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Über den Ursprung Pyrmonter Straßennamen

Vor gar nicht langer Zeit war es üblich, in den städtischen Adressbüchern die Bewohner der Häuser öffentlich zu benennen und sie in einem zweiten Verzeichnis alphabetisch aufzulisten. Jeder konnte sich also ein Bild von den Menschen und ihren Familien machen, die in einem bestimmten Haus einer Straße wohnten. Und die Straßennamen selbst erinnern an manchen verdienten Bürger. Ein Blick in Pyrmonter Straßenverzeichnisse.

veröffentlicht am 15.09.2018 um 13:00 Uhr

Bad-Pyrmont-Hostessen zeigen Gästen, wo es langgeht. Foto: Archiv

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Das Straßenverzeichnis von Bad Pyrmont inklusive der Bergdörfer umfasst heute 343 Straßen. Im Jahr 1965 waren im „Wohnungsanzeiger“ 150 Straßen und Wege aufgelistet. Und in den 1920er Jahren zeigt der dem Pyrmonter Wohnungsanzeiger angefügte Stadtplan etwa 60 Straßen, an denen sich überwiegend Pensionshäuser und Hotels befinden. Gerade für den Kurgast ist ein Stadtplan zur Orientierung von großer Bedeutung. Noch heute befindet sich in der Brunnenstraße an der Außenwand des Rathauses eine solche großformatige Übersicht – auch wenn viele Menschen heute kontaktarm mit dem Navigationsgerät oder Smartphone unterwegs sind.

Die Straßennamen spiegeln die Geschichte des Ortes wider. In Bad Pyrmont wird dies, ob seiner Historie als Kurort von europäischem Rang, besonders deutlich. Der Name Brunnenstraße bedarf dabei keiner großen Erklärung: Die Straße führt seit Jahrhunderten in gerader Linie von Oesdorf in Richtung Brunnenplatz, auf dem sich die drei wichtigsten Heilquellen Pyrmonts befinden. 1720 wird die Straße zur „Neustadt Pyrmont“ ernannt, um hier die bedeutendsten Logishäuser anzusiedeln; erst im 19. Jahrhundert erhält diese bedeutendste Pyrmonter Straße, heute die Fußgängerzone mit all ihren Einkaufsmöglichkeiten, ihren aktuellen Namen. Auch Bezeichnungen wie Kirchstraße, Parkstraße oder Bahnhofstraße erschließen sich von selbst. Es gibt aber auch Benennungen, zu deren Deutung die Stadtarchivare Walter Fink und Dr. Heinrich Mehring erst einmal geforscht haben. Der Jägerweg gehört dazu. Er hat seinen Namen am 24. März 1961 erhalten. Mit dem Beruf des Waidmanns hat er nichts zu tun. Fink erklärt: „Der Name Jäger würdigt einen in Pyrmont aufgewachsenen Bürger, der nach einem 38-jährigen Aufenthalt in den USA nach Bad Pyrmont zurückkehrt, ein großes Grundstück am Königsberg erwirbt und mit seltenen Bäumen bepflanzt. Zum Gedenken an seine Frau nennt er den Park ,Rest Eve‘ (Evas Ruh).“ Dieses Gelände sollte der Öffentlichkeit als Erholungsgebiet zur Verfügung stehen. Eben auf diesem Gelände wurde später das Erholungsheim für Arbeiterkinder errichtet. Jäger war vermutlich ein jüdischer Bürger, denn sein Parkgelände wurde im Volksmund „Neu-Jerusalem“ genannt. Später hat der Heimkehrer für den Bau des Bathildis-Krankenhauses erhebliche Gelder zur Verfügung gestellt.

Namen von Stiftern spielen bei der Vergabe von Straßennamen stets eine wichtige Rolle. Der Hirschparkweg ist nicht „tierisch“: Er wurde am 29. Mai 1961 nach einem weiteren jüdischen Bürger, Samuel Hirsch, benannt. Dieser hatte seine Grundstücke oberhalb der Bismarckstraße an die Bad Pyrmont AG mit der Auflage vererbt, sie für Kurzwecke zu nutzen. Das Land Niedersachsen als Nachfolgerin der AG nutzte das Gelände für den Bau der Hufeland-Therme.

Eine Helferin mit Stadtplan auf dem Brunnenplatz im Dialog mit einem Automobilisten. Das ist fast 70 Jahre her. Foto. Archiv
  • Eine Helferin mit Stadtplan auf dem Brunnenplatz im Dialog mit einem Automobilisten. Das ist fast 70 Jahre her. Foto. Archiv
Der Arzt Dr. Johann Philipp Seip hat maßgeblichzum Erfolg Pyrmonts als Kurort beigetragen. Die Stadt dankt es mit der Widmung einer Straße. Foto: Archiv
  • Der Arzt Dr. Johann Philipp Seip hat maßgeblichzum Erfolg Pyrmonts als Kurort beigetragen. Die Stadt dankt es mit der Widmung einer Straße. Foto: Archiv
Bildhauer Friedrich Drake aus Oesdorf hat den Engel auf der Siesgessäule in Berlin geschaffen. Die Pyrmonter Drakestraße erinnert an ihn. Foto: Archiv
  • Bildhauer Friedrich Drake aus Oesdorf hat den Engel auf der Siesgessäule in Berlin geschaffen. Die Pyrmonter Drakestraße erinnert an ihn. Foto: Archiv

