukturverantwortung ernst zu nehmen: „Natürlich kann nicht alles bleiben, wie es war. Die Klientel hat sich verändert. Die eher psychischen Belastungen rücken immer weiter in den Vordergrund.“

Die sozialpolitischen Akzente haben sich schon mehrfach verschoben: Erst wurden Kriegsfolgelasten angegangen, in den 1980er Jahren stand der fitte Arbeitnehmer im Fokus, und im Zuge des neoliberalen Effektivitätscredos wurde nur auf die Eingliederung, also das Ergebnis geschielt. „Alle neuen Herausforderungen haben Sie sich mit Erfolg gestellt.“ Deshalb zeigte er sich überzeugt, dass das bfw auch der sich verändernden Arbeitswelt durch „Industrie 4.0“ und den demografischen Wandel ebenso angemessen begegnen werde wie der gesellschaftspolitischen Aufgabe der Eingliederung von Flüchtlingen. „Wir sollten stolz darauf sein, dass die Flüchtlinge zu uns kommen wollen, und uns der Aufgabe stellen, sie dauerhaft als vollwertige Mitglieder in unsere Gesellschaft zu integrieren.“

Auf die Flüchtlinge ging auch Reha-Chefarzt Prof. Dr. Markus Bassler in seinem Festvortrag „Zivilisationserkrankung Stress – demografische Entwicklung – Veränderung der Arbeitswelt: Brauchen wir neue Rehabilitationsangebote?“ ein. Unter der Überschrift „Epigenetik“ erklärte der Arzt neue Erkenntnisse: Demnach verändern auch Umwelteinflüsse die Gene – die dann vererbt werden können. Posttraumatische Belastungssyndrome quälen also nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Kinder. Deshalb sei es ökonomisch sinnvoll und gesellschaftspolitisch notwendig, mittelfristig auch Flüchtlinge zu behandeln. Eventuell ein Arbeitsfeld für das bfw.

Aber auch generell sind psychische Leiden inzwischen die Hauptursache für Krankschreibungen, Tendenz steigend. Jeder Mensch, der dem Stress nicht mehr gewachsen sei, leide anders. Prof. Bassler appellierte an die Politik, sich dieser Zivilisationskrankheit mit aller Kraft anzunehmen. „Es gibt noch reichlich Forschungsbedarf, um den Menschen optimal zu helfen, sie auch da wieder heilen zu können, wo sie jetzt nur noch verrentet werden.“ Jeder dafür ausgegebene Euro rechne sich. Sowohl für die Volkswirtschaft als auch für das gesellschaftliche Klima. Denn optimal behandelte Menschen seien zufriedener.



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