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Schwurgericht: 34-jähriger Familienvater hat Ingrid P. (76) ermordet / „Es war keine Affekttat“

Alles im Leben von Marc H. ging schief

Wurde Opfer einer brutalen Messerattacke: Ingrid P. aus Bad Pyrmont.

veröffentlicht am 08.01.2010 um 22:30 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Bad Pyrmont. „Sie hatten plötzlich das Scheitern Ihres Raubplanes vor Augen. Da haben Sie zugestochen, um aus der Geschichte herauszukommen. Das ist ein Verdeckungsmord“, sagt der Vorsitzende Richter der 13. Großen Strafkammer, Wolfgang Rosenbusch, und begründet so die lebenslange Freiheitsstrafe für Marc H. (34), der ruhig auf der Anklagebank sitzt und keine Emotion zeigt. Eine Affekttat hat Marc H. aus Sicht des Gerichts nicht begangen. Er konnte klar denken, hat sogar versucht, den Mord zu vertuschen. Als er die Bluttat beging, habe er noch registriert, dass sich dem Auto, in dem er die Pyrmonter Seniorin Ingrid P. (76) mit einem langen Messer attackiert hatte, zwei Zeugen näherten. Und auf der Flucht lief er zunächst zu einem Gebüsch, um sein dort verstecktes Laptop zu holen. „Sie haben noch an Ihren Computer gedacht.“ Marc H. sei klar gewesen, dass die Polizei ihn finden würde. „Sie hätten genauso gut am Tatort Ihre Visitenkarte hinterlassen können.“

Verteidigerin Tanja Brettschneider hatte das Gutachten des Psychiaters Prof. Dr. Here Folkerts aus Wilhelmshaven angezweifelt und gesagt, er zeichne ein „verzerrtes Bild“ von ihrem Mandanten. Der Arzt geht zwar davon aus, dass sich Marc H. zur Tatzeit in „einer affektiven Ausnahmesituation“ befand und den Mord „nicht kaltblütig geplant“ hat. Eine „Einschränkung der Einsichtsfähigkeit und eine erhebliche Minderung der Steuerungsfähigkeit“ konnte er bei dem 34-Jährigen jedoch nicht erkennen. „Allein aus der Tatsache, dass H. neun Mal zugestochen hat, kann man keine Affekttat ableiten“, so der Professor.

Alles im Leben von Marc H. ging schief: Er sollte einmal den elterlichen Betrieb übernehmen, doch der Heizungsbauer schaffte die Meisterprüfung in Köln nicht. Er jobbte in Diskos, hatte Kontakte zum Rotlicht-Milieu, machte hohe Schulden und drehte krumme Dinger. Zweimal wurde Marc H. wegen Betruges verurteilt. Auch in der Firma seines Vaters soll er 9000 Euro unterschlagen haben. Er wurde gefeuert.

Gemeinsam mit einem Bekannten gründete er in Berlin eine Firma. Aber auch die ging den Bach herunter. Ihr Mandant habe zudem erhebliche Schulden im Rotlicht-Milieu gemacht, sagt H.’s Verteidigerin. „Es soll sogar ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt gewesen sein.“

Das Verhältnis zu den Eltern sei schon immer schwierig gewesen. Nach der Geldunterschlagung im Betrieb sei es zum Zerwürfnis gekommen. Der Vater sei es gewesen, der dem Arbeitsamt mitteilte, sein Sohn habe in seiner Firma Material gestohlen. Deshalb habe er sechs Monate kein Arbeitslosengeld erhalten. „Der Vater hat meinem Mandanten die Lebensgrundlage und die Existenz geraubt“, behauptete die Anwältin. Doch so schlecht können H.s Eltern nicht sein. Als der Sohn mit 70 000 Euro Schulden von Köln nach Hause zurückkehrte, half ihm der Vater aus der Patsche. Richter Rosenbusch ließ erkennen, dass der 34-Jährige „wahrscheinlich überwiegend selbst verantwortlich ist für sein Scheitern“.

Klaus P. (51), Sohn des Opfers, sagte gestern als Zeuge aus. Unter Tränen schilderte er, welches Leid der Mord an seiner Mutter über die ganze Familie gebracht habe. „Für meinen 92 Jahre alten Vater, der körperlich in sehr guter Verfassung war, ist nach 54 Jahren Ehe eine Welt zusammengebrochen“, erklärte der Ingenieur, der für ein deutsches Unternehmen als Projektdirektor in Katar arbeitet.

Drei Wochen nach der Ermordung seiner Frau stürzte der Witwer, als er einen Kondolenzanruf entgegennehmen wollte. Er zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Die Operation sei erfolgreich verlaufen, doch: „Unser Vater hatte keinen Lebenswillen mehr.“ Der Senior starb drei Wochen nach der Bluttat.



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