Die Reesestraße auf dem Gelände der Göslingschen Ziegelei erinnert an den letzten für die Gemeinde tätigen Schäfer in Oesdorf. Er stammt aus einer Bauernfamilie, die über viel Grundbesitz in und um dieses alte Dorf im Osten des Kurzentrums verfügt. Das Gelände des Reesehof-Kindergartens in der Winkelstraße wurde ebenfalls von dieser Familie der Oesdorfer Kirchengemeinde St. Petri gestiftet. Der Name der Winkelstraße – der Weg zum Kindergarten – rührt daher, dass mit Öffnung eines Pfades im Jahr 1930 hinter der Mauer des ehemaligen Amtshauses Bethesda ein Zugang zum Oesdorfer Marktplatz möglich wurde, der auf Höhe des heutigen Kindergartens einen Knick macht.

Ein Kurgast namens Helvetius lässt um 1870 aus Dankbarkeit für seine Heilung durch die Dunsthöhle neun große Bäume am Rand dieses Geländes pflanzen – so viele, wie sein Name Buchstaben hat. Darüber hinaus lässt er nahe der Dunsthöhle vier Rasenbänke anlegen. Am 7. Februar 1929 erhält der mittlerweile bebaute Weg hinunter nach Oesdorf den Straßennamen „Am Helvetiushügel“.

Die Herderstraße wie auch die Humboldtstraße, die Lortzingstraße, die Leibnizstraße oder der Matthias-Claudius-Weg sind Beispiele für weitere Kurgäste, die eng mit Pyrmont verbunden sind. Und Namen wie Doktor-Harnier-Straße, die Geheimrat-Seebohm-Straße oder die Marcard-Straße und die Menkestraße stehen für Badeärzte, die im 18. bis 20. Jahrhundert besondere Verdienste um die ärztliche Versorgung der Kurgäste erzielt haben. Von besonderer Bedeutung ist Dr. Johann Philipp Seip (1686-1757), dem 1873 die Seipstraße hinter der Wandelhalle gewidmet wird. Der Sohn eines Oesdorfer Pfarrers hat mit seinen medizinisch wie historisch bedeutsamen Publikationen den entscheidenden Impuls für die Erfolgsgeschichte des Kurortes Pyrmont gegeben. Nicht zufällig sind Zar Peter der Große und Friedrich der Große seine Patienten.

Namhafte Pyrmonter Bürger sind natürlich auch ein Anlass, um der Straße einen Namen zu geben. Bereits im Jahr 1875 entscheidet sich eine Kommission, den Bildhauer Friedrich Drake auf diese Weise zu ehren. Die Drakestraße steht für einen Bildhauer aus einer Oesdorfer Drechslerfamilie, der in Berlin eine unglaubliche Karriere als Künstler macht. Der vergoldete Engel auf der Siegessäule im Tiergarten nahe dem Brandenburger Tor ist wohl sein berühmtestes Werk. Die Drake-Vase auf dem Altenauplatz ist sein Geschenk an seine Heimatstadt, die ihn zum Ehrenbürger machte. Der Altenauplatz selbst erinnert an einen alten Bachlauf, die „alte Aue“. Das Wasser von der Säuerlingsquelle aus der Säuerlingsgasse und das Wasser der Trampelquelle wird hier mit weiteren Zuläufen zusammengeführt.

Die Gustav-Bermann-Straße trägt ebenfalls den Namen eines hochverdienten Pyrmonter Ehrenbürgers. Am 29. Juni 1962 erfolgt diese Benennung. Gustav Bermann hat als Ratsmitglied maßgeblich am Anschlussvertrag der Pyrmonter Grafschaft mit Preußen mitgewirkt. Als Redakteur des „Pyrmonter Wochenblattes“, das sein Großvater gegründet hat, gestaltet er die Zukunft dieses Kurortes erheblich mit. Er ist in vielen Vereinen Pyrmonts aktiv und hat als Vorsitzender lange Zeit den Männerturnverein geprägt.

Die Schellenstraße erhält am 15. März 1960 – so hat es Walter Fink recherchiert – nach der Asphaltierung ihre Bezeichnung. Im 19. Jahrhundert war diese Route als Kalkweg bekannt, weil er mit Kalksteinschotter befestigt war. Nun weist der neue Namen auf die Schellenburg hin, die 1184 vom Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg als Teil eines Systems von Burgen zum Schutz des Herzogtums Westfalen angelegt worden war. Im 19. Jahrhundert war der Wanderweg den Kalkweg hinauf ein beliebter Zugang zur Burgruine und zu dem aus Trümmern der Burg errichteten Aussichtsturm.

Dieser kleine Einstieg in die Straßennamen von Bad Pyrmont macht deutlich, wie man auf Schritt und Tritt durch die Straßen von Bad Pyrmont gehen kann und gleichsam auf geschichtsträchtigen Pfaden wandelt.



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