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Warum sogar noch die Enkel unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs leiden

„Zeit des Sprechens beginnt jetzt“

Lügde. „Diese Traumatisierung geht nicht weg“, beschreibt Hedwig Kramer (Name geändert) heute ihre Erinnerungen an das Kriegsende. „Nachts zogen die Horden durchs Dorf, und viele Frauen versteckten sich in den Wäldern, um nicht vergewaltigt zu werden.“

veröffentlicht am 07.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 06:41 Uhr

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Autor:

Claudia Guenther
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Sie selbst musste als Elfjährige mit ansehen, wie ihre Mutter in höchste Not geriet. Doch es bleibt beim Vergewaltigungsversuch. Jemand anders kam dazu und lenkte den Soldaten ab, so dass er von der Mutter abließ. „Wir hatten den Krieg angefangen und verloren, und dann waren wir ein Jahr lang vogelfrei“, erinnert sich die Tochter jetzt.

1946 wurde die Familie dann binnen einer halben Stunde aus ihrem Haus vertrieben. Doch heute reist die inzwischen 78 Jahre alte Lügderin wieder gerne in ihre alte Heimat Schlesien und hat gute Kontakte dorthin. „Heute umarmen wir uns mit den Polen“, erzählt sie.

Hass hegt sie nicht. Aber sie hat immer noch Angst und zittert am ganzen Körper, wenn sie an ihre damaligen schrecklichen Erlebnisse denkt. Sie nennt es „ein Wunder“, dass der Familie nicht noch Schlimmeres widerfahren ist.

Posttraumatische Belastungsstörung heißt das komplexe psychische Krankheitsbild bekanntlich im Fachjargon. Es kann infolge schwerer traumatisierender Kriegserlebnisse, sexuellen Missbrauchs, existenzbedrohender Erlebnisse und emotionaler Vernachlässigung auftreten. „Aber es wird erst seit 20 Jahren diagnostiziert“, erklärt die Detmolder Diplompsychologin Bettina von Uechtritz und Steinkirch.

Sie weiß von Frauen in Pflegeheimen, die ängstlich und verwirrt reagieren, wenn nachts junge Männer ihr Zimmer betreten – obwohl sie dort als Pfleger tätig sind. Oft hätten Menschen, die Schreckliches erlebt hätten, „Flash-Backs“. Ein harmloser Auslöser genügt – und die Erinnerung an das Durchlebte sucht sie urplötzlich heim, als sei es eben erst passiert.

„Mein Elternhaus kann nicht betreten“, sagt Hedwig Kramer mit aufgewühlter Stimme. Und das, obwohl ihr die heutigen Bewohner des Hauses im Riesengebirge die Türen öffneten. „Meine jüngeren Geschwister haben das geschafft, aber ich kann das nicht“. Nach dem Schreckensweg durch die letzten umkämpften Gebiete bis ins Münsterland sei sie als Elfjährige allein und getrennt vom Rest ihrer Familie bei einem Kohlenhändler untergebracht gewesen, wo sie vor der Schule putzen musste und nach der Schule zur Feldarbeit.

Wenn beim Lügder Osterräderlauf die Kanonen donnern und auch während des Silvesterfeuerwerks sind besonders bettlägerige Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sehr verwirrt und ängstlich, hat Karin Holzkämper beobachtet. Sie müssten dann beruhigt werden, weiß die Lügder Altenpflegerin aus eigener Erfahrung. „Man muss erklären, warum es knallt. Denn das belastet die Menschen schon sehr“.

Auch von Kriegsnachrichten aus anderen Ländern wenden sich die Menschen ab oder schalten den Fernseher aus, als wollten sie sich schützen. „Viele haben das irgendwie verarbeitet und wollen nicht mehr drüber sprechen“. Besonders männliche Pflegekräfte aus Osteuropa würden oft noch heute von den hilfsbedürftigen Damen im Altenheim kritisch beäugt bis abgelehnt. Holzkämpers eigene Großmutter habe sich bei Gewitter stets an die Bombardierungen erinnert und deshalb stets große Angst vor Blitz und Donner gehabt.

Die Psychologin von Uechtritz und Steinkirch erklärt indes, dass viele Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Überleben und Aufbau des Landes so beschäftigt waren, dass sie nicht über das erlebte Grauen sprachen – auch aus einer Scham heraus, dass die Aufmerksamkeit für erlittenes Leid zuerst den Opfern des Holocaust zustand. Doch alles persönlich Erlittene prägt sich dem Körper ein – nicht nur bei Soldaten, sondern auch Zivilisten.

Und auch die nationalsozialistische Erziehung wirkte nach: Kindern Geborgenheit zu vermitteln, galt als Weichmacherei. Mütter sollten ihre Kinder nicht in den Arm nehmen, sondern schreien lassen, um die Lungen zu stärken. Diese „Erziehungsmethoden“ hielten noch bis lange nach dem Kriege an, teils sogar bis in die 80er Jahre, hat von Uechtritz und Steinkirch recherchiert. Das erkläre eine oft mangelnde emotionale Beziehung zwischen Eltern und Kindern oder unter Ehepaaren, schließt sie nach dem Studium diverser wissenschaftlicher Untersuchungen dieses Zusammenhangs.

Um sich mit ihren Traumata überhaupt auseinandersetzen und sie verarbeiten zu können, benötigten die Menschen erst einmal „Abstand“ zu ihnen. Doch die mit Angst behafteten Erlebnisse und Gewalterfahrungen wieder an sich heranzulassen und zu bewältigen, sei selten ohne psychologische Hilfe möglich, sagt von Uechtritz und Steinkirch.

Diese Zeit des Sprechens beginnt jetzt, ist sie sicher. Dieser „gesellschaftliche Heilungsprozess“ sei unabdingbar, um die Last der unausgesprochenen Leidens- und Gewalterfahrungen nicht der nächsten Generation aufzubürden.

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